Donnerstag, 25. November 2010

Männerbünde, entzaubert

In einem lesenswerten Artikel erzählt Markus Feldenkirchen im aktuellen "Spiegel" die Geschichte des Andenpakts, jenes Bündnisses ehrgeiziger CDU-Männer aus dem Westen, das einst als unüberwindlicher Gegner Angela Merkels galt und das sich jetzt - völlig entmachtet - selbst aufgelöst hat. Von Christian Wulff bis Roland Koch, von Friedrich Merz bis Günther Oettinger gehörten viele Prominente dazu. Und sie haben fast alle mit dem Reporter über den ach so geheimen Geheimbund geplaudert, wenn man dem "Spiegel" glauben darf. Wenn auch meist mit der thrillertauglichen Schlussbemerkung: "Dieses Gespräch hat offiziell nicht stattgefunden."

Was auffällt, ist, wie ungeniert diese groß gewordenen Jungs von "Mutti" reden, wenn von Angela Merkel die Rede ist. Was weiterhin auffällt, ist, welche taktischen Fehler die Gruppe gemacht hat: Warum mussten sie die Frau aus dem Osten, deren Karriere sie doch verhindern wollten, denn in ihre Runde einladen? Sollte das eine Imponiergeste sein? Gar eine Drohung? Jedenfalls wusste die Parteivorsitzende fortan, wer ihre Gegner waren, und konnte sie Schritt für Schritt beiseite räumen. Als guter Reporter geht Markus Feldenkirchen respektvoll mit all seinen Protagonisten um, auch mit Angela Merkel, die er im Regierungsflieger zum Reden bringt. Man merkt aber, dass er sich zwischen den Zeilen das Lachen nicht verkneifen kann.
Um andere Männerbünde, nämlich um rechtskonservative Kreise in der katholischen Kirche, geht es - ebenfalls im "Spiegel" - im Interview mit dem wegen Schwulenfeindlichkeit aus dem Klerus ausgestiegenen Theologen David Berger. Er enthüllt, dass es für ihn sogar karrierefördernd war, homosexuell zu sein: "In Klerikerkreisen hat man mir immer wieder durch eindeutige Blicke, Umarmungen, Streicheln über die Oberarme und übermäßig langes Festhalten der Hände gezeigt, dass man nicht nur meine Arbeit sehr schätzte. Dass viele Prälaten homosexuell veranlagt waren, hat sicher ihre Bereitschaft erhöht, mir zu Ämtern zu verhelfen." Lange habe er eine Sache nicht wahrhaben wollen: "Die größte Schwulenfeindlichkeit geht in der katholischen Kirche von homophilen Geistlichen aus, die ihre Sexualität krampfhaft verdrängen."

Nun ist Schluss mit der Scheinheiligkeit, und der Aussteiger bekennt stolz: "Statt für meine Rechte und die meines Lebensgefährten einzutreten, habe ich antidemokratische und antiliberale Gruppen unterstützt, die diese Rechte bekämpfen und in denen manche von einem fundamentalistischen katholischen Gottesstaat träumen oder allen Ernstes zu einem katholischen Dschihad aufrufen." Auch deren scheinbare Macht kann leicht in sich zusammenfallen, wenn der Schleier des Geheimnisses gelüftet wird.

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