Montag, 15. November 2010

Schröder, Schwarzer, Merkel: Aspekte des Feminismus

Die ZDF-aspekte-Sendung finde ich meist geistreich, manchmal originell und oft anregend. Am Freitag um 23 Uhr ist das eine Leistung - nicht von mir, sondern vom Programm, das mich am Ende einer Arbeitswoche davon abhält, auf dem Kuschelsofa einzudösen. Am vergangenen Freitag hat mich die Sendung sogar aus den Polstern gerüttelt, mit dem Beitrag "Bild dir eine Meinung: Ist Alice Schwarzer ein Problem für den Feminismus?". (Aus rechtlichen Gründen leider nicht in der Mediathek anzusehen.)

Weil die Emma-Chefin in einem Offenen Brief mit Frauenministerin Schröder abgerechnet hatte, rechnete die aspekte-Redaktion nun ihrerseits mit der "Steinzeit-Feministin" (Zitat aus der Moderation) ab - und zwar gründlich.


Die Kolleginnen Anna Riek und Dunja Stamer warfen Alice Schwarzer vor, was ihr viele - auch ich - ankreiden: ihre Arbeit für die Bildzeitung (die sich jetzt an dem "bizarren Sex-Streit" mit der Ministerin ergötzte), ihre zu pauschale Islamkritik und ihren Alleinvertretungsanspruch in Sachen Feminismus. Nur leider, leider war der Beitrag ebenso wie das Objekt seiner Kritik: pauschalisierend. Und die O-Ton-Geberinnen setzten sich dabei genauso geschickt in Szene wie Alice im Bildzeitungsland. Gegenstimmen gab es: Keine.

Nun habe ich nicht grundsätzlich etwas gegen Polemik. Polylux zum Beispiel inszenierte die Kunst des unbeirrten Meinungsjournalismus immer sehr plakativ im "Fightclub. Ein Thema- zwei Meinungen" - aber eben von zwei Seiten. In der aktuellen Schröder-Schwarzer-Debatte aber gibt es schon mehr als genug Polemik - und zum Thema Feminismus sowieso. Ein Beispiel aus der Anmoderation des aspekte-Beitrages durch Wolfgang Herles:
"Das Bestes, was man vom Feminismus sagen kann, ist, dass er erfolgreich war. Wir werden von einer Kanzlerin regiert und niemand führt die Mängel ihrer Politik auf die Tatsache zurück, dass sie eine Frau ist. Gerade wurde eine lesbische Angehörige der autonomen Frauenbewegung zur Bundesverfassungsrichterin gewählt, und hin und wieder nehmen jüngere Kollegen Elternzeit in Anspruch - wenn das kein Fortschritt ist. Das Komische an den Feministinnen ist, dass sie trotzdem mit intolerantem Furor zu Wege gehen."
Bei diesen Worten war ich - wie gesagt - auch Freitag spät abends aus den Polstern gerüttelt wie die Werwölfin vom Vollmond und spürte die intolerante Furie in mir heranwachsen. Ja, Herr Herrles, auch ich halte es - rein frauenpolitisch gesehen - für einen Fortschritt, dass es mittlerweile eine Bundeskanzlerin gibt. Ich finde es aber nicht zum Jubeln, dass es von der Einführung des Wahlrechts für Frauen bis zu diesem Erfolg knapp 100 Jahre gedauert hat. Und gar nicht komisch finde ich, dass ich mich nun darüber freuen soll, dass niemand Angela Merkels Fehler öffentlich ihrem Geschlecht ankreidet. Sondern ich bin fassungslos, dass man die Möglichkeit auch nur in Erwägung zieht.

Kommt eigentlich irgend jemand auf die Idee zu sagen, Menschen mit Behinderungen sollten endlich aufhören, Barrierefreiheit und Integration zu fördern, schließlich wäre doch ein Rollstuhlfahrer Finanzminister und der dürfe sogar seinen Pressesprecher schlecht behandeln ohne dass man da irgendeinen Zusammenhang sehe?

Feministinnen hat das Motto "Sei freundlich und bescheiden, dann mag dich jeder leiden" noch nie weiter gebracht. Nur mit ihrer Wut (=Furor) haben sie die Gleichberechtigung voran getrieben. Manchmal schießen sie dabei auch übers Ziel hinaus - wie so mancher Fernsehbeitrag.

Weitere Reaktionen auf den aspekte-Beitrag gibt es hier.

1 Kommentar:

Amy hat gesagt…

Lt. Süddt. Zeitung vom 6.5.2oo8 Àntwort auf Alice Schwarzer` hatten sich damals die Alpha-Mädchen M. Haaf, S. Klinger, B. Streidl von einer sogenannten Absetzung der Feministin Alice Schwarzer deutlich distanziert. Auch in diesem Artikel wird darauf hingewiesen, dass Alice Schwarzer sich nicht als Führerin Nr. 1 oder als Stellvertreterin der Frauenbewegung bezeichnet. Der Fairness halber sollte das nicht vergessen werden.
Ich finde die Demontage e. Feminismusvertreterin von jüngeren Frauen (u.a. Julia Seeliger v.d. Taz) eher ekelhaft und unproduktiv. Alice Schwarzer gehört nicht ins Wachsfigurenkabinett, eher diejenigen, die das fordern - nach meiner Meinung.
Göttin bewahre uns vor Frauen wie Frau Schröder ....