Samstag, 7. Juli 2012

Fünfzig Mal Mund auf in der Schweiz

Neuerscheinung von Geraldine Friedrich 2012 Foto: Silke Schneider-Flaig
Die Schweiz ist weltweit nicht nur für (steuer-)rechtliche Sonderregelungen und Skigebiete bekannt. Das beliebte Urlaubsland wird auch für seine kulinarischen Köstlichkeiten geschätzt. Rösti, Züricher Geschnetzeltes oder Schweizer Wurstsalat steht auf vielen deutschen Speisekarten. Aber bei Capuns, Schabziger oder Tomme Vaudoise wird es schon komplizierter. Spätestens bei Cholera wirken viele Reisende ratlos.
Denn wer ahnt schon, dass Einwohner des Kantons Wallis gerne Cholera essen. Hier lohnt sich ein Blick in ein quadratisch, praktisch, selbst in Handtaschen passendes Büchlein, das weder Kochbuch noch Restaurantführer ist. Es ist vielmehr eine kulinarische Entdeckungsreise, die sofort selbstsicher macht. Fünfzig Mal Mund auf in der Schweiz liefert nicht nur leckere Kochrezepte, sondern auch interessante Hintergrundinformationen über die vielfältige und qualitativ hochwertige Esskultur. Die Einflüsse aus Frankreich und Italien werden redaktionell ebenfalls beachtet.
Hungrig nach mehr?
Gründlich recherchierte und kommentierte Hintergrundlinks informieren zum Beispiel über Schokolade und und (auch weniger) bekannte Schokoladehersteller, kostenlose Wochenzeitungen, die regelmäßig  mit Prominenten kocht, sowie über Herkunft, Inhalt und Geschichte klassischer Speisen. Beeindruckend ist auch die ausgewogene Recherche und Nennung von Konkurrenten. Und Begriffe wie "margarineunabhängiger Verlag" machen Wirtschaftsinformationen, die nichts mit Gaststätten zu tun haben, interessant. Aber auch ungewöhnliche historische Zusammenhänge zwischen Kochrezepten und Namensgebung werden kurzweilig geschildert. Zum Beispiel, dass der Legende nach das Gericht Cholera während einer Choleraepidemie entstand. Die Leute trauten sich nicht aus dem Haus aus Angst vor Ansteckung. So kochten sie mit dem, was sie in ihren Vorratskammern hatten kreative Gerichte.
"Vorsicht: Truffes du Jour bergen echtes Suchtpotenzial, sie verwandeln sich bei regelmäßigem Verzehr direkt in Hüftgold, sind aber glücklicherweise nicht an jeder Ecke erhältlich."
Nicht nur Botaniker werden bei einer speziellen Krokusart namens Mundner Safran hellhörig. Dieser wird nämlich nicht nur in südlichen Ländern angebaut, sondern auch in einem kleinen Ort namens Mund im Wallis. Dass das "rote Gold" teuer ist, lässt sich erahnen. Aber auch die Beschaffung ist nicht einfach. Schließlich ernten 116 Produzenten lediglich drei Kilogramm Safran. Um praktische Insider-Tipps ist die Autorin nicht verlegen und nennt als Alternative den Kauf von vorportioniertem Safran in Supermärkten. Und visuell wird das Gewürz auf einer Doppelseite in beiden Varianten so dargestellt, dass sich jeder etwas darunter vorstellen kann. Ein ungewöhnliches - aber auch ungewöhnlich kurzweiliges Buch mit hohem praktischem Nutzwert. Ein Nachteil ist jedoch, dass die Lesbarkeit der roten Seite vor dem Vorwort (schwarze Schrift) visuell erschwert wird. Immerhin ist die Widmung
"Für Micha und Tim, die meine Koch- und einkaufexperimente mit Geduld ertragen haben - und für meine Mama, die michmein halbes Leben täglich toll bekocht hat!" 
gut lesbar.

Die Autorin Geraldine Friedrich, Jahrgang 1970, ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Journalistin. Sie schreibt jedoch nicht nur für Wirtschaftsredaktionen, sondern auch über Essen und Trinken. Seit 2009 lebt sie mit ihrer Familie in der Schweiz und ist auch mit den kulinarischen Besonderheiten ihrer Wahlheimat bestens vertraut.

Titel: Fünfzig Mal Mund Auf in der Schweiz - was man gegessen haben muss
Verlag: DRYAS, Frankfurt am Main 2012
ISBN: 978-3-940855-33-6
Preis: 11,95 Euro

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