Mittwoch, 30. Januar 2013

Als Himmelreich durch die Hölle ging

Der Tiefpunkt muss wohl die gestrige Talkshow von Markus Lanz im ZDF gewesen sein. Von einer öffentlichen Demontage der Laura H. schrieb - ohne großes Mitleid - Focus online. Hier hatte sich also eine mehr oder minder illustre Herren- und Damenrunde versammelt, um das abwesende Opfer zur Täterin zu stilisieren: Laura Himmelreich, die ein kritisches Porträt über den Politiker Rainer Brüderle im stern geschrieben und damit unfreiwillig einen #Aufschrei zum Thema Sexismus ausgelöst hat.

Etwas ausgewogener war es da noch bei Günther Jauch am Sonntag zugegangen. Da wurde die Reporterin, die sich nicht zeigen wollte, immerhin von ihrem Chefredakteur Thomas Osterkorn ritterlich vertreten. Doch was machte Bild.de daraus? "Wieso hat Laura Himmelreich gekniffen?" fragten die Kollegen scheinheilig und bauten den neuen "Twitter-Star" Anne Wizorek mit ihrem "Knallhart-Auftritt" zu ihrer Konkurrentin auf. Nur um beim heutigen "Showdown", dem Pressefrühstück der FDP in Berlin, in vorderster Reihe mitzutwittern, wie sich Brüderle und Himmelreich begegneten - naja, fast.

Auszug aus dem daraus entstandenen Bericht:
10.38 Uhr, Bundestag: 4 Kamerateams, 5 Fotografen, das gab's noch nie!
10.39 Uhr: Himmelreich ist da, mit einem Kollegen! Sie trägt einen dunkelblauen Mantel, rotes Oberteil, grauer knielanger Rock, rote Wildlederstiefel.
10.40 Uhr: Riesen-Andrang, mehr als 80 Journalisten sind mittlerweile eingetroffen
10.50 Uhr: Rainer Brüderle ist da
Dass Kubicki nicht mehr mit ihr flirten und Niebel nicht mehr mit ihr reden will, hatte Laura Himmelreich da wohl schon verkraftet.

Im Forum des Journalistinnenbunds fragten sich derweil ein paar Kolleginnen, wie es einer 29-Jährigen wohl so gehen mag, die derartigen Angriffen ausgesetzt ist, und was wir Älteren tun können, um ihr den Rücken zu stärken. Eine Stimme von vielen:
"Liebe Judith und alle. Ich kann mich gut daran erinnern als ich so um die 30 Jahre alt war und meine ersten üblen Erfahrungen mit Anfeindungen gesammelt habe, wie sehr ich mir gewünscht hätte (war aber natürlich zu stolz, um dies einzufordern), dass ältere Kolleginnen mir beistehen und sich mit ihrer Erfahrung schützend vor mich stellen... Vielleicht würde es Laura Himmelreich und Anne Wizorek schon gut tun, von unseren Forumseinträgen zu lesen..."
Also, liebe Laura, liebe Anne und auch liebe Annett - Ihr seid nicht alleine! Wir haben damals angefangen, Sexismus zu bekämpfen, aber wir haben ihn nicht besiegt. Heute kämpft Ihr, und wir sind selbstverständlich auf Eurer Seite. Lasst Euch nicht unterkriegen, macht einfach weiter!

Mehr dazu im Watch-Salon: Polit-Grabscher der Bonner Republik

Kommentare:

Magdalena Köster hat gesagt…

Komisch, dass der naheliegende kleine Sketch noch nirgendwo zu sehen war: 67jährige Politikerin sitzt nachts am Tresen. Kommt 29jähriger Redakteur auf sie zu, spricht sie an. Sie schaut ihm unangenehm auffällig zwischen die Schenkel und meint süffisant: "Sie würden aber auch eine Lederhose ausfüllen."

Plogstedt hat gesagt…

Guter Titel.
Wir haben in den 80er Jahren das Thema etabliert. Und sogar für Gesetze gesorgt. Auf meiner Homepage finden sich ein paar Hinweise.
Die Geschichte des Themas ist in er jetzigen Debatte noch kaum gehoben.
Sibylle Plogstedt

Christine Olderdissen hat gesagt…

Bascha Mika berichtet im neuen "Stern", von Anzüglichkeiten und unerwünschter Anmache als sie 30, 40, 50 war. Nun ist sie knapp 60 - Sexuelle Belästigung ist keine Frage des Alters.

Und auch nichts Neues. Aber endlich sprechen ARD-Reporterinnen wie Hanni Hüsch, Patricia Schlesinger und Gesine Enwaldt im Fernsehen über eigene Erfahrungen, im NDR bei Panorama3, gesendet am Dienstag, 29.1.13.

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_3/panoramadrei475.html

Silke Schneider-Flaig hat gesagt…

Wären es mehrere (Alter unerheblich) Politikerinnen (und mindestens zwei Redakteure) gewesen, die spontan "zieht den Bayern die Lederhosen aus" gesungen hätten, dann wäre es wohl "sport-politische" Meinungsfreiheit, soweit Redakteure Lederhose getragen hätten und Politikerinnen keine FC Bayern München Fans sind..

info@elke-amberg.de hat gesagt…

Danke Judith für diesen Blogeintrag. Gestern habe ich auf bild.de das kleine Filmchen zum Brüderle-Pressefrühstück gesehen und war irgendwie froh, dass ein Kollege offenbar an Himmelreichs Seite war. Aber ist es nicht sehr sehr bedenklich, dass wir uns um die Kollegin (berechtigt) sorgen. Es zeigt, dass wir alle wissen, was eine durchmacht, oder durchmachen würde, die sexuelle Anmache und Gewalt öffentlich macht. Erschreckend.

Heidrun Wulf-Frick hat gesagt…

Die junge Kollegin Katharina Meyer von der Badischen Zeitung hat einen recht reflektierten Leitartikel zur Debatte geschrieben. Hier nachzulesen