Montag, 28. Januar 2013

#aufschrei und der Medienmainstream

Zu gewöhnlich, zu alltäglich sind sexuelle Anspielungen nachts an einer Hotelbar, von einem Politiker gegenüber einer Journalistin. So etwas allein ist keine Geschichte, die den Weg in die Zeitung macht, so die journalistische Wahrheit zu der sich Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn im ARD-Talk bei Günther Jauch am Sonntagabend bekannt hat. Und doch ist es ein Thema. Die Masse macht‘s. Mehr als 60.000 Tweets zum Thema #aufschrei innerhalb weniger Stunden nach der Veröffentlichung des Brüderle-Portraits im „Stern“ sind ein Zeugnis dessen, was Männer Frauen jederzeit und überall zumuten. Der „Stern“ wird den alltäglichen Sexismus in seiner Ausformung der sexuellen Belästigung in seiner nächsten Ausgabe vertiefen. Es ist keine Lappalie, es ist ein journalistisch relevantes Thema. Denn es zeigt gesellschaftliche Realität.

Sexuelle Belästigung ist ein Instrument der Macht. Wenn Männer nicht mehr weiterwissen, sexualisieren sie Frauen. Und weil Frauen beruflich so sehr vorandrängen, ist zunehmend der Arbeitsplatz Tatort für sexuelle Belästigung.

Das ist nicht länger hinnehmbar. Weder im Fall einer politischen Journalistin an einer Hotelbar kurz vor Mitternacht, noch anderswo. Das haben Alice Schwarzer, Silvana Koch-Mehrin und Anne Wizorek, Kommunikationsberaterin aus Berlin und Erfinderin des Hashtags #aufschrei, am Sonntagabend bei Jauch unisono klargestellt.

Überraschend wie schnell und vielfältig das Thema „der alltägliche Sexismus“ von Freitag an von den Mainstream-Medien aufgegriffen worden ist. So sehr brennt die Luft. Es macht sich eben doch bemerkbar, dass in den Redaktionen viele, viele Journalistinnen arbeiten, die sich nicht mehr mit sexuellen Übergriffen abfinden wollen, wie es Wibke Bruhns zu ihrer aktiven Zeit als politische Journalistin der Bonner Republik getan hat und es auch im Jauch-Talk immer noch als einfach „nur lästig“ abtut. Andrea Ernst, Vorsitzende des Journalistinnenbundes, hat dagegen im Interview mit der Tagesschau gefordert: „Altherrenrunden der politischen Macht“ müssen im Umgang mit Journalistinnen „professionelle Distanz lernen“.
Die weltweite Empörung über eine tödliche Gruppenvergewaltigung in Indien war noch nicht verhallt, da erschienen die Artikel von Annett Meiritz im Spiegel und von Laura Himmelreich im Stern – mit einem entlarvenden Blick auf unsere Arbeitsbedingungen. Pro Quote fordert Journalistinnen auf, über eigene Erfahrungen mit sexueller Belästigung durch Chefs und Kollegen – und nicht nur Interviewpartner – vereinsintern zu berichten, so wie es heute bereits Hatice Akyün öffentlich im Tagesspiegel getan hat. Diese Beschreibungen unterscheiden sich in nichts von den zigtausend Twitter-Bekenntnissen bei #aufschrei und damit den Erfahrungen von Frauen quer durch die Gesellschaft.
Übrigens: am 14.2. sind wir weltweit zum Mitmachen aufgefordert bei der Aktion „One Billion Rising“. Nun erst recht sollte es eine machtvolle Erhebung der Frauen werden.
Anne Will talkt am Mittwoch in der ARD über "Sexismus am Arbeitsplatz.
"Aufschreien gegen Sexismus", ein neuer Blog, sammelt sexistische Erlebnisse von Frauen.

Mehr dazu im Watch-Salon: Polit-Grabscher der Bonner Republik

Kommentare:

Magdalena Köster hat gesagt…

Jetzt berichtet schon die New York Times über den deutschen #aufschrei. Und Lena Schimmel will eine statistische Analyse machen.

Text für den Link

Heidrun Wulf-Frick hat gesagt…

Toller Beitrag zu Wibke Bruhns, immerhin unsere Hedwig-Dohm-Preisträgerin: Das macht Antje Schrupp traurig