Freitag, 13. September 2013

Buchthema Rituelle Gewalt - Ulla Fröhling im Interview

Portraitfoto Ulla Fröhling
Buchautorin Ulla Fröhling   Foto: Irmin Eitel

„Teufelspakt“ – wenn Krimi auf Sachbuch trifft. Zur Eröffnung des Krimifests Hannover am kommenden Dienstag, 17.9.2013 lesen Bestsellerautorin Nele Neuhaus und Fachautorin Ulla Fröhling. Ihr gemeinsames Thema: rituelle Gewalt, Täterkreise, Trauma. Neuhaus fand für ihren Krimi „Böser Wolf“ Anregung genug in  „Vater unser in der Hölle“, Fröhlings Factfictionbuch von 1996. JB-Frau Ulla Fröhling beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit sexualisierter Gewalt in vielen Ausprägungen, wurde von der versierten Schreiberin zur engagierten Expertin. Es ist ein Thema, das professionellen Umgang von Journalistinnen und Journalisten erfordert, sagt Ulla Fröhling im Gespräch mit dem Watch-Salon.
 
Ob Zeitung, Radio oder Fernsehen, immer suchen wir im Journalismus Menschen, die uns ihre Erlebnisse schildern. Wir holen sie aus ihrer Anonymität, bitten sie ihr Gesicht in die Kamera zu halten…

… und erleben, dass manche es nicht verkraften. Besonders wenn sie dann wieder alleine sind. Eine Schweizer Studie ergab, dass die meisten Verbrechensopfer sich nach einer Veröffentlichung über ihr Erlebnis schlechter fühlen als vorher. Selbst wenn sie mit dem Text einverstanden sind. Ich habe auch gestaunt. Und Konsequenzen gezogen.

Von JournalistInnen wird immer gefordert, professionelle Distanz zu wahren. Psychotherapeuten dagegen haben die Supervision, um sich seelisch zu entlasten.

Supervision können sich alle holen. Bei meinem aktuellen Buch „Unser geraubtes Leben“, über die Colonia Dignidad, habe ich das auch getan; viele der Zeitzeugen waren so entgrenzt, dass es mich zu überschwemmen drohte. Manche in unserem Beruf scheinen zu fürchten, dass sie durch Therapie an Kreativität einbüßen. Also, mir hat es nicht geschadet.

Wie halten Sie das aus, diese jahrelange intensive Beschäftigung mit ritueller Gewalt?

Durch Alternativprogramme. Ich wollte wieder schmunzeln, wenn ich in die Tastatur hacke, so schrieb ich ironisch-erotische Kurzgeschichten. Aber den riesigen Fundus an Wissen, den ich schwertraumatisierten Menschen verdanke, schätze ich sehr. Hirn- und Therapieforschung fand ich immer faszinierend. Wie das im Gehirn funktioniert, wenn eine Erfahrung so schrecklich ist, dass sie nicht erinnert werden kann, weiß man heute recht genau. Klar, ich habe jetzt eine andere Weltsicht, bin „a sadder and a wiser woman“.

Sie haben die Renate Rennebach-Stiftung für Überlebende ritueller Gewalt mit gegründet. Journalisten und Journalistinnen machen manchmal, so wie Sie, den Schritt ins persönliche Engagement. Reicht Schreiben und Publizieren irgendwann nicht mehr?

Wenn zu gesellschaftlichem Unrecht der Versuch hinzukommt, das zu tabuisieren, kann ich so zornig werden, dass Schreiben nicht reicht. Schon 1985 als Brigitte-Redakteurin. Viel später, 1998, gab eine Bundestags-Kommission mal sehr gute Empfehlungen zum Umgang mit ritueller Gewalt. Nichts wurde umgesetzt, MdB Renate Rennebach, die sich dafür stark gemacht hatte, nicht wieder aufgestellt. Da wusste ich, dass das Thema, das ich viele Jahre recherchiert hatte, politisch tot ist. Ich wollte aber, dass es bleibt. Eine Stiftung steht für Ewigkeit. So viel kann ich gar nicht schreiben, wie die mahnen kann. Deshalb haben wir die "Renate Rennebach-Stiftung" gegründet.

Die Renate Rennebach-Stiftung weigert sich, „Betroffene“ zur Berichterstattung zu „vermitteln“. Haben Sie als Journalistin dazu geraten?

Ja, weil Medien durch Grenzen gehen. Das nützt bei Interviews mit hartgesottenen Bankern. Bei schwertraumatisierten Menschen ist es kontraindiziert. Zynisch gesagt: Die sind schon geknackt; ihre Grenzen sind verletzt. Journalisten spüren das und rauschen rein, ohne anzuklopfen. Manche können nicht anders, es ist eine berufliche Konditionierung. Solche Interviews sollten nur fachkundige KollegInnen führen. Zum Fußball schickt man auch nur Fachkollegen, die die Regeln kennen. Warum ist Fußball wichtiger?

Übrigens: nach zehn Jahren öffnet sich die RR-Stiftung jetzt ein wenig, weil Betroffene stabiler werden und wir darüber berichten möchten.

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Ulla Fröhling ist freie Journalistin, Autorin und Mitglied im Journalistinnenbund. 
Lesetipp: „Sie sehen aber schlecht aus" - Über den angemessenen Umgang mit Gewaltüberlebenden.

Kommentare

  1. Danke vielmals für dieses Interview und den Lesehinweis darunter. Über diese Problematik wünsche ich mir noch viel mehr Reflexion. Wenn der jb und der Watch-Salon dazu beitragen, begrüße ich das sehr!

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