Dienstag, 24. September 2013

Zu viele Journalisten - darf man noch ausbilden?

Die Autorin (2.v.l.) im Kreis ihrer Studierenden. Foto: Studentenfutter 2009/2010
Es sei unfair, "Heerscharen von Volontären eine Zukunft vorzugaukeln, die sie gar nicht haben", argumentiert Medienjournalistin Silke Burmester in ihrer Ethikkolumne im aktuellen medium magazin (nicht online). Als Lehrbeauftragte fühle ich mich da betroffen.

Dennoch muss ich der Kollegin in vielem Recht geben. Insbesondere wenn sie die ausgeuferte Ausbildungslandschaft für den Journalistenberuf so beschreibt:
"Die Volokurse an der Akademie für Publizistik sind auf ein Jahr ausgebucht, etliche Zeitungsverlage haben in den letzten Jahren eigene Ausbildungszentren aufgebaut und halten die Plätze kontinuierlich besetzt. Die Hochschulen versuchen sich mit Was-mit-Medien-Studiengängen zu schmücken, und private Was-mit Medien-Akademien behaupten, diejenigen zu 'Journalisten' auszubilden, die sich dank ihrer Eltern Geld einkaufen können." 

So viele JournalistInnen brauche der Markt in Zukunft nicht, er könne ja schon die nicht ernähren, die schon da sind. Ihre Prognose für den Beruf:
"Es wird nur noch sehr wenige Menschen geben, die davon werden leben können. Die werden bei den öffentlich-rechtlichen Sendern arbeiten und bei den zwei verbliebenen überregionalen Zeitungen und Print als auch Online bedienen. Und ja, beim 'Spiegel'. Es werden die Besten sein Mehrjährige Auslandsaufenthalte, drei Fremdsprachen, zwei abgeschlossene Studien vor der Ausbildung an einer der zwei elitären Schulen."

Dem Rest bleibe nur Hobbyjournalismus - aus Eitelkeit oder Nostalgie. Es ist ein drastisches Bild - ein Zwei-Klassen-Journalismus. Burmester beschreibt diesen Trend nur, sie befürwortet ihn nicht. Auch wenn sie letztlich zu der Empfehlung kommt, nur auf die Begabungselite unter den jungen Journalismus-AnwärterInnen zu setzen und die Lehrgänge einfach dicht zu machen.

Zu nichts zu gebrauchen?

Ich kann mich damit herausreden, dass mein Seminar an der Uni Tübingen ja nur ein Orientierungskurs ist, kein Zukunftsversprechen. Dass ich mit den TeilnehmerInnen auch recht ehrlich über (schlechte) Verdienstaussichten und unternehmerisches Risiko in unserem Metier spreche. Dass ich nicht traurig bin, sondern eher froh, wenn sich stets nur eine Minderheit aus meinem Seminar wirklich für den Journalismus entscheidet.

Traurig macht mich eher etwas Anderes: Dass in den Evaluationsbögen auf die Frage, ob die TeilnehmerInnen ihr frisch erworbenes Können demnächst irgendwo werden einsetzen können, meist "nein" geantwortet wird. Das bedeutet nämlich: Im akademischen Umfeld wird zielgruppengerechtes, verständliches Schreiben nirgendwo gebraucht. Und eine Recherche, die über Fachjournale und Google hinausgeht, ebenso wenig. Und dass es da draußen in der Berufswelt vielleicht doch einmal helfen könnte, solche Techniken gelernt zu haben, scheint ihnen außer mir niemand zu vermitteln.

Das ist nicht nur schade für den Journalismus. Das ist auch schade für die Sprach- und Schriftkultur im Land.

Kommentare:

Sandro hat gesagt…

Es stimmt, dass zielgruppengerechtes und verständliches Schreiben nicht überall für gut befunden wird, sonst wäre ein Herr Luhmann nicht so berühmt geworden wie er es nunmal ist. Es stimmt aber auch, dass viele Studierenden sich gar nicht trauen, verständlich zus chreiben, weil sie glauben, es sei weniger wissenschaftlich. Meine Erfahrung an der Universität war aber, dass meine Dozenten eine klare Schreibe goutierten; nie bekam ich dafür ein negatives Feedback. Eher ist es so, dass man, wenn man sich klar ausdrückt, schwerer hinter der Sprache verstecken kann. Verständnisschwächen und Denkfehler treten so offensichtlich zutage. Summa summarum: Gut verständliches Schreiben hat noch immer ein Imageproblem; die Verständlichkeitsforschung hat anders als im amerikanischen Sprachraum sich hier nicht entscheidend ausgewirkt. Darum danke für den Einsatz für klare Sprache!

Eva Hehemann hat gesagt…

Auf jeden kreativen Beruf, vor allem in den Medien, kann man heute aus einer solchen deprimierenden Perspektive schauen und jungen Leuten unbedingt von diesen Berufswegen abraten. Aber neu ist das nicht! Als ich vor 30 Jahren mein geisteswissenschaftliches Studium begann, hat man mir und den hunderten Studienanfängern neben mir, schon in der Antrittsvorlesung als Erstes erklärt, dass man uns keine Hoffnung darauf machen könne, nach dem Abschluss auch einen Arbeitsplatz zu bekommen. Motivierend ist das nicht!

Aber darf deshalb nicht mehr ausgebildet werden? Ich sehe eine Antwort auf diese Frage nicht in einem Weniger, sondern vielmehr in einem Mehr, nämlich in einem Mehr an Qualität, an Vielfalt der inhaltlichen und technischen Qualifikation, an praktischer Übung. Auch in einem Mehr an Austausch über Zukunft und Chancen in diesem Beruf. Ich würde auf mehr Offenheit für Innovationen setzen, aber sicher nicht auf Verengung der Möglichkeiten.

Eine Steigerung der Qualität der journalistischen Ausbildung und eine Zukunft, in der vor allem diejenigen Journalisten und Medien überleben werden, die beste Qualität produzieren, – das kann doch nicht als Abschreckung für den Nachwuchs eingesetzt werden, sonst muss vielmehr Ansporn sein. Auch für die Ausbilder, denn sie geben doch dem Nachwuchs das Werkzeug an die Hand, um später im Berufsleben bestehen zu können, ob nun im Journalismus oder einem anderen Feld.

Die Aussicht, dass nur mit bester Qualität noch Geld verdient werden kann, halte ich zwar für unwahrscheinlich, weil durch bisherige Erfahrung widerlegt, aber als Aussicht könnte mir diese Vorstellung geradezu paradiesisch vorkommen.

Diemut hat gesagt…

Den Punkt, dass Journalismus auch was mit strukturiertem Denken und Schreiben zu tun hat, finde ich sehr wichtig.
Wie oft ärgere ich mich über Texte, die nicht zu Ende gedacht sind. Leider auch von Autoren, die schon lange im Beruf sind...
Ich sehe die Lage auch nicht ganz so pessimistisch wie Kollegin Burmester. Ich glaube nur, dass wir Volontäre nicht mehr darauf vorbereiten dürfen, dass sie später mal in einer Redaktion arbeiten. Ich glaube, wir sollten sie darauf vorbereiten, ihr eigenes Ding zu machen.

Elke Koepping hat gesagt…

Liebe Judith, vielen Dank für Deine Überlegungen zum Thema. Ich gebe Dir in vielen Punkten Recht! Es gibt so viele Felder, in denen gerade die journalistische Ethik, das punktgenaue und zielgruppengerechte Schreiben erwünscht und erforderlich, in der Praxis jedoch so selten vorhanden sind! Man denke nur an diejenigen, die in Agenturen oder in die PR wechseln und essentielle Grundlagen des Handwerks nicht beherrschen. Vielleicht sollte man dem amerikanischen Vorbild folgen und statt überall "Journalismus" draufzuschreiben, einfach mal Techniken und Handwerk des Schreibens für verschiedene Medien (ob freie Schriftstellerei oder Werbung) als Fach vermitteln. Hierzulande wird noch viel zu viel in allzu engen Berufswegen gedacht, die in unserer globalisierten, medialisierten Gesellschaft so nicht mehr vorhanden sind.

Judith Rauch hat gesagt…

Danke für Eure vielen Kommentare! Elke Koeppings Anregung, Schreibkompetenz weniger berufsspezifisch zu vermitteln, finde ich gut. Und tatsächlich gibt´s dazu auch an meiner Uni Ansätze: neben vielen Kursen zum wissenschaftlichen Schreiben auch Kommunikations- und Schreibtraining für Juristen (angeboten von einem Journalisten) und ein stark nachgefragtes Online-Seminar der Rhetoriker zur Schreibkompetenz. Auch einige JB-Kolleginnen verdienen ihr Geld mit Schreibtraining. Allerdings wäre es mir zu wenig, wenn das Gros der JournalistInnen künftig nur noch als Schreiblehrer der Nation benötigt würde.

Maren Emmerich hat gesagt…

Ich weiß zwar nicht, wie es in anderen Berufsfeldern aussieht. Aber zumindest was die Wissenschaft angeht, kann ich mit Sicherheit sagen, dass die Fähigkeit, sich schriftlich klar und verständlich auszudrücken, sehr wichtig ist. Und zwar scheint sie mir wichtiger zu werden, je weiter man kommt - möglicherweise unterschätzen deine Studenten deren Bedeutung auch genau aus diesem Grund. Ich denke beispielsweise daran, dass es für Wissenschaftler stetig an Bedeutung gewinnt, an private Gelder zu kommen (Stichwort Crowdfunding). Und zu diesem Zweck muss man als Wissenschaftler gut kommunizieren können, warum das eigene Forschungsprojekt so fundamental ist. Also bitte weiter so; die Fähigkeit, sich gewandt auszudrücken wird weiterhin gebraucht, wenn auch (leider) mittlerweile weniger im klassischen Journalismus.

Ulf J. Froitzheim hat gesagt…

Vielleicht ist ja jetzt die Zeit gekommen, in der wir Journalisten unser Handwerkszeug denen vermitteln müssen oder sollten, die sich mehr denn je öffentlich äußern. Kommunikation ist ja in vielen Berufen wichtiger geworden. Das hieße, dass noch viel mehr Journalisten als Dozenten arbeiten würden, aber nicht, um Nachwuchs im eigenen Beruf heranzuziehen, sondern um zu verhindern, dass junge Akademiker zu unbedarft kommunizieren. Nebeneffekt: Je mehr Leute beurteilen können, was unsereins leistet, desto mehr Leute werden den künftig noch verbleibenden Journalismus würdigen.
Die Bemerkung zu Luhmann kann ich nur unterschreiben. Sein schönstes Zitat ist für mich jenes, in dem er bekennt, dass Soziologen sich bewusst eine Fremdsprache ausgedacht haben, die den Plebs verständnismäßig vor der Tür hält:
"Ins Soziologische übersetzt, besagt Öffentlichkeit soviel wie Neutralisierung von Rollenanforderungen, die aus engeren Teilsystemen der Gesellschaft stammen, damit auch eine Lockerung, wenn nicht Aufhebung der Selbstbindungen, die der Einzelne durch Verhalten in engeren Systemen eingegangen ist."
Niklas Luhmann, Politische Planung: Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung, Westdeutscher Verlag 1971
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