Montag, 3. Juni 2019

#MeToo: "Die Last des Kulturwandels darf nicht auf den Schultern der Betroffenen liegen". Fünf Fragen an Barbara Rohm

von Angelika Knop

Barbara Rohm engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand der Vertrauensstelle Themis / Foto: privat


Vergangene Woche hat die Schauspielerin Jany Tempel erneut ihr Schweigen gebrochen. 512 Tage nach dem Artikel im ZEIT MAGAZIN, in dem sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen den Regisseur Dieter Wedel der sexuellen Belästigung und Gewalt beschuldigte. Seither, so schreibt sie, sei nichts passiert. Betroffene würden dadurch erneut abgeschreckt, sich mit Vorwürfen an Gerichte und Öffentlichkeit zu wenden. In der Tat ist Wedel zwar bei Sendern und Produktionsfirmen in Ungnade gefallen, wird aber nach wie vor in den Klatschspalten hofiert - so als sei nichts gewesen. Immerhin gibt es mittlerweile eine Anlaufstelle für Betroffene sexueller Übergriffe in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche: die Vertrauensstelle Themis in Berlin. Der Trägerverein wurde vor rund einem Jahr, am 25. Mai 2018, gegründet. Der Watch-Salon hat Mitgründern und Vorstandsfrau Barbara Rohm nach ihren Erfahrungen gefragt.


Themis ist eine Vertrauensstelle. Betroffene von sexueller Belästigung und Gewalt können sich also vertraulich an euch wenden. Wie sieht die Beratung aus?


Die Betroffenen und ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt. Sie können juristische oder psychologische Beratung in Anspruch nehmen - oder beide. Wenn sie sich dann entscheiden, sich bei ihrer Arbeitsstelle zu beschweren, begleitet sie die Vertrauensstelle. Wenn Arbeitgeber oder Arbeitgeberinnen nicht kooperieren, kann man über andere Schritte beraten. Entscheiden sich Betroffene, vor Gericht zu klagen oder über Entschädigungen zu verhandeln, vermittelt wir kompetente Juristinnen und Juristen.

Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit der Unternehmen mit der Vertrauensstelle freiwillig. Bei uns zeigen die Unternehmen jedoch bisher großen Willen, aktiv mitzuarbeiten und Dinge in Gang zu bringen. Die Sender und die Arbeitgeber*innen-Verbände sind ja Teil des Trägervereins und finanzieren die Vertrauensstelle mit. Dennoch üben wir keinen Druck aus, sich zu beschweren oder Anzeige zu erstatten. Wenn Betroffene schweigen, haben sie sehr gute Gründe dafür. Am Ende müssen sie immer die Belastungen und Konsequenzen tragen.

Beratungszahlen hat Themis bisher nicht veröffentlicht. Wer nutzt das Angebot und wie viele sind es?


Die erste Frage von Medien lautet meist: Wie viele haben denn schon angerufen? Das klingt immer so, als müsste man noch beweisen, dass es sexuelle Belästigung gibt. Die Last des Kulturwandels sollte nicht auf den Schultern der Betroffenen liegen. Zahlen im luftleeren Raum helfen uns außerdem nicht weiter. Man muss das ja auch im Verhältnis zur Größe der Branche und der Kürze der Zeit sehen, die wir existieren. Aber im Prinzip melden sich täglich Ratsuchende und dies sind zum Beispiel auch Unternehmen.

Wir machen außerdem eine Studie, um zu klären: Wer sind die Betroffenen? Welche Formen der Belästigungen kommen vor? Welche Strukturen und Arbeitsbedingungen befördern das? So können wir auch feststellen, ob unser Angebot die Betroffenen erreicht, welche Hürden evtl. bestehen und wie wir mehr Vertrauen schaffen können, damit noch mehr den Weg zur Themis finden.

Eigentlich können sich Beschäftigte nach dem Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bei einer zuständigen Stelle im Betrieb über sexuelle Belästigung beschweren. Weshalb hat die Film- und Fernsehbranche eine externe Stelle gegründet?


Gerade bei den vielen Freiberuflerinnen und Freiberuflern unserer Branche besteht kein Vertrauen in interne Stellen. Die Ängste sind zu groß, dass eine Beschwerde negativ für die Karriere ist, dass man als schwierig gilt, keine Jobs mehr bekommt. Bei Themis können die Betroffenen sich erst mal informieren, absolut anonym und vertraulich. Ob es dann zu einer Beschwerde kommt, entscheiden sie.

Ist denn sexuelle Belästigung ein Problem der gesamten Film- und Fernsehbranche oder ein Problem der Kultur einzelner Unternehmen?


Es ist ein gesellschaftliches Problem. Sexuelle Belästigung und Gewalt ist oft eine Form von Machtmissbrauch, die gerade Frauen trifft. Und darüber gibt es eine Schweigekultur. An Themis wenden sich viele Frauen, die nach Jahren das erste Mal mit jemandem darüber reden. Es ist mit sehr viel Scham belegt, mit großen Ängsten und Unsicherheiten. Gerade die Film- und Fernsehbranche ist sehr hierarchisch organisiert, es gibt wechselnde Teams, es herrscht großer Zeitdruck. Diese Strukturen befördern Machtmissbrauch.

Es wurde seit der Metoo-Debatte sehr oft ein Kulturwandel eingefordert. Es wird sich erst wirklich etwas bewegen, wenn sich die Unternehmen ernsthaft fragen, wie die Kultur des Schweigens gebrochen werden kann. Das heißt, es muss von zwei Seiten angesetzt werden: Die Themis begleitet die Betroffenen und die Unternehmen eröffnen einen Dialog über ihre Arbeitskultur und schulen ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

17 Brancheneinrichtungen tragen Themis, die Bundesregierung finanziert die Stelle bis 2021 mit insgesamt 300.000 Euro. Wie bekommt man denn so viele Akteur*innen mit ins Boot?


Allen war klar, die #metoo-Debatte ist keine Eintagsfliege, denn es handelst sich um ein sehr ernstes Problem. Aber die Betroffenen melden sich nicht bei den vorhandenen internen Beschwerdestellen. Daher kam der Wille, neue Wege zu gehen.


Die Fotografin und Regisseurin Barbara Rohm ist Vorstandsfrau bei ProQuote Film und bei Themis. Die Vertrauensstelle hat am 1. Oktober 2018 ihren Betrieb aufgenommen und berät Betroffene, die sexuelle Belästigung oder Gewalt anlässlich ihrer beruflichen Tätigkeit in einem Betrieb der Film-, Fernseh- oder Theaterbranche erfahren haben. Namenspatronin ist die griechische Göttin der Gerechtigkeit.  

****
Ergänzung zum Fall Jany Tempel:
Der Fall ist kompliziert. Jany Tempel verklagt nun die ZEIT darauf, ihr den Opfer-Anwalt im Strafverfahren gegen Dieter Wedel zu zahlen. Denn der Artikel dort hat die Ermittlungen in Gang gebracht und der Fall war - anders als es ihr wohl die ZEIT vermittelt hatte - nicht verjährt. Nun ist umstritten, ob die ZEIT in diesem Fall Hilfe zugesagt hat - noch dafür für einen sehr teuren Anwalt. Hier steht Aussage gegen Aussage, auch Missverständnisse sind möglich. Vergewaltigte Frauen, die zur Zeugin werden - gar quasi stellvertretend für weitere Opfer, sollten Hilfe bekommen. Es kann aber auch problematisch sein, wenn Medien für Strafprozesse aufkommen sollen, die durch ihre Enthüllungen in Gang kamen. Nicht alle sind so solvent wie der Zeitverlag. Wie auch andere Medien schreiben: Am Ende ist dann der Verdächtige (oder Angeklagte) der lachende Dritte.
****

Weitere Artikel zum Thema #metoo im Watch-Salon:
Genie ohne Grenzen? Schweigekultur trotz #metoo - Fünf Fragen an Anna Wahl
Weltneugier als Triebfeder - Nicola Graf im Gespräch

Kommentare

  1. Es gibt hier ein weiteres Problem. Der Anwalt von Jany Tempel ist gleichzeitig der Verteidiger von Siegfried Mauser. Also, der bekannteste Fall in der Filmbranche gegen den bekanntesten Fall in der Klassikbranche. Und in beiden Fällen geht es auch um Strukturen, Netzwerke, Mitwisser, Wegschauer. Nur argumentiert der Anwalt in den beiden Fällen 180 Grad umgekehrt.

    Diese Situation, dass man, wenn man Betroffene einer Kulturbranche ermutigt, sich damit de facto automatisch gegen die Betroffenen einer anderen Kulturbranche stellt, finde ich sehr problematisch.

    AntwortenLöschen

Wir freuen uns über Kommentare.
Sie sollten aber fair sein. Beleidigungen haben bei uns keinen Platz.
Da die Kommentare erst geprüft werden, kann es mit der Veröffentlichung einen Moment dauern.
Aufgrund unserer berechtigten Interessen (Spam-Erkennung und und Verfolgung von Rechtsverstößen) können beim Hinterlassen von Kommentaren persönliche Daten wie die IP-Adresse vorübergehend gespeichert werden. Siehe dazu unsere Datenschutzerklärung.

Wer mit eingeloggtem Google-Konto oder unter Angabe des Namens oder einer Website kommentiert, hinterlässt diese Daten dauerhaft. Wer das nicht möchte, kann jederzeit anonym kommentieren.

Bei erhöhten Sicherheitseinstellungen und/oder der Deaktivierung von Cookies im Browser kann das Kommentieren eventuell nicht funktionieren. Dann ist es nötig, dies vorübergehend zu aktivieren bzw. Cookies zuzulassen.