Montag, 31. März 2014

Beim Barte des Propheten!


Bild: Pixabay
Mittagspause am Montag: Ich sitze im Stadtbus und blättere im aktuellen Spiegel. Als Erstes fällt mir - schon wegen der Dicke des Kartons - die Reklame für C&A-Herrenmode auf. Darin lauter Männer mit ziemlich dicken Bärten. Einigermaßen glattrasiert unter den Models sind nur ein schlanker Schwarzer (Typ Ballettänzer) und ein hellhäutiger Knabe im Alter zwischen Konfirmationsanzug und Abitur. Alle anderen - vom langhaarigen Studenten bis zum arrivierten Greis - tragen Vollbart. Ist das "die neue Lust am Bart", die Emma für eines der nächsten Hefte angekündigt hat?


Weiter vorne und weiter hinten Hemdenreklame von Olymp. Dünneres Papier, etwas dünnere Bärte. Aber zumindesten einen Schatten hat jedes der männlichen Models.

Gelangweilt drehe ich mich im Bus um - und blicke in einen roten Vollbart. Darüber ein breitkrempiger Hut. Der junge Mann, zu dem Bart und Hut gehören, trägt dazu einen langen, dunklen Mantel. Auf den ersten Blick erinnert er mich an einen orthodoxen Juden, auf den zweiten an einen Jakobspilger. Vermutlich ist er aber nur ein besonders hipper Tübinger Student.

Die religiösen Assoziationen sind natürlich alles andere als zufällig. Denn schon immer trugen - beim Barte des Propheten! - religiöse Führer gern viel Haar im Gesicht. Ein Bart lässt den Mann älter und weiser erscheinen, selbst wenn er im Inneren noch nicht so gefestigt ist.

Bundeswehr: Er jobbt im Büro, sie robbt im Schlamm


Zurück zum Spiegel: Der Anzeige neben dem Editorial ist zu entnehmen, dass selbst promovierte Männer (Dr. Adrian Jung von 3M) heutzutage Bart tragen müssen, um als Werbefigur zu taugen. Den Vogel aber schießt die Bundeswehr-Werbung auf der hinteren Umschlag-Innenseite ab. Wir sehen: einen jungen Mann im Anzug und mit dezentem Bart. Rücken an Rücken mit einer jungen Frau in Flecktarn. Sie trägt sehr wenig Haar, eine sportliche Kurzhaarfrisur. Dafür aber Lippenstift und ein breites Lächeln im Gesicht. Die beiden werben für die zivile Karriere in der Bundeswehr.

Was für eine Fülle von Signalen: Die emanzipierte (Haarschnitt!) und doch zugleich so weibliche (Lippenstift!) Kameradin (Uniform!) soll den ehrgeizigen Jungmann in die Bundeswehr locken, damit er dort im Büro (Anzug!) Karriere macht (Bart!), während sie im Schlamm robbt.

Verdammt, so haben wir uns das mit der Gleichberechtigung eigentlich nicht vorgestellt.

Kommentare:

Evelyn Thriene hat gesagt…

Zum Bart-Phänomen kommt noch hinzu: Es ist eine durch und durch unästhetische Erscheinung. Männer signalisieren damit, dass sie auf besonderes Gepflegtsein keinen Wert legen müssen. Wozu rasieren, wenn es stoppelig und "langhaarig" auch geht? Ich hoffe, dass die Frauen auf die Dekultivierung des Mannes eine passende Antwort finden.

Eva Hehemann hat gesagt…

Danke für diesen humorigen Beitrag zur Bart-Debatte. Dem Kommentar von Evelyn Thriene kann aber widersprochen werden: Bartpflege ist äußerst mühsam. Übrigens liesse sich ebenso gut und überzeugend auch das Ende des Trends zu mehr Gesichtshaar ausrufen. Alle paar Wochen drehen sich die Schlagzeilen bei diesem Thema um 180 Grad. Nur meine persönliche Vorliebe hat sich nie geändert: Ich mag die Herren lieber glatt rasiert. ;–))
Glückwunsch auch zum neuen Look dieses Blogs! Der sprichwörtliche lange Bart ist hier nicht in Sicht.

Elke Koepping hat gesagt…

Puh, ich gestehe, da Bewohnerin des äußerst hippen Berlin-Mitte: ich kann keine Bartgesichter mehr sehen. Und es ist bestimmt kein nur einige Wochen anhaltender Hype. Vielmehr begann er vor 2 Jahren, damals war ich hier Redakteurin bei einem Stadtmagazin und konnte das anhand unserer Cover sehr gut nachvollziehen. Ich finde diese ganzen Rübezahls und Yetis, die hier cool um mich herumschlappen, scheußlich! Und habe leider nur zu oft den Eindruck, Bart trägt der, der zu wenig Selbstvertrauen hat, um mit Charakter, Charisma oder Ideen zu punkten. Ganz schlimm. Und aus meiner Sicht nicht nur ein Retro-Trend, der äußerlich in die 50er zurückzeigt, sondern auch, was konservative Werte angeht. Familie, Innerlichkeit, Kleinbürgerlichkeit. Grausam.

Laura Hennemann hat gesagt…

Das Thema beschäftigt auch die Wissenschaft. Erkenntnis: Wir finden glatt rasiert oder bärtig attraktiv - je nachdem, was seltener ist! Siehe hier. Dieser Logik folgend müssten bald wieder gesichtshaarlose Männer punkten und auf den Covern prunken.

Ulrike Askari hat gesagt…

Anscheinend lebe ich in einem Viertel von Berlin, in dem wenige Männer mit Vollbärten verkehren. Auch in Kairo, wo ich gerade 14 Tage war, sind mir nur wenige Männer mit langen Bärten aufgefallen. Die meisten Ägypter sind glattrasiert oder tragen einen kleinen, aber gepflegten Bart. Ich hoffe, dass die Vollbartmanie nur eine modische Spinnerei ist, denn für mich ist sie unattraktiv und wenig sexy.