Sonntag, 8. März 2015

8. März - auf einen Drink im Watch-Salon



Herzlich willkommen in unserem Salon. Machen Sie es sich in einem unserer Clubsessel bequem, die Barkeeperin bringt Ihnen gleich Ihren Lieblingsdrink. Und dann schauen Sie sich um: Zum heutigen 8. März, dem Internationalen Frauentag, haben wir einige unserer Social-Media-Bekannten zu uns eingeladen. Wir haben ihnen verschiedene Fragen gestellt: zur heutigen Situation der Frauen, zum Feminismus, zur Rolle der Journalisten und Journalistinnen. Ihre Antworten finden Sie hier. Sie sind herzlich eingeladen, die Unterhaltung bei Twitter fortzusetzen unter dem Hashtag #8MärzSalon oder direkt per Kommentar hier im Watch-Salon.


Helga Hansen schreibt in ihrem Blog Drop the Thought über Feminismus, Politik und Technik. Auf Twitter ist sie @hanhaiwen.

Welcher Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung hat dich zuletzt fassungslos gemacht; und welcher Fortschritt hat dich zuletzt erfreut?

In den letzten Jahren ist Gleichberechtigung verstärkt in den Fokus gerückt, was mich freut und fassungslos macht, weil es immer noch notwendig ist. Und jede Bewegung ist ein Schritt vor und einer zurück: Mehr Frauen in die MINT-Berufe, aber weiter fehlende Wertschätzung für Kindergärtnerinnen. Pille danach rezeptfrei aber verschärfte Abtreibungsgesetze. Eingetragene Lebenspartnerinnen, aber Zwangsouting und fehlender Grundgesetzschutz. Keine Zwangssterilisationen für Transfrauen mehr, aber keine Gesetzesänderung. Legalisierung von Sexarbeit, aber Zwangsregistrierung und Stigmatisierung planen. Und schließlich: Fünf Jahre Hebammendebakel mit Ansage.



Antje Schrupp bloggt als streitbare Feministin Aus Liebe zur Freiheit und twittert als @antjeschrupp. Motto: Das Gegenteil ist genauso falsch.

Was wünschst du dir von Journalisten und Journalistinnen?


Ich wünsche mir, dass in den Medien feministische Theorien, auch wenn sie auf den ersten Blick radikal erscheinen und für den "Common Sense" nicht unmittelbar eingängig sind, ernsthaft dargestellt und diskutiert werden. Über das Verhältnis der Geschlechter wird für meinen Geschmack zu häufig aus dem Bauch heraus und bloß auf der Basis subjektiver Meinungen diskutiert. Feministische Analysen, die ja oft auf einer langjährigen Praxis oder intensiven Forschungsarbeiten beruhen, werden oft nur verzerrt oder oberflächlich dargestellt, sodass sie entweder banal erscheinen oder man sich darüber lustig macht. Zum Thema "Frauen und Männer" haben eben alle eine Meinung. Aber bei der Analyse von Geschlechterverhältnissen geht es nicht um Mode oder Geschmack. Es wäre angemessen, wenn die Debatte auch im öffentlichen Diskurs etwas substanzieller geführt würde.



Ali Arbia ist Politikwissenschaftler und bezeichnet sich daher in seinem Blog als Zoon Politikon. Bei Twitter ist er ebenfalls @zoonpolitikon.

Welche Sprüche kannst du nicht mehr hören und wie reagierst du darauf?


Was mich als Sozialwissenschaftler besonders ärgert ist, wie Gender Studies pauschal oft als "unwissenschaftlich" abgetan werden. (Aber auch, wie wenig Schützenhilfe die Geschlechterforschung aus anderen Disziplinen erhält.) Fragt man nach einer Begründung, kriegt man nie mehr als Anekdotisches zu hören. Die Ironie ist kaum zu übersehen: Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ist typischerweise selbst nur durch Antifeminismus motiviert und daher rein ideologisch und emotional. Die Lautstärke der Zustimmung wird zur Methode der Wahrheitsfindung. Darum sollte man immer nachfragen.



Mareice Kaiser bloggt im Kaiserinnenreich über das Leben mit zwei Töchtern - eine mit und eine ohne Behinderung. Sie Twittert als @Mareicares.

Wann hast du zuletzt deine feministischen Augenbrauen zusammengezogen?


Im Behandlungszimmer einer großen Berliner Kinderklinik erlebte ich einen der behinderten Momente, die es in unserem inklusiven Familien-Alltag en masse gibt: Nach einer Stunde medizinischer Beratung durch die Oberärztin verabschiedeten wir uns von ihr. Sie meinte, mir im Beisein meines Mannes noch etwas mit auf den Weg geben zu müssen: "Frau Kaiser, passen Sie gut auf Ihren Mann auf! Meistens kommen nach ein paar Jahren nur noch die Mütter mit ihren behinderten Kindern zu mir – die Väter hauen ab. Sie wissen ja, was Männer in einer Ehe brauchen, oder?" fragte sie mich und lieferte ihre Antwort gleich mit: "Gutes Essen und guten Sex."



Catherine Newmark schreibt im FAZ-Gemeinschaftsblog Ich. Heute. 10 vor 8. Auf dem politisch-poetisch-polemischen Frauen-Blog schreibt sie vor allem über Gender-Themen. Sie twittert als @newmark_c.

Wie und wann hast du entdeckt, dass du Feministin bist?


Ungefähr zur gleichen Zeit, wie ich entdeckt habe, dass es Männer und Frauen gibt, und sie unterschiedlich behandelt werden. Gut, wir waren damals natürlich noch kleine Jungen und Mädchen. Aber ich empfand sowohl die ungleichen Ansprüche an Jungen und Mädchen als auch die mir vorgelebte klassische Rollenteilung ganz früh schon als unangenehm und ungerecht.


 
Sascha Verlan bloggt (zusammen mit Almut Scherring) über Rollenklischees im Familienalltag. Ebenfalls als Doppelpack sind sie Autoren der Rosa-Hellblau-Falle. Für uns antworten die beiden getrennt.

Welche Sprüche kannst du nicht mehr hören?


"Nun lasst die Kinder doch Kinder sein. Lasst sie in Ruhe mit eurer Gender-Ideologie." - Wie genau soll das eigentlich aussehen? Kinder Kinder sein lassen? Helikoptern ist falsch, zu viel Disziplin soll nicht, antiautoritär wollen wir auch nicht, aber wenn’s um das rosa-hellblaue-Schubladendenken geht, da soll Nichtstun der richtige Weg sein? Kinder werden auf allen Kanälen mit Klischees konfrontiert, wie richtige Frauen angeblich aussehen und welche Interessen, welche Produkte den echten Kerl ausmachen: Werbung, Filme, Bücher, Zeitschriften, Internet, Computer Games, Spielzeug sowieso. Über 90% Frauen im Erziehungsbereich und umgekehrte Welt in den obersten Führungsebenen von Wirtschaft und Politik. Ist es das, was Kinder mitnehmen sollen, ohne Filter, ohne Kritik, ohne Gespräch? Im Grunde bin ich einig mit der Forderung, wenn sie denn realisierbar wäre. Also Kinder Kinder sein lassen. Sie in Ruhe lassen mit Kommentaren über kleine Rabauken und niedliche Prinzessinnen. Stattdessen individuell wählen lassen, ohne die Erwartungshaltung der Erwachsenen. Die sich nämlich leider sehr unterscheidet, je nachdem, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen ist.



Almut Schnerring bloggt (zusammen mit Sascha Verlan) über Rollenklischees im Familienalltag sowie im Blog Kulturelle Störgeräusche. Bei Twitter ist sie @machmirdiewelt.

Welcher Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung macht dich fassungslos?


Die Harmlosigkeit, mit der die zunehmende Zweiteilung der Warenwelt in Rosa und Hellblau begründet wird, macht mich fassungslos. Und die Akzeptanz der Kundschaft, diese Produkte zu kaufen, die "extra für Frauen" und "nur für Männer" angeboten werden, hinterlässt mich ratlos. Gendermarketing arbeitet mit stereotypen Zuschreibungen – mit der Begründung, damit werde doch nur auf die Bedürfnisse des Marketes reagiert. Aber wer oder was ist dieser Markt eigentlich, der das angeblich verlangt? Wie entsteht er, wer beeinflusst ihn? Mehr als 60 Millionen Euro pro Jahr investieren die deutschen Firmen insgesamt in ihr Marketing. Als Folge drängen sich zwischen 3.000 und 5.000 Werbebotschaften tagtäglich in unser Bewusstsein, um Wünsche und vermeintliche Bedürfnisse zu wecken und unsere (Konsum-)Entscheidungen zu beeinflussen: Bereits Kleinkinder können 300 bis 400 Markenlogos zielsicher zuordnen. Das gibt eine kleine Ahnung davon, wie die Macht dieses Marktes verteilt ist. Liebe Unternehmen: Hört auf zu behaupten, wir Kunden und Kundinnen bestimmten das Angebot, hört auf, so zu tun, als stündet ihr machtlos diesen Zwängen des Marktes gegenüber. Übernehmt endlich euren Teil der Verantwortung und benutzt den Markt nicht länger als Ausrede für eure wohl kalkulierten Marketingentscheidungen!



Raúl Krauthausen fährt Rollstuhl, bloggt über Barrierefreiheit und Inklusion, wollte nie Dachdecker werden, twittert als @RAULde. Eine längere Version seiner Antwort hat er selber verbloggt.

Was bedeutet es für dich, Feminist zu sein?


"Nicht dass Sie denken, ich wäre ein Feminist…" sagte mein Sitznachbar, als auf einer Inklusions-Konferenz der Vergleich von der Behinderten- zur Frauenquote gezogen wurde. Sein Satz zeigte mir wieder einmal, dass viele den Feminismus noch immer falsch verstehen. Ich möchte darum die gesellschaftliche Debatte um das Thema Feminismus weiter in der Öffentlichkeit sehen. Zeigen wir den Menschen, dass feministisch zu sein reine Vernunft ist und kein Männerhass, kein "Mimimi". Ich wünsche mir, viele zum Nachdenken über Geschlechtergerechtigkeit anzuregen. Auch immer aus der Sicht des Inklusionsaktivisten, für den Feminismus die Grundlage von Inklusion ist. Ich möchte Verharmlosungen und dummen Sprüchen die "ja gar nicht so gemeint sind" eine klare Abfuhr erteilen und sie kritisieren. Ich möchte die Botschaft verbreiten, dass es keinen "Krieg der Geschlechter" gibt. Meinem Sitznachbarn habe ich damals schlicht geantwortet: "Warum denn nicht?"



Im Blog der Feministischen Studien schreiben verschiedene Autor*innen. Auch auf Twitter sind die @fstudien unterwegs. Hier antwortet uns Anna-Katharina Meßmer von der Blogredaktion.

Was wünscht ihr euch von Journalisten und Journalistinnen?


Wir wünschen uns vor allem eine ruhige, ausgewogene, gut recherchierte und an den Inhalten interessierte Berichterstattung über geschlechter- und queerpolitische Themen. Geschlechterpolitik, Feminismus und jüngst auch wieder: Sexualpolitik dienen oftmals als Aufregerthemen, die den Empörungsgenuss der journalistischen Redaktionen und/oder der antizipierten Leser_innenschaft decken sollen. Dabei werden diese Themen nicht als politisch im 'eigentlichen' Sinne verstanden, sondern mehr als alltagspolitische Themen, die Stoff für klick- und meinungsstarke Artikel über einen imaginierten Geschlechterkampf liefern. Da hier die eigene Überzeugung nicht selten an die Stelle journalistischen Handwerks und journalistischer Redlichkeit tritt, bleiben die so wichtigen, feinen Nuancen ebenso auf der Strecke wie die notwendige Erläuterung komplexer Sachverhalte. Wir wünschen uns daher von Journalist_innen mehr informierte und informierende Artikel, die sich Raum für Reflexion nehmen und den Leser_innen Raum für Reflexion lassen.



Tina Groll ist eine der beiden Chefinnen auf dem Blog für Führungsfrauen. Sie twittert als @tinagroll.

Welcher Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung hat dich zuletzt fassungslos gemacht; welcher Fortschritt hat dich zuletzt erfreut?


Gefreut hat mich die Einführung der Frauenquote, auch wenn ich sie nicht für ein Wundermittel halte. Denn die männlich geprägten Spielregeln der Macht werden sich deshalb nicht verändern. Und so macht mich die Situation der Frauen in Spitzenpositionen weiterhin fassungslos. Studien zeigen, dass gerade Topmanagerinnen schneller und häufiger aufgeben als ihre männlichen Kollegen. Diese Frauen hatten es in der Regel mit einem Mittelbau zu tun, der ihren Kurs von vornherein nicht mitgetragen hat. Kein Wunder, dass sie scheitern mussten. Ihr Scheitern wird aber als Beweis herangezogen, dass sie es einfach nicht konnten. Ein zweites Thema, das mich fassungslos macht, ist das Trollverhalten von Antifeministen in Foren. Da werden Debatten monopolisiert, da wird gepöbelt, gedroht und geschimpft, bis sich keine anderen mehr zu äußern trauen. Das darf uns aber nicht sprachlos machen.



Andrea Meyer lebt in eingetragener Lebenspartnerschaft mit ihrer Frau, die beiden haben einen gemeinsamen Sohn. Sie twittert als @Andreacmeyer.

Was wünschst du dir von Journalisten und Journalistinnen?


Oft schreiben Medien statt "eingetragene Lebenspartnerschaft" einfach "Homo-Ehe". Letztere gibt es übrigens, es ist der Familienstand von ehemals heterosexuellen Ehepaaren, in denen ein_e Partner_in sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat. Und - Überraschung - das ist was anderes als die gegenüber der Ehe benachteiligte eingetragene Lebenspartnerschaft, die homosexuelle Paare eingehen dürfen. Oder die Gesamtheit der Nicht-Heterosexuellen ist schwul (nö, bin ich nicht). Oder dicke Menschen werden depressiv, weil sie dick sind, und nicht etwa, weil sie pausenlos einem "Fat-shaming" ausgesetzt sind (surprise: nicht alle Dicken sind depressiv). Oder Frauen sind zu zurück haltend und machen deshalb keine Karriere (ähem, nö?) Ja, ich bin davon jeweils betroffen. Und ja, eine solche ignorante Berichterstattung macht mich betroffen. Aber sie sollte auch Journalist_innen betroffen machen. Denn in solchen Fällen schreibt jemand, um zu schreiben, und nicht, um zu berichten oder aufzuklären oder zu kommentieren. Kurz: Ich wünsche mir von Jounalist_innen mehr Einfühlungsvermögen und Sensibilität, dafür weniger falsche Vereinfachungen.



Luise F. Pusch ist feministische Sprachwissenschaftlerin. Ihr Blog heißt Laut und Luise, bei Twitter ist sie @luisepusch.

Welche Sprüche kannst du nicht mehr hören? Welche schlagkräftigen Antworten hast du parat?


"Habt Ihr Frauen nichts Wichtigeres zu tun als mit schwerfälligen Doppelformen die deutsche Sprache zu verhunzen?!" - Es ist tatsächlich lästig, die Männer immer mitzuerwähnen. Unsere Sprache wird weiblich-eleganter, wenn wir das generische Maskulinum durch ein generisches Femininum ersetzen. Nach dem Rotationsprinzip kann das dann für die nächsten zweitausend Jahre erstmal so bleiben. Männer bzw. unsere männlichen Mitbürgerinnen sind natürlich immer herzlich mitgemeint.



Joachim Schulz bloggt in seiner Quantenwelt meistens über Physik und manchmal über Gender-Themen und ist auch auf Twitter @quantenwelt.

Wieso bist du Feminist?


Neben dem Physikstudium habe ich mich ein wenig mit Sozialwissenschaften beschäftigt. Wissenschaft bietet gute Gelegenheiten, Vorurteile zu hinterfragen. Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus, als lebten wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft. Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts ist im Grundgesetz verboten und alle Gesetze gelten für Frauen wie Männer. Aber eine Gesellschaft ordnet sich durch mehr als nur Gesetze. Je mehr ich mich mit den Strukturen der Gesellschaft beschäftige, desto mehr fallen mir Punkte auf, in denen wir von einer Gleichstellung der Geschlechter noch weit entfernt sind. Für Chancengleichheit zwischen Mädchen und Jungen, zwischen Frauen und Männern lohnt es sich einzustehen. Strukturelle Unterschiede gehen nicht von allein weg. Dazu braucht es Feministinnen und Feministen.



Christine Finke bloggt und twittert als @Mama_arbeitet. Wie der Name verrät, schreibt sie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie über ihr Leben als Alleinerziehende.

Wann hast du entdeckt, dass du Feministin bist?


Als ich Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" las, ich war etwa 18. Ich kam über Camus und Sartre zu ihr, und zuerst interessierte sie mich nur als "Partnerin von ...", aber dann war ich sehr schnell gefesselt von dem, was sie schrieb und wie sie die Welt sah. Nämlich auf eine Art und Weise, die mir bis dahin völlig fremd war. Andererseits hatte ich auf einmal das Gefühl, sie spreche Wahrheiten aus, die ich zwar unterschwellig spürte, aber nie so hätte benennen können. Das war ein richtiger Augenöffner. Sie war und ist eins der wenigen Vorbilder, die ich habe.



MrsCgn bloggt anonym unter MRSCGN; vorrangig über Frauen, Familie und Fußball. Auch bei Twitter ist sie @MrsCgn.

Welche Entwicklung zur Situation der Frauen freut dich?


Erst einmal hat mich diese Zahl umgehauen: Mehr als 1.600 Blogs sind bei brigitte.de unter der Rubrik Mom-Blogs gelistet. Die Weiblichkeit tummelt sich im Netz, Frauen – und hier vor allem Mütter – machen ihre Anliegen zum großen Thema und gehen dabei leidenschaftlich miteinander um: Sie sind streitbar, wenn es ums Impfen oder das Familienbett geht. Sie herzen sich, wenn sie einig sind. Sie halten zusammen, wenn es um eine wichtige Sache, etwa die der Hebammen, geht. Sie treffen sich zum Austausch, sie organisieren sich für berufliche Anliegen. Statt zu jammern gilt: Das wollen wir doch mal sehen. Bea von der Tollabox ist ein tolles Beispiel dafür. Diese bloggende Weiblichkeit klagt nicht, sie macht. Für mich ein Grund zum Feiern.



Kati Kuerschs Blog heißt katikuerschmeckert, sie regt sich dort also vorzüglich über alles Aufregenswerte auf. Bei Twitter findet man sie als @KatiKuersch.

Wie oft und bei welchen Gelegenheiten ziehst du deine feministischen Augenbrauen zusammen?


Ich bekomme mehrmals täglich Aussagen von Menschen mit, die sich selbst als fortschrittlich, wenn auch nicht feministisch ("Ich bin keine Feministin, ich hasse doch keine Männer!" - Augenbrauenzusammenzieher Nummer 1) bezeichnen würden, aber ausblenden, dass Unterdrückungsstrukturen wie Sexismus, Rassismus und Klassismus miteinander verflochten sind. Mir begegnen auch oft Feministinnen, die der Überzeugung sind, dass Trans-Frauen keine Frauen sind, weil sie keine Vagina haben, dass Sex-WorkerInnen "gerettet" werden müssen, dass man Burka/Niqab/Kopftuch tragende Frauen "befreien" muss und dass Body Shaming keine große Sache ist. Innerhalb des Feminismus gibt es so viele Probleme und erschwerend kommt hinzu, dass einem sofort vorgeworfen wird, man mache andere Feministinnen nieder, wenn man sie auf problematische Positionen hinweist. Eigentlich sind meine feministischen Augenbrauen dauernd zusammengezogen. Ich hoffe nur, dass ich davon keine Falten bekomme.



Juliana Goschler bloggt als Dr. Mutti über Familien, Erziehung und Politik - und am liebsten über all das gleichzeitig. Sie twittert als @JGoschler.

Wie und wann hast du entdeckt, dass du Feministin bist?


Geschlechtsspezifische Erwartungen an das Verhalten und die Fähigkeiten von Frauen und Mädchen und damit verbundene Vorstellungen über ihren Platz in der Gesellschaft haben mich schon immer gestört. Niemand, den ich mochte, entsprach diesen Vorstellungen und ich selbst auch nicht. Lange dachte ich, ich könnte das Problem für mich selbst lösen, indem ich clever mit den Rollenerwartungen spiele, mich mal anpasse und und mal ausbreche, aber natürlich immer auf nette, angenehme Weise, mit viel Humor, Augenzwinkern und endlosem Verständnis für die Sicht der Jungen und Männer. Irgendwann habe ich gemerkt, dass diese individuellen Strategien zwar funktionieren, aber auch nur ein Stück weit und außerdem vielleicht für mich, aber nicht für alle Frauen. Ab dem Punkt bleibt einer Frau nichts anderes übrig, als Feministin zu sein - selbst, wenn sie es nicht so nennen möchte.



Anne Roth bloggt auf annalist über Innen-, Netzpolitik und Feministisches und twittert als @annalist. Mit ihrem Zweitblog 50 Prozent und dem Twitteraccount @haelfte dokumentiert sie, wie Frauen auf öffentlichen Podien unterrepräsentiert sind.

Was wünschst du dir von Journalisten und Journalistinnen?


Ich wünsche mir, dass nicht alle paar Jahre wieder die "neuen jungen wütenden Frauen" entdeckt werden, die sich über Ungerechtigkeit gegen und Diskriminierung von Frauen ärgern und protestieren. Ein neues Buch, ein Hype, ein Hashtag und jedes Mal folgt eine Welle der Überraschung, als hätte es vorher nie Frauenbewegung(en) oder Feminismus gegeben. Auch ich bin, schon in den Siebzigern, mit der Überzeugung aufgewachsen, dass ich alles werden und erreichen kann, genau wie die Jungs in meinem Alter, selbstverständlich. Jetzt bin ich fast 50, weiß es besser und lese in frustrierender Regelmäßigkeit etwa alle fünf Jahre von einer Welle junger Frauen, die irgendwann Anfang, Mitte 20 feststellen, dass sich nichts - ok, wenig - geändert hat. Es ist gut, wenn darüber geschrieben wird. Mein Ziel ist ja nicht, dass das Thema untergeht. Aber die geschichtsvergessene Naivität dieser Artikel nervt. Ich habe den Eindruck, bei vielen dieser Berichte geht es um die hübsche Momentaufnahme, aber für das bisschen Recherche zur Geschichte ähnlicher Proteste gibt es weder Zeit noch Interesse. Dabei wäre das nicht schwer, denn Frauen, die wissen, was vorher war, gibt es ja genug.



Last but definitely not least: In dieser Sesselgruppe sitzen die Autor*innen des Gemeinschaftsblogs der k_eine Unterschied. Auf ihrem Blog erobern sie die Nacht zurück - und schreiben nebenbei über queer*feministische und gesellschaftspolitische Themen. Auf Twitter sind sie @k_unterschied.



Jasna Strick ist Germanistin, tätig im Rotstiftmilieu. Mit-Initiatorin des Hashtags #aufschrei. Auf Twitter @Tugendfurie.

Was wünschst du dir von Journalisten und Journalistinnen?


Als netzaktive Feministin, die auch schon die ein oder andere Medienerfahrung gemacht hat, habe ich vor allem Wünsche an Journalist*innen, wenn es um die Darstellung von Feminist*innen und Netzaktivismus geht: Let it go - verstaut eure Feminismus-Stereotype ganz hinten in der Sockenschublade und konzentriert euch mal auf politische Inhalte. Verdeutlicht euch die Bedeutung von sozialen Medien und versteht, wie sie funktionieren. Hängt nicht euer Narrativ über alles und blendet dafür Schwarzen oder lesbischen Aktivismus aus. Und: #aufschrei wurde nicht durch Brüderle ausgelöst. Auch nicht, wenn ihr es noch 1000 Mal schreibt.



Weird kämpft als Archäologin gegen unterstellte Geschlechterrollen. Auf Twitter ist sie @TenzaGramorla.

Bei welchen Gelegenheiten ziehst du deine feministischen Augenbrauen zusammen?


Im Moment vor allem, wenn ich mal wieder eine stereotype Vater-Sohn-Beziehung in Filmen, Serien oder Comics sehe. Vielleicht liegt es an einer Überdosis Batman, aber zur Zeit fällt mir verstärkt auf, wie häufig der (oft verstorbene) Vater als Vorbild oder gleich als Held stilisiert wird und wie stereotyp gerade auch die Rollen der Elternteile bzw. die mit ihnen verknüpften Erinnerungen oder Gedanken dargestellt sind. Dem Vater kommt meistens eine aktiv handelnde, oft kämpferische Rolle und Vorbildfunktion zu, während die Mutter passiv im Hintergrund verbleibt und sich höchstens durch Liebe oder Aufopferung auszeichnet - was nie als nachahmenswert für den männlichen Protagonisten dargestellt wird. Ich habe dieses Narrativ sehr satt und wünsche mir vielschichtigere Beziehungen und abwechslungsreichere Rollen insgesamt.



Bones ist Stereotype zerpflückende queer-Feministin und auf Twitter @knochenweib.

Wann hast du gemerkt, dass du Feministin bist?


Als Lesbe hat mich Heteronormativität und die klare Verteilung der Geschlechterrollen genervt, solange ich denken kann. Ich wollte nicht so recht in das beschränkte Weltbild anderer passen und litt darunter, mich und meine Sexualität nicht frei entfalten zu dürfen. Wirklich als Feministin gefühlt habe ich mich erst, als mir klar wurde, dass ich als Frau für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommen würde und mein Aussehen immer höher bewertet wird als mein Grips. Und dass ich mit diesem Problem nicht alleine war.



TQ ist Psychologin, liebt Technik und TV. Ist auf Twitter @thisisTQ.

Welche Sprüche kannst du nicht mehr hören? Welche schlagkräftigen Antworten hast du parat?


Wenn ich Feminismus außerhalb meiner gewohnten Filterbubble mit Menschen diskutiere, ist das häufigste Argument für den Status Quo und gegen Gleichberechtigung (übrigens nicht nur von Frauen, sondern auch von Menschen anderer Diskriminierungen): "Aber das ist doch nur natürlich! Biologie!!11" Unabhängig davon, ob es um die Frauenquote geht, darum, wer sich um die Kinder kümmert oder um sexuelle Übergriffe: "Das ist natürlich!" Na klar. Ich bitte diese Menschen inzwischen darum, zu rechtfertigen, warum sie so unnatürliches Zeugs anhaben. Kleidung. Ih, so unnatürlich! Oder Zähne putzen. Oder Medikamente. All dieses unnatürliche Zeug. Ich habe den Eindruck, dass sich einige davon zum Nachdenken bringen lassen.

Kommentare:

Dana Savic hat gesagt…

Schöne Statement-Sammlung. Irgendwer wird sicher sagen, dass irgendjemand oder irgendetwas fehlt, aber ich finde es ist ein interessanter Querschnitt. Hat Spaß gemacht zu lesen. Und Spaß ist ja auch nicht verkehrt in diesen feministischen "Sowohl als Auch" Zeiten. Merci.

Magdalena Köster hat gesagt…

Es gibt wirklich schöne Aktionen zum Weltfrauentag. Wie die Sprüche, die z.B. The Independent gesammelt hat - wie den von Betty Friedan
“No woman gets an orgasm from shining the kitchen floor” oder den Satz von Rebecca West: "I myself have never able to find out precisely what a feminist is. I only know that people call me a feminist whenever I express sentiments that differentiate me from a doormat". Hübsch auch: "A good part - and definitely the most fun part - of being a feminist is about frightening men", so Julie Burchill.
Mit76willichaussehenwieGermaineGreer