Montag, 31. August 2015

Feminismus in Bildern - von der Antike bis zur Dritten Welle

Vorsicht, Post-Feministinnen und Antifeministen: So leicht lässt eine alte Idee sich nicht begraben. Bild: Patu
Als gegen Ende des 20. Jahrhunderts die so genannte "Dritte Welle" losrollte, meinten manche schon, die Gleichberechtigung der Frau sei längst durchgesetzt, und trugen den Feminismus zu Grabe. Aber so leicht geht das nicht, denn Feminismus ist eine kritische Grundhaltung, die Missstände erkennt und anprangert und keine Ideologie, die mit ein paar Gesetzesänderungen obsolet wird. Und das war er auch nie. Der Comic "Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext" stellt die jahrtausendealte Tradition feministischer Ideen im abendländischen Kulturkreis auf ungewohnte, aber sehr kurzweilige Weise dar.

Mit Autorin  Antje Schrupp ist hier eine ausgewiesene Expertin für weibliche Geistesgeschichte am Werk. Die Politikwissenschaftlerin und Theologin stellt diese von der griechischen Antike bis heute pointiert und verständlich dar. Die Geschichte feministischen Gedankengutes beginnt für sie schon lange bevor es eine "organisierte" Frauenbewegung oder gar das Wort "Feminismus" überhaupt gab, und definiert sich vor allem durch den Einsatz für die Freiheit der Frauen. 
Daher kann sie auch die Frage, ob man eine Frau wie Hildegard von Bingen schon als Feministin bezeichnen könne, klar mit Ja beantworten. Die Ungleichheit der Geschlechter war immer schon ein Thema, das für Diskussionsstoff sorgte - buchstäblich, wie sie im Vorwort erklärt, seit Adam und Eva.
Feminismus in Comic-Form von der Antike bis heute. Erschienen im Unrast-Verlag.

Zeichnerin Patu, die auch für Street-Art Wandmalerei bekannt ist, setzt Schrupps knappe und mit viel trockenem Humor geschriebene Geschichtsdarstellung mit ihren Dialogen und Illustrationen kongenial um. Mit von ihr selbst recherchierten Szenen erweckt sie manche mutige Frau der Geschichte zum Leben und stellt Problematiken klarer dar als 1000 Worte es könnten. Ihre detailreichen Panels enthalten oft noch das eine oder ander "Osterei", für echte Comic-Enthusiasten.

Eine angenehme Abwechslung zu vielen Darstellungen der Frauengeschichte: der Comic befasst sich nicht nur mit den Errungenschaften organisierter Frauenbewegungen auf gesetzlicher Ebene, sondern vor allem mit dem Beitrag von Frauen zum soziokulturellen Wandel im Laufe der Zeit. So stellt der Band neben den berühmten Feministinnen der Geschichte auch viele weniger bekannte Aktivistinnen vor, die abseits der bürgerlichen Frauenbewegungen für Gleichberechtigung kämpften.
Eines wird dabei schnell klar: Ob im Frühchristentum oder der Französischen Revolution: Bei allen großen soziokulturellen Fortschritten waren Frauen anfangs Mitstreiterinnen und Vordenkerinnen, wurden dann aber von den Männern in den Hintergrund gedrängt.

Wie im linken Unrast-Verlag nicht anders zu erwarten, kommt auch die Kapitalismuskritik nicht zu kurz. Doch auch feministische Mitstreiterinnen werden nicht von kritischen Blick der Autorinnen verschont, seien es nun die trans*-feindlichen Feministinnen des letzten Jahrhunderts oder die rassistischen Äußerungen der amerikanischen Frauenrechtlerin Elizabeth Cady-Stanton.

Der Comic beschränkt sich nicht auf das Herunterbeten einer Abfolge von wichtigen Ereignissen, sondern orientiert sich entlang der europäischen Geistesgeschichte und den wichtigsten feministischen Strömungen. Die heutigen Erbinnen der Denkerinnen früherer Epochen werden auch vorgestellt. Klar und dennoch feinfühlig erläutern die Autorinnen verschiedene Standpunkte zu Care und Mutterschaft, queeren Lebensentwürfen, autonomen Feminismus und anderen Ideen und Diskussionen, die uns bis heute beschäftigen und zeigen damit, dass die feministische Ideengeschichte noch lange nicht zu Ende ist.

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