Dienstag, 12. Juli 2016

Nach dem Brexit-Chaos: Theresa May soll den Karren aus dem Dreck ziehen

Die Sun zeigt May als eine, die Männer zerquetscht. Der Telegraph bringt ein Bild vom Ehepaar May.    / Foto: Stadlmayer

Die Medien überschlagen sich vor Begeisterung über Theresa May, die am Mittwoch zur neuen britischen Premierministerin ernannt wird. Alle Titelseiten zeigen die lachende Innenministerin, die ihre Konkurent_innen aus dem Rennen geschlagen hat. "Die Krönung der Theresa" titelt die Daily Mail. "May auf der Überholspur" schreibt der Guardian. Besonders originell ist die Boulevardzeitung The Sun: Sie zeigt eine Montage, auf der May mit ihren Leopardenmuster-Lieblings-Pumps auf die Köpfe ihrer männlichen Konkurrenten tritt.

Seit dem Brexit-Votum vom 23. Juni ist hier in Großbritannien das Chaos ausgebrochen. Für mich als politische Korrespondentin ist das ein déjà-vue-Erlebnis: Wie Angela Merkel im Jahr 2000 in Deutschland soll heute Theresa May in Großbritannien den Karren aus dem Dreck ziehen.


26 Jahre nach dem Rücktritt von Margaret Thatcher bekommt Großbritannien wieder eine Premierministerin. Die bisherige Innenministerin Theresa May hat als Einzige im Rennen um den Posten durchgehalten. Am Montag war ihre letzte verbliebene Konkurrentin Andrea Leadsom über die dummdreiste Aussage gestolpert, dass sie als Mutter besser zur Führung des Landes befähigt sei, als die kinderlose May. 

Premierminister David Cameron und Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson haben sich aus dem Staub gemacht. Im Jahr 2000, als die CDU in Trümmern lag, sollte Angela Merkel die Partei und das Land retten. Heute wird von Theresa May dasselbe erwartet. Damit beginnt in Großbritannien eine neue Ära - denn die Pastorentochter May ist mindestens so gewieft und hartnäckig wie die Pastorentochter Merkel. 

Als Innenpolitikerin ist Theresa May immer einen knallhart konservativen Kurs gefahren. In einem Gastbeitrag für die Zeitung The Times schlug sie vor, Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen, nicht mehr in Europa an Land zu lassen, sondern nach Afrika zurück zu schicken. Sie versprach dafür zu sorgen, dass in Zukunft weniger Einwanderer aus der EU und anderswo nach Großbritannien kommen. Sie hat außerdem klar gemacht, dass es nach dem Brexit-Votum vorerst keine Bleibegarantie für in Großbritannien lebende Menschen aus der EU geben wird.

May hatte sich vor dem Votum gegen einen Brexit ausgesprochen. Jetzt wird es ihre Aufgabe sein, den Austritt aus der EU zu verhandeln - eine Mammut-Aufgabe, auf die weder David Cameron noch Boris Johnson Lust hatten. May wird sie auf pragmatische Weise angehen und dabei möglicherweise gut mit der Pragmatikerin Merkel zusammenarbeiten.

Die neue Regierungschefin bezeichnet sich als Feministin


Während sie als Innenpolitikerin knallhart ist, vertritt May gesellschafts- und wirtschaftspolitisch eher fortschrittliche Ansichten. Anders als die Wirtschaftsliberale Margaret Thatcher setzt May auf eine soziale Marktwirtschaft. Bei ihrem ersten Auftritt als künftige Premierministerin am Montag verkündete sie: "Wir glauben nicht nur an die Märkte, sondern an die Gemeinschaft. Und wir glauben, dass jeder und nicht nur die wenigen Privilegierten das erreichen sollen, was sie von ihrem Leben erwarten."

May bezeichnet sich selbst als Feministin. Sie hat in ihrer Partei systematisch Frauen gefördert und zum Aufstieg ermutigt. Als Innenministerin war sie zeitweise auch für Gleichstellung zuständig und hat Programme gegen häusliche Gewalt auf den Weg gebracht. Wie Angela Merkel umgibt sie sich mit einem Kreis von Beraterinnen. Auch wegen ihrer Vorliebe für bunte Jacketts wird sie immer wieder “Merkel aus Maidenhead” genannt (Maidenhead ist ihr Wahlkreis). Und wie Angela Merkel legt sie ihre Hände gerne zu einer Raute zusammen, eine Geste, die in der Frauenbewegung für Vagina-Power steht.

Kommentare:

Luise Loges hat gesagt…

May mag sich selbst als Feministin bezeichnen - aber sie steht für eine zutiefst menschenfeindliche Flüchtlings- und Immigrationspolitik.
Als Innenministerin forderte sie beispielsweise, dass Großbritannien statt der EU lieber die europäische Menschenrechtskonvention verlassen solle - ersatzlos
Ihre Frauenförderung beschränkt sich offenbar auf Frauen, die weiß, cis, hetero und vor allem Britinnen sind - kein Glanzbeispiel von Vagina-Power, wie ich sie gerne hätte!

Silja von Rauchhaupt hat gesagt…

Mich würde interessieren, wie Theresa May jetzt inzwischen, also im Oktober, in England so gesehen wird. Ich habe gelesen, dass sie für ihre harte Brexit-Politik ganz schön kritisiert wird. Inzwischen sieht man sie eher wie die Thatcher, als hart und gemein. Kein Lachen, keine Pumps mehr, sondern eher Entsetzen?

Tina Stadlmayer hat gesagt…

Theresa May ist in Großbritannien nach ihren ersten 100 Regierungstagen immer noch erstaunlich populär. Das liegt daran, dass sie sehr geschickt die Erwartungen von Liberalen und Hardlinern bedient (Linke haben mit ihr sowieso nichts am Hut) Auf dem Tory Parteitag versprach sie eine "gerechtere Wirtschaftspolitik", das wäre Margaret Thatcher nicht über die Lippen gekommen. Den Brexit Hardlinern kommt sie mit der Zusage entgegen, dass ihr eine Einschränkung der Zuwanderung wichtiger ist, als ein Verbleib im EU-Binnenmarkt. Damit schlägt sie natürlich allen vor den Kopf, die gehofft hatten, dass es mit ihr einen "sanften" Brexit geben könnte. Wie konservativ sie wirklich ist, kann man zum Beispiel daran erkennen, dass sie die Ermittlungen gegen ehemalige Soldaten wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen im Irakkrieg eindämmen will oder dass sie ein selektiveres Schulsystem fordert. Mays Popularitätswerte werden sicher in den Keller gehen, wenn sich der Brexit für Großbritannien als Desaster erweist.