Donnerstag, 2. November 2017

Aufräumen im Saustall: Sexuelle Übergriffe britischer Politiker

von Tina Stadlmayer, London

Fallons Rücktritt wegen sexueller Belästigung ist in den Schlagzeilen der britischen Zeitungen. / Foto: T. Stadlmayer

"Sexsturm", "Sexskandal" schreiben die britischen Boulevardzeitungen, "Der Skandal um Belästigungen wächst" titelt der seriösere Guardian. Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon ist zurückgetreten. Premierministerin May hat den frei gewordenen Posten inzwischen mit ihrem Vertrauten Gavin Williamson besetzt. Zeitungen hatten berichtet, dass Fallon vor fünfzehn Jahren der Radio-Journalistin Julia Hartley-Brewer bei einem Dinner mehrmals ans Knie gefasst hatte. Doch das ist bestimmt nicht der einzige Grund für den Rücktritt.


Mehrere Frauen haben sich in den vergangenen Tagen mit neuen Vorwürfen gegen Fallon an die Regierung gewandt. Die Times berichtet, er habe die Journalistin Bryony Gordon betrunken in einer Bar beleidigt. Er soll sie "eine Schlampe" genannt haben. Fallon selbst gab gestern gegenüber der BBC zu, dass er sich "gelegentlich", also öfter, falsch verhalten habe. Seine Rechtfertigung, früher hätten andere Standards gegolten also heute, ist völlig daneben: Auch vor 15 Jahren war es nicht akzeptabel Journalistinnen ans Knie zu grabschen oder sie zu beleidigen.

Die Enthüllungen gegen Hollywood-Tycoon Harvey Weinstein hatten das Ganze ins Rollen gebracht. Seitdem fühlten sich auch in Großbritannien viele Frauen ermutigt, über sexuelle Belästigung und Gewalt zu berichten. Ihre Vorwürfe richten sich vor allem gegen Politiker, sowohl der regierenden Konservativen als auch der oppositionellen Labour-Party. Sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung sind offensichtlich gang und gäbe. In Westminster kursiert eine Liste mit den Namen von 40 konservativen Abgeordneten, gegen die es Vorwürfe gibt. Manches davon mag nur ein Gerücht sein, doch die Liste sorgt für Unruhe und Nervosität, denn darauf stehen auch Vize-Regierungschef Damien Green und mindestens zwei Staatssekretäre.

Premierministerin May hat inzwischen alle Parteivorsitzenden eingeladen, um über eine gemeinsame, unabhängige Beschwerdestelle zu beraten. Eines der Probleme ist nämlich, dass sich Parteimitarbeiteiter_innen mit ihren Vorwürfen bislang nur an ihre Vorgesetzten wenden können - auch dann, wenn sich die Vorwürfe gegen genau diese Vorgesetzten richten.


Vergewaltigung bei einer Parteiveranstaltung


Außenhandels-Staatssekretär Mark Garnier soll zum Beispiel seine Sekretärin beauftragt haben, für ihn Sexspielzeuge einzukaufen. Eine weitere Frau warf einem Abgeordneten vor, er habe sie auf einer Auslandsreise sexuell belästigt. Obwohl sie der Polizei und der Parlamentsverwaltung davon berichtet habe, sei nichts passiert. Den bisher schwerwiegendsten Vorwurf erhob eine frühere Labour-Mitarbeiterin. Bex Bailey beschuldigte einen ranghohen Parteipolitiker, sie 2011 bei einer Parteiveranstaltung vergewaltigt zu haben. Sie habe der Parteispitze von der Tat berichtet, aber man habe ihr nahegelegt, nicht darüber zu reden, denn das könne ihr "schaden". Labour-Parteichef Jeremy  Corbyn will die Vorwürfe jetzt von einem unabhängigen Gremium untersuchen lassen - sechs Jahre nach der mutmaßlichen Vergewaltigung.

Nach Fallons Rücktritt könnte der konservative Vize-Regierungschef Damien Green der nächste sein, der seinen Hut nehmen muss. Die Parteiaktivistin Kate Maltby wirft ihm vor, sie sexuell belästigt und ihr aufdringliche E-Mails geschrieben zu haben. Green weist die Anschuldigungen zurück, die Ergebnisse regierungsinterner Ermittlungen stehen noch aus. Die Vorsitzende der Konservativen Partei in Schottland, Ruth Davies, forderte in der BBC: "Der Saustall muss aufgeräumt werden. Es geht nicht nur um Sex, sondern um Macht." BBC-Reporterin Laura Kuenssberg, die seit Tagen über den Saustall berichtet, ergänzte: "Diesmal muss es ganz grundsätzliche Veränderungen geben." Mal sehen, wer in Großbritannien als nächstes zurück tritt.


Die Diskussion um sexuelle Belästigung durch Politiker geht inzwischen auch in Deutschland und im Europäischen Parlament weiter. Auf Change.org hat die Europaabgeordnete Terry Reintke, frauenpolitische Sprecherin für die Grünen im EU-Parlament, eine Petition gegen sexuelle Belästigung initiiert und fordert zum Unterschreiben auf: 

Sexuelle Belästigung im EU-Parlament stoppen #metooEU


Weitere, passende Artikel im Watch-Salon:
Mit Bodyguard zum Parteitag - Angriffe auf Journalistinnen in Großbritannien
Der Fall des Harvey Weinstein - Emma Thompson im Interview

2 Kommentare

  1. Sehr gut der Überblick über diesen "Saustall". In den deutschen Nachrichten kam es oft so rüber, als ginge es eben "nur" um einen Griff ans Knie vor vielen Jahren. Letztendlich geht es aber um fortgesetzten Machtmissbrauch.

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  2. Danke. Super hier eine Zusammenfassung zu bekommen, noch dazu von einer, die vor Ort in diesem "Milieu" arbeitet. Ich wollte das ergänzen: ich sehe die öffentliche Diskussion von sexuellen Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen in dieser Dimension und Qualität, wie das aktuell geschieht, für historisch neu. Und wir JournalistInnen haben hier eine wichtige Rolle. Herzliche Grüße von einer Kollegin #metoo

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