Dienstag, 12. Juni 2018

Lob und Preis für junge Journalistinnen

Marlies-Hesse-Nachwuchspreis 2015: Jury und Preisträgerinnen mit der Stifterin des Preises
MHNP-Preisträgerin 2015 Juliane Schiemenz (2. v.l) neben der Stifterin des Marlies-Hesse-Nachwuchspreis, umringt von der Jury und Katharina Pfannkuch (2.v.r), die eine lobende Erwähnung erhalten hatte. / Foto: Eva Hehemann

Mit einer Auszeichnung belohnt zu werden, das stachelt alle an. Zu Größerem, zum Weitermachen, zum Dranbleiben auch bei schwierigen Recherchen, zum Experimentieren mit journalistischen Darstellungsformen, zum Mundaufmachen und Forderungen stellen. Diese Ermutigung für junge Journalistinnen hatte Marlies Hesse im Sinn, als sie 2002 den nach ihr benannten Nachwuchspreis des Journalistinnenbund ins Leben rief. Wir haben die Stifterin gebeten, uns in einem Gastbeitrag hinter die Kulissen der Preisvergabe blicken zu lassen.



Drei Gewinnerinnen für den Marlies-Hesse-Nachwuchspreis 2018

von Marlies Hesse, Gastautorin


Drei junge Kolleginnen wird der Journalistinnenbund in diesem Jahr mit dem Marlies-Hesse-Nachwuchspreis (MHNP) ehren: Barbara Bachmann, Jahrgang 1985, Isabell Beer, Jahrgang 1994 und Dinah Riese, Jahrgang 89. Gewürdigt werden sie für ihre hervorragenden Beiträge, in denen sie Sachverhalte aus ungewöhnlicher Perspektive schildern und damit neue Sichtweisen eröffnen. Inhaltlich wie stilistisch erfüllen sie uneingeschränkt die Kriterien der Ausschreibung, in denen es von Anfang an heißt:
„Der jb fördert die gendersensible Perspektive, den differenzierten Blick auf Frauen und Männer, Ältere und Junge, auf Menschen verschiedener Hautfarbe, Herkunft und Religion.“

Mehr Beachtung für herausragende Leistungen von Frauen


Preisstifterin Marlies Hesse / Foto: Eva Hehemann
Vor dem Hintergrund, dass eine Vielzahl an Auszeichnungen zumeist an Männer geht und Frauen nur zu einem geringen Prozentsatz Beachtung finden, sah ich mich als damalige jb-Geschäftsführerin veranlasst, bereits 2002 einen verbandseigenen Nachwuchspreis für Journalistinnen unter 35 zu stiften. Bedingung war, dass sie in ihren Beiträgen eine gendersensible Perspektive und die vielfältigen Lebenswirklichkeiten in beispielhafter Weise zum Ausdruck bringen.

Zunächst unter dem Namen „Mit anderen Worten“ ausgelobt, wurde die mit 1.000 Euro  dotierte Auszeichnung später in „Andere Worte – neue Töne“ umbenannt. Anlässlich seiner 10. Verleihung beschloss der jb-Vorstand 2012, den Nachwuchspreis nach seiner Stifterin zu benennen. Seitdem freue ich mich darüber, dass der Marlies-Hesse-Nachwuchspreis meinen Namen trägt.


Verliehen wurde der MHNP zunächst alternierend in den Bereichen Print, Hörfunk und Fernsehen. Ab 2013 kamen Online-Beiträge hinzu. Erst mit der Ausschreibung 2018 wurde diese Grenze zwischen den Kategorien aufgehoben. Und das hat sich im Blick auf eine vergleichsweise größere Auswahl an qualifizierten Beiträgen aus durchweg hochrangigen Medien als absolut lohnend erwiesen. Den überwiegenden Teil nahmen in diesem Jahr Einsendungen aus dem Printbereich mit der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT an oberster Stelle ein. Nur relativ wenige Bewerbungen enthielten Audio- oder TV- Beiträge aus den öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten. Vertreten waren auch Bewerbungen aus der Schweiz und aus Österreich.

Marlies-Hesse-Nachwuchspreis fördert Karrieren


Es gibt heute 70 Preise für den journalistischen Nachwuchs. Eine Besonderheit ist der MHNP – von Journalistinnen für Journalistinnen. Wer sich die Namensliste der Preisträgerinnen genauer anschaut, wird auf etliche Journalistinnen treffen, die seitdem eine beachtliche Karriere gemacht haben. Sei es nun die erste Preisträgerin von 2002, Jenny Friedrich-Freksa, die inzwischen Chefredakteurin der Zeitschrift „Kulturaustausch“ ist oder die letzte Sonderpreisträgerin von 2017, Franzi von Kempis, die mittlerweile als Chefin vom Dienst bei T-Online verantwortlich zeichnet. Mit vielen Preisträgerinnen bin ich in Kontakt geblieben und verfolge aufmerksam neue Schritte ihres Berufswegs. Nicht wenige unter ihnen konnten inzwischen weitere Preise gewinnen.

Juryentscheidung 2018: #MeToo-Debatte dominierendes Thema


Dass Sexismus und Gewalt als Themen von hoher gesellschaftlicher Relevanz auch angesichts der #MeToo-Debatte in diesem Jahr in den Mittelpunkt der Betrachtungen und der Berichterstattung gerückt wurden, empfand ich als naheliegend. Tatsächlich nahmen sie den Großteil der eingereichten Beiträge ein. Dies gilt auch für die preisgekrönten Beiträge von Barbara Bachmann „Sex, Lügen und Youtube“ (Reportagen, April 2017) und Isabell Beer „Das unsichtbare Verbrechen“ (ZEIT-Magazin, 34/2017).

Bereits in der Vorauswahl lagen ihre Beiträge in der Höchstbewertung aller Jurorinnen so dicht beieinander, dass fast der Eindruck entstehen konnte, die Entscheidung für Platz 1 und 2 sei schon einstimmig gefallen. Die Gefahren des Internets durch fehlende rechtliche und menschliche Schutzmaßnahmen wurden uns anhand beider Beiträge überaus deutlich. Uneingeschränkt teilte ich das allgemeine Erschrecken über die kriminelle Energie, die Männer gezielt einsetzen, um mit Frauen in brutal-entwürdigender Weise umzugehen. Zuvor hatte ich keine Ahnung über die Taktik und Methoden (z.B. zum Thema Voyeurismus) im Netz, das alle Jury-Mitglieder ebenso wenig wie ich in diesem Ausmaß wahrgenommen hatten. Ich war richtig froh, kein Stimmrecht zu haben, ich hätte nicht entscheiden können, welcher der beiden Texte der bessere ist.


Fesselnde Reportage: Suizid nach Cybermobbing


1. Preis für Barbara Bachmann  
Foto: Franz Strauß
Die Jury aber entschied sich nach ungewöhnlich intensiver Diskussion dafür, der Südtiroler Journalistin Barbara Bachmann den 1. Preis in Höhe von 1.000 Euro zuzusprechen. Ihre fesselnd geschriebene Reportage über eine junge Italienerin, die sich das Leben nahm, nachdem sie Opfer von Cybermobbing wurde, hatte schon im Vorfeld alle Jurorinnen besonders bewegt und tief beschäftigt. Wenige Tage nach der Entscheidung der jb-Jury erhielt Barbara Bachmann den Axel-Springer-Preis in Gold für denselben Beitrag.




Hoher Einsatz für Undercover-Recherche


2. Preis für Isabell Beer
 Foto: Silvia von Eigen
Uneingeschränkt bewunderte die Jury den Mut der Journalistin Isabell Beer, als erst 22jährige die investigative Recherche für ihre Undercover-Reportage „Das unsichtbare Verbrechen“ durchzuziehen. Dabei deckte sie ein kaum in der Öffentlichkeit bekanntes Phänomen auf, wie Voyeure im Internet Dokumente über Frauen austauschen, die sie heimlich filmten und fotografierten. Für ihren mit hohem Einsatz verbundenen Beitrag erhält sie den mit 500 € dotierten 2. Marlies-Hesse Nachwuchspreis.




Sonderpreis, gestiftet von den Soroptimistinnen


MHNP-Sonderpreis für Dinah Riese  
Foto: Barbara Dietl
Der MHNP-Sonderpreis geht an die taz-Redakteurin Dinah Riese für ihre Beiträge zum Verbot der "Werbung für den Schwangerschaftsabbruch" nach § 219a Strafgesetzbuch, ein Thema, das sie als eine der Ersten von Beginn an beharrlich verfolgte, mit insgesamt 43 Artikeln. Darüber hinaus begrüßt die Jury ausdrücklich die redaktionelle Haltung der Tageszeitung, die ihr die kontinuierliche Berichterstattung über die Problematik ermöglicht hat.





Der dotierte Sonderpreis wird das erste Mal vergeben, mit 300 Euro finanziert von den die Soroptimistinnen von Köln-Römerturm. Damit schließen sich meine Clubschwestern im Kölner Frauenserviceclub erneut meinem Engagement für den jb an. Schon seit Jahren unterstützen sie mit einer Spende den Marlies-Hesse-Nachwuchspreis und berichten regelmäßig über die Preisvergabe auf ihrer Webseite.

Mein besonderer Dank gilt allen internen wie externen Jurorinnen, die über ein Jahrzehnt hinweg unter dem Jury-Vorsitz von Gabi Dewald und später unter Andrea Ernst mit ihren Preisentscheidungen stets dazu beitrugen, dem Marlies-Hesse-Nachwuchspreis im deutschsprachigen Raum ein nicht zu unterschätzendes Gewicht zu verleihen.
Als besonders erfreulich empfand ich, nie eine Absage erhalten zu haben, wenn ich um eine ehrenamtliche Mitarbeit in der MHNP-Jury bat. Möge es auch in Zukunft so bleiben!

Die Urkunden werden den Preisträgerinnen bei einer Gala am 30. Juni persönlich übergeben.

***

Marlies Hesse (Jg. 1935) war fast 30 Jahre als Redakteurin in verschiedenen Funktionen beim Deutschlandfunk tätig. Als Aus- und Fortbildungsbeauftragte arbeitete sie maßgeblich an der Entwicklung des „Rahmenkonzepts für die journalistische Ausbildung bei ARD/ZDF“ mit. 

Unmittelbar nach ihrem Ausscheiden aus dem Rundfunk war Marlies Hesse von April 1994 bis Oktober 2010 Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes. 2003 wurde sie sowohl mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des jb als auch mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für ihr frauenpolitisches Engagement ausgezeichnet.

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