Mittwoch, 26. Juni 2019

"Ausgeblendet" - Geschlechterungerechtigkeit in Film- und Fernsehen

von Angelika Knop

Ausschnitt aus dem Buchcover, Herbert von Halem Verlag 

Das Frauenbild, das wir auf Bildschirmen und Leinwänden serviert bekommen, hat nichts mit der Realität zu tun. Zumindest nicht in Summe. Frauen sind dort zu wenig, zu dünn und zu jung. Das ist nicht nur die gefühlte Wahrheit einer feministischen Zuschauer*in, sondern Forschungsergebnis - mitfinanziert von den Kritisierten: Sendern und Filmförderung. Die Medienwissenschaftlerinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke legen das jetzt in "Ausgeblendet" dar.



Studien sind interessant, aber manchmal auch ein wenig schwerfällig. "Audiovisuelle Diversität" hieß  das 2017 veröffentlichte Werk von Prommer, Professorin an der Uni Rostock, und ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin. 3.500 Stunden Fernsehen und 800 deutsche Kinofilme wurden dafür ausgewertet, initiiert von der MaLisa-Stiftung von Maria und Lisa Furtwängler.  Nun also ein Buch, aktualisiert und mit knackigerem Titel: "Ausgeblendet". Damit es jede und jeder versteht.

Gleich vorweg: So richtig knackig liest es sich nicht. Die Autorinnen referieren erst einmal den Stand der Forschung und das Studiendesign. Und sie erklären den Genderbegriff der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler. Das ist seriös, aber eben auch keine Bettlektüre. Die Erkenntnis raubt einem aber ohnehin den Schlaf: Frauen kommen im deutschen Fernsehen nur halb so oft vor wie Männer. Und ihr Anteil sinkt rapide mit dem Alter. Personen über 60 sind nur noch zu einem Fünftel weiblich. Der Anteil von Expertinnen in Informationssendungen liegt weit unter dem, was für das jeweilige Berufsfeld repräsentativ wäre und in allen Bereichen unter einem Drittel. Im Kinderfernsehen haben Frauen noch weniger Raum. Nur ein Viertel aller Figuren sind hier weiblich. Apropos Figur: Vor allem gezeichnete Frauen haben oft anatomisch unkorrekt schmale Taillen.

Diese Ergebnisse setzen die Autorinnen fürs Buch nun in Beziehung zu den Macher*innen der Film- und Fernsehindustrie. Und sie stellen die Medienresonanz auf die Studie dar - angefangen vom peinlichen Interview Claus Klebers mit Maria Furtwängler im ZDF-heutejournal, für das der Moderator beim Herbsttreffen der Medienfrauen 2017 die "Saure Gurke" bekam. Kritik an der Studie, so heißt es, sei oft verbunden "mit einer grundlegenden Skepsis gegenüber feministischen Diskursen und der Geschlechterforschung", gerne verknüpft mit Seitenhieben auf geschlechtergerechte Sprache. Insgesamt aber, so das Fazit, war die Resonanz betroffen. Sender schlugen sich an die Brust und gelobten Besserung.

Frauen in Kino und TV einblenden - aber wie?


Wichtig ist eine Änderung, weil wir uns zwar im Einzelfall aber eben nicht generell der Übermacht der Bilder entziehen können. Wo Frauen nicht vorkommen, werden sie uns weniger bewusst. Wo Klischees ständig wiederholt werden, setzen sie sich fest. Wie aber lässt es sich ändern? Sehr niederschmetternd die Analyse von Prommer und Linke: Es spielt eine Rolle, ob Frauen die Drehbücher schreiben, die Rollen besetzen und so fort. Aber nur, wenn sie allein entscheiden, "Arbeiten Frauen mit Männern im Team, dann agiert dieses Team eher männlich." Salopp gesagt spielen dann eben wieder Männer die Hauptrolle. Es geht also nicht nur um Entscheider*innen, sondern um Bewusstsein und Prozesse. Dafür gibt es auch Vorschläge, wie Datenbanken für Expertinnen. Vor allem aber den Blick ins Ausland.

Eine gute Gegenstrategie kommt aus dem Vereinigten König(in)reich: Das BBC-Projekt 50:50 zeigt, dass sich etwas verändern kann, wenn die Verantwortlichen es nur wollen und konkrete Schritte unternehmen: 500 Teams, tausende Programmmachende zählen den Frauenanteil in ihren Sendungen und legen Rechenschaft ab, wie sie ihn erhöhen. Die Sendung, in der alles begann, hat binnen vier Monaten den Frauenanteil von unter 40 Prozent auf über 50 gesteigert.

Am Ende lautet dann auch das Fazit von "Ausgeblendet": Nur konkrete Maßnahmen helfen, gerne auch gesetzliche Vorgaben und Quotenregelungen. Dafür liegen die Fakten und Argumente bereits seit zwei Jahren vor, nun sogar in Buchform. Wie gesagt, keine Bettlektüre - deshalb: Aufwachen, liebe Programmverantwortliche und Politikmachende!

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ELIZABETH PROMMER / CHRISTINE LINKE
Ausgeblendet
Frauen im deutschen Film und Fernsehen. Mit einem Vorwort von Maria Furtwängler
edition Medienpraxis Band 17
Herbert von Halem Verlag
ISBN 978-3-86962-428-0

Professorin Elizabeth Prommer, Autorin der Studie und Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock, stellt heute ihr Buch in der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin vor. Mit dabei sind Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und die Schauspielerin und Mitbegründerin der MaLisa Stiftung, Maria Furtwängler. Es moderiert Sissi Pitzer vom Bayerischen Rundfunk - eine Kollegin im Journalistinnenbund. Ein weitere, die "Filmlöwin" Sophie Rieger, hat am Buch mitgearbeitet. 


Am 28.6. geht www.genderleicht.de bei einer Fachtagung zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch online. Das vom Journalistinnenbund initiierte Projekt will Medienschaffenden Impulse und Hilfestellung zu einer gendersensiblen Arbeitsweise geben - beim diskriminierungsfreien Sprechen und Schreiben wie auch bei der Bildgestaltung. 

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