Donnerstag, 6. Februar 2020

#ShareyourPower – neue Kampagne für Gendergerechtigkeit in Film, Medien, Kultur

von Gastautorin Sissi Pitzer

Barbara Rohm von ProQuote Film ruft auf zur neuen Kampagne "ShareYourPower"/ Foto: ProQuote Film, Dietmar Gust

Geballt für die Quote – mit dieser Aufforderung zu Solidarität, gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Power starteten sie ins neue Jahr: ProQuote Film, ProQuote Bühne und ProQuote Medien. Auf dem Quotenkongress Ende Januar in Berlin wurde deutlich, dass sich dafür auch eine Reihe von Politikerinnen einsetzen. Denn, so eine Erkenntnis: Wirklich ändern wird sich nur etwas durch neue, gendergerechte Gesetze.


Da ist zum einen die Regierung von Mecklenburg-Vorpommern, die den Quotenkongress in ihrer Landesvertretung in Berlin ausgerichtet hat. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, bis 2017 selbst Frauen- und Familienministerin auf Bundesebene, hat die Quoteninitiativen stets aktiv unterstützt. Und ihre Nachfolgerin Franziska Giffey führt das fort und lässt ausrichten: „Nur Penetranz schafft Akzeptanz“. Die Leiterin der Gleichstellungsabteilung im BMFSFJ, Daniela Behrens, kündigt an, das Ministerium wolle in der Koalition Druck machen für ein Gesetz, das Frauenquoten für die Vorstände großer Konzerne, aber auch im Öffentlichen Dienst vorschreibt. „Wo es keine Quote gibt, da bewegt sich nichts“, so ihr Bekenntnis. Das gilt auch für die anstehende Novellierung der Filmförderung – bislang erhalten Frauen, je nach Zählweise, nur zwischen 10 und 17 Prozent der Fördergelder. Immerhin: Erreicht wurde bereits eine paritätische Besetzung der Gremien.

Mit vereinten Kräften für die Quote


Klar auf Seiten der QuotenbefürworterInnen: Staatssekretärin Antje Draheim, Bevollmächtigte des Landes Mecklenburg Vorpommern beim Bund und Gastgeberin der Quotenkonferenz. Sie macht vor allem den Umgang mit Sprache zum Thema, denn sie sei ein wesentliches Element von Macht. Als Führungskraft in der Politik seien ihr seit 20 Jahren die immer gleichen Klischees begegnet. Die sie bestens bediene, wie sie lachend sagt, als Frau, Ostdeutsche, Mutter – und dann auch noch blond! Zum Thema Film bringt sie das Zitat des Tages: Den auch gerne auf T-Shirts gedruckten Spruch: “Das Pferd kannst du hierlassen, den Prinzen will ich nicht“. Denn: „Jede Form der historischen Überlieferung, egal ob schriftlich, mündlich, filmisch, ist männlich erzählt. Das fängt bei der Bibel an und hört bei jedem Märchen auf. Kennen Sie irgendein Märchen, in dem eine starke weibliche Hauptrolle vorkommt, die nicht rosa ist, keine Krone trägt und nicht unbedingt den Prinzen heiraten will?“

Daniela Behrens, vor ihrer politischen Karriere selbst Journalistin, verweist auf den ernüchternden Anteil von Frauen in Führungspositionen in den Medien. Nur acht Prozent weibliche Chefredakteurinnen bei Regionalzeitungen nennt sie einen Skandal. „Und damit erheben regionale Blätter sogar den Anspruch, sie könnten die ganze Bandbreite der Gesellschaft abbilden. Aber mit diesen Führungsstrukturen nehmen sie manche Themen gar nicht wahr. Für uns sind 50 Prozent die Hausmarke, weil 50 % der Gesellschaft Frauen sind und so soll auch ihre Teilhabe organisiert sein, in allen Bereichen.“

ProQuote Medien ist dabei, die Messung von Machtanteilen in den Redaktionen auf eine neue Basis zu stellen, die die strikte Trennung von Print und Online aufweicht. Die Veränderungen seit Gründung der Initiative 2012 sind unterschiedlich, aber keinesfalls zufriedenstellend, wie Vorständin Nataly Bleuel deutlich macht: Positiv bei Stern und ZEIT, ermutigend beim Spiegel, deprimierend bei FAZ oder Welt. Geplant ist, sich dieses Jahr stärker mit der Situation im Regionalen zu beschäftigen.

"Zählen zählt"


Elisabeth Prommer, Medienforscherin an der Universität Rostock, referiert einmal mehr die erschreckenden Ergebnisse der Malisa-Studien zum Anteil von Frauen in Film und Fernsehen – ob in fiktionalen Sendungen oder in Informationsprogrammen – sowie die stereoptypen Rollen bei social media, wo Influencerinnen fast ausschließlich Beauty- und Modethemen besetzen. Für die Berlinale kündigt sie die nächste Studie zu Streaming-Programmen an; auch TikTok, der Hype-Kanal bei jungen UserInnen, wird gerade untersucht. Prommers Credo: „Zählen zählt“. Nur mit Zahlen könne Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Wir brauchen Fakten statt dem gesunden Männerverstand“, so die feministische Forscherin.

So hat ProQuote Bühne ausgezählt, dass 78% der Theater von Intendanten geleitet werden, auf eine Frau kommen also drei Männer. 70 Prozent der Inszenierungen werden von Männern gemacht, die Stücke stammen zu drei Vierteln von Autoren. Ähnlich sieht es in der Musikszene in Deutschland aus, z.B. im Bereich Klassik: Bei 130 Profiorchester gibt es fünf Frauen als Leitung und Dirigentinnen. Frauen sind auch im Bereich Musik unterrepräsentiert, als Künstlerinnen, als Komponistinnen, als Dirigentinnen.

Neue Kampagne: #ShareYourPower


Was tun? Zusammenschließen mit anderen Initiativen, aktive Lobbypolitik in Ministerien und Parteien betreiben, in politischen Expertinnengremien mitarbeiten, so die Antwort von Elke Ferner, SPD, Parlamentarische Staatssekretärin a.D. und jetzt im Vorstand des Deutschen Frauenrates aktiv. „Vernetzung“, sagt Silke Martini, Rechtsanwältin und Gender Consultant. Es gebe kein Bewusstsein in den Unternehmen für strukturelle Diskriminierung – sie schult u.a. in öffentlich-rechtlichen Sendern – und auch die Medien vermittelten immer noch zu sehr alte Rollenstereotype.

„Banden bilden“, so das Fazit von Barbara Rohm, Vorständin von ProQuote Film und Mit-Initiatorin des Quotenkongresses. #ShareYourPower heißt die neue Kampagne zur Quotenforderung, die bei der Berlinale einen Höhepunkt erreichen wird. „Wir sind da, wir sind viele, wir können den Unterschied machen“.


Unsere Gastautorin

Sissi Pitzer ist Medienredakteurin beim BR Hörfunk und aktive Netzwerkerin. Gemeinsam mit Kolleginnen vom jb und anderen Münchner Frauennetzwerken hat sie das Netzwerk Media Women Connect ins Leben gerufen. Es hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass der Frauenanteil auf den Podien der Medientage München in 2019 auf 36 Prozent gestiegen ist. Seit einigen Monaten arbeitet sie für den BR in Berlin.

Foto: Media Women Connect

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