Mittwoch, 15. Januar 2020

Raubtiere im Newsroom

von Anuradha Sharma aus dem indischen Shiliguri - Hostwriter- und Gastautorin im Watch-Salon


Illustration: Moshtari Hilal


Meine Karriere als Journalistin war zum Scheitern verurteilt, weil ich kein Mann bin. Letztes Jahr gestand ich mir diese Wahrheit zum ersten Mal ein, nachdem ich vor über sieben Jahren meine feste Stelle als Journalistin gekündigt habe und mich notgedrungen auf ein Leben als Freelancer einließ.
 Es erstaunt mich jetzt – oder vielleicht auch nicht –, dass ich das all die Jahre nicht wahrhaben wollte. Ich wollte mich nicht als Opfer sehen; ich war eben eine Spielernatur und liebte das Risiko. Jedes Mal, wenn ich anderen erzählte: "Ich habe mich selbstständig gemacht, weil man da viel mehr Freiheit hat, und interessanter ist es auch", habe ich ihnen und mir selbst etwas vorgemacht.

Eigentlich war ich auf der Flucht. Auf der ständigen Flucht vor rücksichtslosem männlichen Verhalten und dem Patriarchat in den Nachrichtenredaktionen. So hatte ich mir den Job nicht vorgestellt, als ich mit Idealismus und einem Koffer voller Träume losmarschierte.

Im Jahr 2002 begann ich, als Journalistin in meiner Heimatstadt Shiliguri zu arbeiten. Shiliguri ist eine Handelsstadt im Nordosten Indiens, damals gab es nur zwei Journalistinnen in der Stadt. In Kleinstädten hatten Frauen gerade erst angefangen, in männliche Bastionen vorzudringen, was sich daran zeigte, dass es in Nachrichtenredaktionen noch keine Damentoiletten gab. Für uns war das kein Ding – schließlich waren wir froh, dass wir, Frauen aus der Kleinstadt mit echten Berufen, die männliche Welt des Journalismus erobert hatten. Ein Kampf für das Recht auf eigene Toiletten oder gar eigene Verantwortlichkeitsbereiche wäre zu riskant gewesen.

Das Patriarchat am Arbeitsplatz


Ich kam aus einem liberalen, rein weiblichen Haushalt - und lernte nun, in den Nachrichtenredaktionen, das Patriarchat kennen. Verbrechen, Politik, Sport, meistens auch Wirtschaft – das waren die wichtigen Ressorts, die natürlich Männern vorbehalten waren. Frauen machten die "weiblichen" Ressorts und schrieben die "soft stories". Das Patriarchat am Arbeitsplatz sorgte dafür, dass Frauen da blieben, wo sie angeblich hingehörten.

Habe ich mich beschwert? Nein. Hätte eine junge Frau in ihren frühen Zwanzigern den Status quo in Frage stellen können? Mein internalisiertes Patriarchat verwies mich "in meine Schranken". Ohne die Dinge direkt beim Namen zu nennen, habe ich versucht, etwas an der Situation zu ändern. Ich ließ keine Gelegenheit aus, um die "harten Nachrichten" zu kriegen – in einer kleinen Stadt und einer kleinen Redaktion boten sich solche Chancen, besonders wenn die Männer Urlaub machten. Anerkannt wurde meine Arbeit aber nicht, auch wenn meine Artikel wichtig genug für die Titelseiten waren.

Raubtier Nummer 1


Es ist wohl ein speziell männliches Talent, einer Frau konsequent ihren Platz streitig zu machen. Mein unmittelbarer Vorgesetzter in unserem winzigen Vier-„Mann“-Büro – nennen wir ihn mal Raubtier 1 –, hielt es für sein gutes Recht, auch noch seinen Namen unter meine größeren Artikel zu setzen. Warum? "Weil ich auch da war." Das stimmt, er war immer da, wo ich hinging – Ausstellungen, Pressegespräche, Konferenzen. Als typisches Raubtier war er mir immer auf der Fährte – mehr dazu später. Wenn ich mich hinsetzte, um einen Artikel über Politik zu schreiben, fing er an herumzuhüpfen: "Die Geschichte mache ich!"

Eines Tages tauchte er nach mir auf der Pressekonferenz eines Lokalpolitikers auf. Als ich später mit dem Artikel anfing, stoppte er mich. "Ich mache die Geschichte. Das ist Politik, und Politik ist mein Ding.“ Etwas später: "Ich bin hier der Chef.“ - "Warum hast du mir dann den Auftrag gegeben?" Ich war wütend. "Weil du Nepali sprichst."

Er hatte mich reingelegt: Der Politiker sprach Nepali; ich sollte nur zu der Pressekonferenz, weil ich als einzige im Büro Nepali konnte und mich mein Chef für die Übersetzung brauchte. Er vermittelte mir, dass die Story zu groß für mich war, nachdem ich mehrere Jahre als Journalistin gearbeitet hatte, und, bevor er zu uns gekommen war, zur Hauptkorrespondentin für Politik und zur Teamleiterin aufgestiegen war. Er war ein totaler Außenseiter, der weder die Sprache vor Ort beherrschte, noch die leiseste Ahnung von hiesiger Politik hatte; dennoch nahm er für sich in Anspruch, die wichtigen Artikel selbst zu schreiben.

Blockiert und gestalkt


Was ist schlimmer – wenn dir dein Chef bei der Arbeit Steine in den Weg legt oder wenn er dich stalkt und bei dir zu Hause auftaucht, selbst wenn du nicht da bist? Raubtier 1 suchte tatsächlich meine Freunde und Bekannten heim und fragte sie aus – mit wem ich mich so treffen würde, wer war denn an der Scheidung schuld, wie war das nochmal beim Tod meines Vaters? Wenn ich bei der Arbeit Land unter hatte, fand er, dass es seine Pflicht sei, bei meiner Familie "vorbeizuschauen“. Ich beschwerte mich bei meinen leitenden Vorgesetzten im 600 Kilometer entfernten Kolkata. Keine Reaktion. Dann machte ich mich aus dem Staub und versuchte, mich an meine Würde zu klammern, wie eine Ertrinkende, die sich an einem Strohhalm festhält. Ich kündigte; er blieb auf seinem Posten.

Danach zog ich nach Kolkata und übernahm einen Bürojob bei meinem früheren Chef, für den ich vor Jahren als Praktikantin gearbeitet hatte. Ich hatte zu ihm aufgeschaut, er war mein Mentor, heute würde ich eher sagen: Er war „Raubtier 2“.

Das Besondere an Raubtieren ist, dass sie ihre Beute schon von Weitem riechen. Raubtier 2 war raffiniert. Er war mein "Erlöser", er "half" mir mit einem Jobangebot, das mich letztlich nicht nur in finanzieller Hinsicht degradierte, vor dem Untergang. "Das ist eine Rettungsaktion, meine Liebe. Mehr ist beim besten Willen nicht drin", sagte er, ohne dass ich ihn um irgendetwas gebeten hätte.
Ich habe sein Angebot nicht in Frage gestellt, obwohl ich mich übers Ohr gehauen fühlte. Ich hielt den Mund und arbeitete und behandelte Raubtier 2 mit dem schuldigen Respekt. Aber er erwartete eindeutig mehr "Dankbarkeit". "Wann hattest du das letzte Mal wilden Sex?", lautete eine SMS aus heiterem Himmel. Als ich einmal in die Arbeit vertieft an einem Seitenlayout saß, massierte er mir plötzlich den Nacken. Danach achtete ich darauf, alles Private bei Gesprächen mit ihm außen vor zu lassen.

Aber Raubtier 2 war kein Mann, dem frau einen Korb geben durfte. Er rächte sich: Als ich ein begehrtes Stipendium in den USA bekommen hatte, gab er mir keinen Urlaub. Da wurde mir klar, warum einige Kolleginnen über seine krassen Witze lachten oder nichts sagten, wenn er sie mit "lasyamayi" (sexy, auf Bengali) ansprach oder ihnen sogar über den Nacken strich.

Flucht ohne Ausweg


Eine Kollegin, die im Büro immer weite Sportkleidung trug, erzählte mir Jahre später, dass sie sich vor ihm verstecken wollte. "Ich wollte einfach unsichtbar sein." Die von Bösartigkeit begleitete Widerlichkeit von Raubtier 2 verbreitete sich im Büro auf verschiedenen Ebenen und vergiftete die Atmosphäre. Alle misstrauten sich gegenseitig. Meine Arbeit litt, mein Seelenfrieden war dahin.
Nach knapp drei Jahren kündigte ich. Diesmal ohne einen Job in der Hand. Nachdem ich vom Regen in die Traufe gekommen war, stürzte ich mich in die Freiberuflichkeit.

Als ich eines Abends – noch unter der Feudalherrschaft von Raubtier 2 – an der Überarbeitung eines politischen Artikels saß, rief mich jemand an und fragte nach „Marienkäfer“. Danach ein weiterer Anruf und noch einer. Die Anrufe hörten nicht auf, besonders nachts hatten viele das dringende Bedürfnis, mit Marienkäfer zu sprechen. Erst als mich jemand "Wieviel nimmst du?" fragte, wurde mir klar, dass es um Sex ging und mich die Anrufer für eine Sexarbeiterin hielten.

Outgesourcte Belästigung


Irgendjemand hatte überall in der Öffentlichkeit meine Telefonnummer hingekritzelt, und daneben "Marienkäfer" geschrieben – an die Wände von Toiletten (am häufigsten), Bahnsteigen und Abrisshäusern. Ich begann, die Anrufe zurückzuverfolgen, und alles deutete auf  Raubtier 1 hin: Der erste Anrufer war aus Shiliguri, er hatte meine Nummer von der Toilettenwand eines Restaurants in der Nähe meines früheren Büros. Es gab Anrufe aus Delhi, als sich Raubtier 1 Kolleg*innentratsch zufolge dort aufhielt. Irgendwann konfrontierte mein Schwager Raubtier 1 mit meinem Verdacht. Mein Ex-Chef gab kommentarlos zu, dass er für die Schmierereien verantwortlich war. Das war sein "Racheporno" – keine Ahnung, wofür – mit einer Armee sexhungriger Männer, die mich bedrängten. Er hatte die sexuelle Belästigung outgesourct.

Ich änderte meine Telefonnummer und nahm hin, dass ich dadurch meine beruflichen Kontakte zu Quellen verliere. Erst vor Kurzem habe ich meine alte Nummer reaktiviert. Zehn Jahre müssten eigentlich reichen, um so eine Sache durchzustehen, aber hin und wieder bekomme ich immer noch Marienkäfer-Anrufe.


#MeToo in Indien


Dann passierte im Oktober 2018 etwas Wunderbares in der indischen Medienwelt. Die Frauen fingen an zu reden. Kurz nachdem Bollywood-Schauspielerin Tanushree Dutta öffentlich gemacht hatte, dass sie von der Schauspielerlegende Nana Patekar sexuell belästigt worden war, beschrieb die Journalistin Sandhya Menon auf Twitter, welche Qualen sie wegen ihrer männlichen Kollegen durchlitten hatte. Der Damm war gebrochen. Scharenweise berichteten Medienfrauen nun in der Öffentlichkeit von ihren schrecklichen und schmerzlichen Erlebnissen. Indien hatte jetzt einen eigenen #MeToo-Sturm.

Vor den Augen eines post-Weinstein’schen Publikums wurde nun einer nach dem anderen, Top-Namen in der Branche und angesehene Redakteure, öffentlich bloßgestellt. An erster Stelle stand M.J. Akbar, der legendäre Redakteur, der in der Vergangenheit an der Gründung zweier großer indischer Zeitungen mitgewirkt hatte und zum Staatsminister im Außenministerium aufgestiegen war. Nun berichteten Frauen von seinen schrecklichen Taten – Machtmissbrauch, Belästigung, Vergewaltigung. Er musste von seinem Amt zurücktreten. Auch Raubtier 1 wurde genannt und mit seinem herabwürdigenden Spruch, den er in der Redaktion gerne anbrachte, zitiert: "Wenn ich einen Fehler finde, ziehe ich dir dein Höschen herunter!"

Die #MeToo-Bewegung habe ich lange Zeit nicht beachtet. Als Ehefrau und Mutter zweier Kinder, die gleichzeitig versuchte, ihren Beruf als Journalistin nicht aufzugeben, hatte ich genug zu tun und brauchte lange, um die neuen Entwicklungen zu verarbeiten. Als ich mich mit Anderen aus unserem „Network of Women in Media, India“ (NWMI) auf WhatsApp unterhielt, hatte ich wohl gerade einen schwachen Moment und da erwischte es mich mit voller Wucht. Die Wahrheit sprang mich an, Erinnerungen strömten auf mich ein und meine ganze Selbstsicherheit zerplatzte in tausend Stücke.

Nicht OK, sondern Opfer


Als ich 2011 kündigte – nachdem ich ein Jahrzehnt gut und gerne als Reporterin und fleißige Lektorin gearbeitet hatte – war ich eine Frau, die versuchte, ihre Würde zu bewahren, und nicht die neue Freelancerin auf Adrenalin. Ich konnte vor dieser Tatsache nicht länger weglaufen. Die ganze Zeit über hatte ich es verdrängt. Ich habe mich nicht als Opfer gesehen, als ich meine beiden Jobs kündigte. Ich war eine Angeberin, die die Lust auf Freiheit, Abenteuer und Selbstbestimmung vor sich hertrug und die Haltung, dass ich mir vom Verhaltenskodex, der für "normale" Menschen galt, nichts vorschreiben lassen musste. Ich wollte nicht, dass die Raubtiere, meine Raubtiere, dachten, dass sie gewonnen hatten und ich mich von ihnen unterkriegen lasse. Und ich wollte der Welt auch beweisen, dass ich großartige Sachen mache. Bei mir war alles okay.

#MeToo hielt mir den Spiegel vor, und zum ersten Mal sah ich mich als Opfer. Zum ersten Mal dachte ich über den Menschen nach, der ich hätte sein oder werden können, wenn da nicht diese Belästigungen gewesen wären. Zum ersten Mal dachte ich an die Karriere, die ich gemacht hätte, wenn ich ein Mann wäre.

Unsere Gastautorin 

Anuradha Sharma, eine im indischen Shiliguri ansässige unabhängige Journalistin, hat mit The Telegraph und The Economic Times zusammengearbeitet. Sie schreibt über Politik, Kultur, Medien und soziale Gerechtigkeit und war Reuters Fellow an der University of Oxford.


Vielen herzlichen Dank an Hostwriter, dass wir diesen Beitrag übernehmen durften. Er  ist ein Auszug aus dem Buch:

Unbias the News - Warum Journalismus Vielfalt braucht
Herausgeber: Hostwriter/CORRECTIV
2019
gebundene Ausgabe 224 Seiten
ISBN-10: 3948013047
ISBN-13: 978-3948013042

Politisch korrekt am besten im Correctiv-Shop kaufen.
Mehr zum Projekt gibt es im Hostwriter-Blog und auf der englischsprachigen Website.

Hier geht's zur Besprechung: Unbias the News - Vielfalt zwischen zwei Buchdeckeln

Weitere Artikel im Watch-Salon zu Diversität in Redaktionen:
Strategien für vielfältigen Journalismus
Das geht gar nicht: Eine Diskussion über Feminismus, Intersektionalität und Journalismus

Kommentare

  1. Ganz wunderbar. Lesen! Nachdenken! Und dann hätte ich gerne noch gewusst, wie SIE das mit den Kindern und dem Mann hingekriegt hat. Aber es gibt ja ihr Buch.

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