Mittwoch, 6. Mai 2020

Von der Euphorie des Daseins - das DOK.fest München zeigt Filme @Home

von Angelika Knop

Emese Cuhorka und Éva Fahidi tanzen in "The Euphoria of Being" / Foto: DOK.fest München

Als Mädchen, so erzählt Éva Fahidi, hat sie im Schlafzimmer ihrer Eltern nackt vor dem Spiegel getanzt. "Wie soll man denn sonst tanzen?", fragt sie lächelnd. Professionelle Tänzerin war sie nie, aber sie zögert nicht lange, als die Choreographin Réka Szabó sie "in Versuchung führt", sich einen Traum zu erfüllen: "Ich habe 90 Jahre darauf gewartet, endlich auf der Bühne zu stehen." Doch die Proben sind schmerzhaft. Nicht nur, weil sie Angst hat, sich die Rippen zu brechen, sondern weil die Performance Évas Lebengeschichte zeigt. Die Geschichte einer ungarischen Jüdin, die Auschwitz-Birkenau überlebt hat. "The Euphoria of Being" ist der Eröffnungsfilm des DOK.fest München, das heute Abend im Deutschen Theater startet - natürlich ohne Publikum im Saal.


Die 35. Ausgabe des größten Dokumentarfilmfestivals in Deutschland findet diesmal online statt Vom 7. bis 24. Mai laufen die Filme @Home. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges lässt dabei die Schwerpunktreihe DOK.focus lasting memories Zeitzeug*innen des Nationalsozialismus zu Wort kommen.

Zeitzeug*innen


Éva ist 18, als sie mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wird. "Im Bruchteil eines Augenblicks fällt die Entscheidung" an der Rampe: "Ich in die ein Richtung. Meine Schwester, Mutter, Tante und Kusine in die andere." Éva überlebt als Einzige und die Erinnerungen holen sie oft bei den Proben ein. "Es wird nie enden", sagt sie, "so ist eben ein Trauma". Aber "es ist gut am Leben zu sein. Die Tatsache zu existieren, ist euphorisch". Sie trägt gerne bunte Kleider und fühlt "ganz stark, das ich das verdient habe", als sie sich mit 28 zum ersten Mal richtig verliebt. Heute trauert sie um ihre Jugend. "Nichts bereitet dich darauf vor, einen alten Körper zu haben". Doch die Tänzerin Emes Cuhorka erweckt ihr junges Ich wieder zum Leben. Choreographin Réka, die gleichzeitig die Autorin des Films ist, hat die zauberhafte Idee, diese beiden Frauen für die Performance zusammenzubringen. Es ist berührend zu sehen, wie sie in manchen Szenen beinahe verschmelzen und eine zärtliche Liebeserklärung an das Leben tanzen.


"It takes a family", um ein Trauma in nachfolgende Generationen zu tragen / Foto: DOK.fest München

Im ersten abendfüllenden Dokumentarfilm der Dänin Susanne Kovács gehen die Personen dagegen auf Konfrontation: "Es ist beinahe ein Wettbewerb in meiner Familie, wer am meisten gelitten hat", erzählt sie in "It takes a family". Ihre Großeltern, ebenfalls jüdische Überlebende von Konzentrationslagern, haben später selbst Gewalt ausgeübt, den Sohn geschlagen, die Enkelin mit harten Worten dafür verurteilt, dass sie die Tochter eine Deutschen ist. Das Trauma wirkt weiter in den nächsten Generationen. Doch die Regisseurin will es - zumindest für sich - auflösen, entdeckt Akten und fragt hartnäckig weiter, obwohl Großmutter und Vater nicht gerne darüber reden. Am Ende erkennt sie, dass sie "loslassen muss ohne die Antwort zu wissen". Denn "indem ich versuchte, es mit dem Verstand zu begreifen, machte ich mit dem Herzen keine Fortschritte".

Filmemacherin Poli Martínez Kaplun befragt ihre Tante in "Das Wannseehaus" / Foto: DOK.fest München

Die argentinische Autorin, Regisseurin und Produzentin Poli Martínez Kaplun reist nicht nur in die Vergangenheit, sondern nach Berlin, ins Elternhaus ihrer Mutter und Tanten - "La Casa de Wannsee", wie es im spanischsprachigen Film heißt. Diese jüdische Familie ist rechtzeitig emigriert, um dem Holocaust zu entkommen. Über Ägypten führt der Weg nach Argentinien. Doch auch hier gibt es Verdrängung. Wer könnte das sein, diese Frau auf den Fotografien neben dem Urgroßvater? Polis Tante weiß es nicht: „Ich interessiere mich nicht so für die Vergangenheit wie du“, sagt sie zu ihrer Nichte. Auch Poli lässt nicht locker, bis sie die Familiengeschichte aufgerollt hat. Vier weitere Filme des Festivals beschäftigen sich mit jüdischem Leben in Deutschland während und nach der Shoah, einem Computerspiel über das Warschauer Ghetto und Hitlers Stellverteter Rudolf Heß im Spandauer Gefängnis.

Neben den "lasting memories" gibt es die Reihen DOK.international und DOK.deutsch. DOK.horizonte erzählt von aus Ländern im Umbruch - unter anderem Georgien, Lesotho, Kolumbien, Kenia, den Philippinen. Studentenfilme werden ebenso gezeigt wie "Best of Fests, die bereits anderswo gefeiert oder ausgezeichnet wurden. Und in der "innovativen" Reihe DOK.panorama gibt es bereits die "Corona Diaries", ein Videotagebuch der Pandemie, das in 50 Szenen um die Welt führt.

Frauen im Blickpunkt


Viele der 121 Filme aus 42 Ländern stammen von weiblichen Autorinnen und/oder zeigen Frauen in den verschiedensten Lebenssituationen. Das preisgekrönte Werk "Jenseits des Sichtbaren - Hilma Af Klint" porträtiert die schwedische Künstlerin, die 1906 ihr erstes abstraktes Bild malte - Jahre vor Kandinsky. Entdeckt wurde sie aber erst Jahrzehnte nach ihrem Tod. "Sunless Shadows" zeigt den manchmal überraschend fröhlichen Alltag junger Iranerinnen, die in Haft sitzen oder saßen, weil sie ihre gewalttätigen Väter oder Ehemänner getötet haben. Unter sich sind sie glücklicher als im patriarchalen Alltag. In "Silence Radio" (Besprechung folgt demnächst) deckt die mexikanische Radiojournalistin Carmen Aristegui Korruptionsskandale und Menschrechtsverletzungen auf. Zuseher*innen können die Geigerin Hilary Hahn und Schriftstellerin Toni Morrison in Porträts erleben. In "Fat Front" kämpfen Body Positivity Aktivistinnen für ein neues Körperbild. In "Maiden" segeln zwölf Frauen in der gefährlichsten Regatta der Welt. Und in der Reihe DOK.special, die 40 Jahre Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm feiert, läuft noch einmal Helke Sanders Doku über die Frauenbewegung der 70er Jahre: "Der Subjektive Faktor".

Preiswert aber nicht umsonst


Die Festivalmacher halten die vielen kostenlosen Kulturangebote im Netz derzeit für "ein grundsätzlich fragwürdiges Signal", auch an die Filmkünstlerinnen und Filmkünstler am Ende der Verwertungskette, "die mit hohem individuellem Einsatz diese Werke erschaffen". Deshalb sind die Tickets billiger als im Kino, aber nicht kostenfrei. Wer auf einen Film im Programm klickt, gelangt über einen Link zum Verkauf. Karten gibt es für 4,50 Euro pro Film - 5,50 Euro mit Spende fürs Kino. Der "All you can watch"-Pass kostet 50 Euro. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind die Filme 18 Tage lang abzurufen - einmal gestartet allerdings nur für 24 Stunden lang beliebig oft.
Außerdem gibt es kostenlose Liveschalten "Q&A" mit Regisseur*innen, Protagonist*innen und anderen Mitwirkenden.


THE EUPHORIA OF BEING zu sehen vom 07.05. bis 17.05.2020
Eröffnungsfeier mit Film am MITTWOCH 06.05. um 20:00 - verfügbar bis 24:00
LIVE Q&A MIT RÉKA SZABÓ UND ÉVA FAHIDI
DONNERSTAG 07.05.2020 um 21:00

IT TAKES A FAMILY
LIVE Q&A MIT SUSANNE KOVÁCS
FREITAG 15.05.2020 21:00

LA CASA DE WANNSEE - verfügbar vom 07. bis 24.5.2020

SUNLESS SHADOWS - verfügbar vom 07. bis 24.5.2020

CORONA DIARIES - verfügbar nur von 07.05.2020 21:00 bis 08.05.2020 21:00
LIVE Q&A MIT REGISSEURIN ELKE SASSE
SAMSTAG 09.05.2020 21:00

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