Mittwoch, 29. April 2020

Krise als Chance: Digitales Empowerment - Zwei Journalistinnen über das Abenteuer Online-Lehre

Journalistisch arbeiten in Corona-Zeiten: "Wie geht es dir beruflich?" haben wir jb-Kolleginnen gefragt. So unterschiedlich die Arbeitssituationen sind, so verschieden fallen die anonymisierten  Antworten aus, die wir zu einer dreiteiligen Miniserie zusammengestellt haben.

Den Sprung ins Digitale wagen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. / Foto: Sammie Velazques by unsplash.com

Zum Portfolio vieler Freier gehören Lehraufgaben. Journalistischem Nachwuchs Wissen weiterzugeben ist eine zusätzliche Einnahmequelle. Auch mit Deutschkursen lässt sich Geld verdienen. Seit Corona aber ist Unterricht in Schulungsräumen abgesagt, alle Welt lehrt jetzt digital. Das ist perfektes Social Distancing. Doch der Sprung ins Digitale erfordert Mut. Wann wenn nicht jetzt, haben sich unsere Gastautorinnen gesagt.


Freie Journalistin und im Nebenjob Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache


Kürzlich fragt mich eine Freundin, was denn meine neue Lieblingsbeschäftigung in Zeiten von Corona sei. Ähm, ich habe noch keine entwickelt! Das liegt daran, dass ich im März noch heftig an einer Mitarbeiterzeitung getextet, layoutet und korrigiert habe, die turnusgemäß in jedem Quartal erscheint. Unter Schwierigkeiten wegen sich ständig veränderter Informationslage (das betreffende Unternehmen hat z. B. einen Standort in China) und mit Wahrung des Sicherheitsabstands im Büro schafften wir es auch, die englische Ausgabe fertigzustellen. Direkt danach dachte ich, „nun kommt ein großes, tiefes Loch“,  doch da wartete bereits das Abenteuer Online-Lehre auf mich.

Raus aus der Komfortzone


Die Sprachschule, an der ich regelmäßig unterrichte, hatte angefragt, ob ich mir vorstellen könne, meinen Kurs Deutsch als Fremdsprache (DaF) auf Niveau B2 auch online als Webinar zu geben. Darüber musste ich erst mal eine Nacht schlafen, entschloss mich dann aber, meine Komfortzone zu verlassen und es zu probieren. Mehrere Webinare, die ich selbst in der folgenden Woche als Teilnehmerin besuchte, führten mir die ins Netz verlegten Tools vor, hinterließen jedoch auch Unklarheiten. In der Nacht vor den ersten 90 Minuten als DaF-Online-Coach schlief ich schlecht. 
Doch es funktioniert, auch wenn es mehr an Vorbereitung bedarf als beim Präsenzunterricht. Meistenteils jedenfalls funktioniert es. Am ersten Kurstag online waren sieben Teilnehmende dabei – weibliche und männliche Au pairs sowie eine Immigrantin – und alle freuten sich, mal wieder etwas von „draußen“ mitzubekommen. Ich kann immer nur vier Teilnehmende gleichzeitig sehen und hören, aber über den Chat können alle miteinander kommunizieren. Na klar, mal fiel eine Kamera, mal ein Mikrophon aus, zwischendurch kam auch mal ein Kind auf einen Schoß. Doch wir haben inzwischen acht Termine hinter uns und ich muss sagen: Es ist anstrengend, macht aber auch Spaß. Besonders freut mich, dass diejenigen, die sich zum Online-Lernen entschlossen haben, dabeigeblieben sind. Und auch, dass die Kursteilnehmenden mehr schreiben (müssen) als sonst, auch sie müssen raus aus der Komfortzone.

In Bewegung bleiben


Heute haben wir zum Abschluss „Montagsmaler“ auf der virtuellen Zeichenfläche gespielt – Begriffe raten, die andere zeichnen. Auch eine Schutzmaske und eine Rolle Toilettenpapier waren dabei. Natürlich könnte ich mich jetzt auch mit ganz anderen Dingen beschäftigen: Belletristik lesen, mehr Sport treiben, meinen Garten pflegen, das Treppenhaus streichen. Denn die journalistischen Aufträge sind seit Ende März rar geworden. Doch dazu komme ich hoffentlich auch noch. Etwas Neues auszuprobieren war mir aber wichtiger, weil es ein gutes Mittel gegen den gefühlten Stillstand ist. 


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Freie Dozentin für die journalistische Aus- und Weiterbildung


Ich arbeite viel und gern in der Journalistenaus- und Weiterbildung. Wegen der Pandemie haben die Verantwortlichen die Präsenzseminare nun komplett auf Online umgestellt. Das ist erstmal eine gute Nachricht. Denn es macht Spaß, Neues zu lernen und zu sehen, wie die Lernenden mitziehen. Die Arbeit ist interaktiver, weil wir Bildschirme teilen – und überraschenderweise erst einmal konzentrierter, weil es für alle neu ist und ich Kursmitglieder stumm schalten und zur Gruppenarbeit in Breakout-Rooms senden kann.

Scharf gerechnet


Und natürlich sprudelt so diese Einnahmequelle weiter. Wobei – tröpfeln ist eigentlich das richtige Wort: Freiberufliche Dozierende werden in der Regel nach gehaltenem Unterricht bezahlt. Organisation, Vor- und Nachbereitung, oft auch Korrekturen und Notengebung, sind „inklusive“. Der Satz für die übliche Doppelstunde von 90 Minuten bei Hochschulen und Akademien liegt, nach meinen Erfahrungen und Recherchen bei Kolleginnen, zwischen 40 und 150,- Euro, aber meist unter 80,- Euro.

Ich komme normalerweise auf einen akzeptablen Verdienst pro Aufwand, wenn ich auf Standards zurückgreife, Arbeitsphasen in die Präsenzstunden einbaue, Referate halten lasse, Hausaufgaben überwiegend im Kurs bespreche und nicht per E-Mail oder in der Pause. Akzeptabel bedeutet im Fall des Hochschuljobs: etwa 24,- Euro brutto pro Arbeitsstunde – wenn es organisatorisch klappt, was es nicht immer tut. Meine Sozialabgaben zahlt glücklicherweise auch für Lehre die Künstlersozialkasse. Urlaub und Krankheit muss ich reinarbeiten. Würde ich den Lehrauftrag in Vollzeit machen, käme ich normalerweise – der Vergleich bietet sich derzeit an – ungefähr auf das Gehalt einer Krankenschwester mit 13 Jahren Berufserfahrung, ohne Nacht- oder Wochenendzuschläge.

Jetzt, wo ich mich in Konferenztools einarbeite, Inhalte umgestalte, Stunden anders strukturiere, mehr Mailverkehr habe usw., liege ich eher im Bereich eines Werkstudierendenjobs. Klar, es ist eine Investition in meine Zukunft – aber außer warmen Worten geben mir die Bildungseinrichtungen dafür nichts, während ein selbständiger IT-ler (und das steht jetzt mal bewusst so in der männlichen Form) jede Stunde Zusatzaufwand für das Einrichten einer Online-Plattform abgerechnet hätte.

Der Wert von Bildung


In den Sommerferien gibt es keine Aufträge und auch keinerlei Garantie, dass mein Lehrauftrag im nächsten Semester oder Bildungsjahr weitergeht. An manchen Unis sind auch halbe Stellen für ganze Arbeit Usus. Die Krise verschärft einen grundsätzlichen Missstand: (höhere) Bildung ist der Gesellschaft offenbar nicht viel wert – gleichzeitig wird darauf spekuliert, dass es die Lehrenden quasi als Ehre ansehen und „nicht wegen des Geldes“ machen.

Bildung gilt noch nicht einmal als systemrelevant. Journalismus schon. Journalistenausbildung wohl nicht. Für mich persönlich ist es ein Anlass, meine Kalkulation zu überdenken. Ich bin ja frei in meiner Auftragsannahme – nur sprudeln eben gerade die Alternativen nicht. Und schade ist es auch, weil ich tatsächlich gerne mein Wissen weitergebe.


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Miniserie "Wie geht es dir beruflich?"

Montag, 27.4.2020:
Homeschooling und Homeoffice – immer ein schlechtes Gewissen

Dienstag, 28.4.2020:
Auftragseinbruch versus "viel zu viel zu tun" – Eine Freie und eine Führungskraft berichten

Mittwoch, 29.4.2020:
Krise als Chance: Digitales Empowerment – Zwei Journalistinnen über das Abenteuer Online-Lehre


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