Donnerstag, 25. Februar 2010

Käßmanns tiefer Fall in Gottes Hand

Bischöfin Margot Käßmann Foto: ekd

Während sich in Freiburg die Deutsche Bischofskonferenz mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche auseinandersetzte, braute sich im fernen Hannover unversehens eine dunkle Wolke über der evangelischen Kirche zusammen. Bischöfin Margot Käßmann, zudem  Ratspräsidentin und damit Vertreterin von 25 Millionen ProtestantInnen in Deutschland, hat gestern nachmittag in einer Erklärung bekanntgegeben, wegen ihrer Alkoholfahrt mit 1.54 Promille - zu allem Überfluss auch noch in der Fastenzeit - von allen ihren bischöflichen Ämtern zurückzutreten. Das ist ein schwerer Schlag für die evangelischen Christinnen und Christen, vor allem weil die Mehrheit bis zuletzt hinter der erst im September 2009 zur Ratspräsidentin gewählten Bischöfin stand. Ihre Entscheidung wird respektiert, aber für wirklich nötig wird sie von den meisten nicht gehalten. Nach evangelischem Amtsverständnis ist auch eine Bischöfin ein fehlbarer Mensch.
Dass sie zurücktreten musste, weil sie eine Frau ist, und deshalb unter größerem Druck stand, auch weil bei Frauen Alkoholmissbrauch weniger als Kavaliersdelikt gesehen wird als bei Männern, scheint nach außen hin nicht der Fall zu sein. Es war wohl eine ganz persönliche Entscheidung, bei der ihre eigene Glaubwürdigkeit im Vordergrund stand.

Interessanterweise wurde in den Medien nicht die Frage gestellt, ob Käßmann möglicherweise ein grundlegenderes Alkoholproblem hat. Bei ihrer Statur (1,60 m) müsste sie ca. dreieinalb Viertele Wein getrunken haben. Sie spricht von zwei Gläsern Wein und zwei Gläsern Sekt. Klingt nicht viel (gab aber 1,54 Promille!!), doch wer es nicht gewohnt ist, wird kaum mehr in der Lage zu sein, sich noch eine Autofahrt zuzutrauen. Und hier gibt es wohl einen Unterschied Mann-Frau. Ich bin sicher, kein Mann in einer vergleichbaren Position würde auf einen Fahrer verzichten und den Dienstwagen selbst steuern. Auch nicht nach einer privaten Feier. Was lernen wir daraus: Bescheidenheit ist nicht immer eine Zier! 

Gestern morgen noch wurde Käßmanns Fall im Religionsunterricht, an Nachmittag kontrovers im privaten Kreis und am Abend auch in einer evangelischen Jugendgruppe in Freiburg diskutiert. Obschon die Entscheidung längst gefallen war, wollte keine und keiner dieser dort anwesenden Jugendlichen ihren Rücktritt. Sie sind traurig und empört, weil ihr Vorbild - eine mutige, tatkräftige, überzeugende Christin - nun nicht mehr die evangelische Kirche nach innen stärkt und nach außen repräsentiert. Die Angst bei der Jugend ist groß, dass wieder "ein alter Mann" die Kirchenführung übernimmt. Die Marken, die die Bischöfin in ihrer kurzen Amtszeit bereit gesetzt hat, haben Spuren hinterlassen.

Margot Käßmann selbst sagte in ihrer Erklärung: "Niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes." Wie hart oder weich dieser Aufprall sein wird, kann nur Frau Käßmann selbst für sich beantworten. Von der Bischöfin zur "einfachen Pastorin" - ihr Lebensunterhalt zumindest ist im Gegensatz zu vielen anderen, die derzeit ihren Job verlieren, weiter gesichert. Vielleicht hören wir auch bald wieder von Ihr ?!

Als wichtige Mahnerin in Kirche und Politik fehlt ihre streitbare Stimme schon jetzt!

Kommentare:

Judith Rauch hat gesagt…

Danke, Heidrun, für den Beitrag und die Beobachtungen an der evangelischen Basis! In einem möchte ich Dir widersprechen: Ein Mann wäre vermutlich ebenfalls Auto gefahren - nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Selbstüberschätzung. Alkohol macht mutig, weil er die Selbstkritik mindert. In der Generation meiner Eltern war es noch üblich, dass der Mann nach einer Zecherei das Auto samt der ganzen Familie heimsteuerte - nicht sehr vorbildlich. Heute bleibt wohl meist die Frau nüchtern und vernünftig und übernimmt in der Nacht das Steuer.

Evangelische Frauen in Deutschland e.V. hat gesagt…

Rücktritt von Dr. Margot Käßmann ist ein herber Verlust
EFiD würdigt beeindruckende Haltung

Bestürzt hat der Vorstand der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) den Rücktritt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Dr. Margot Käßmann, von allen kirchlichen Leitungsämtern zur Kenntnis genommen.

Der Rücktritt von Bischöfin Dr. Margot Käßmann ist ein katastrophaler Verlust für die EKD wie für die evangelischen Frauen in Deutschland und darüber hinaus für viele Frauen in anderen Kirchen, die in der Wahl einer Frau an die Spitze der EKD ein ermutigendes Zeichen auch für die Entwicklung in ihren eigenen Kirchen gesehen haben.

„Eine Gesellschaft wäre reifer, wenn sie keine makellosen Helden an ihrer Spitze bräuchte“, kommentiert ZEIT online. „Wenn es genügte, dass das Führungspersonal einfach nur den Job gut macht. Der Ruf nach lupenreinen Vorbildern ist allzu sehr Ausdruck einer infantilen Sehnsucht. Kinder brauchen das Vorbild, Erwachsene können es nicht perfekt sein.“ Auch in der Kirche wären Bischöfinnen und Bischöfe wünschenswert, die mit ihren menschlichen Schwächen und Fehlern – und seien es so schwer wiegende wie eine Autofahrt unter Alkoholeinfluss – tadellos umgehen, indem sie zu ihnen stehen und die Konsequenzen tragen. Das hat Bischöfin Dr. Margot Käßmann mit ihrem sofortigen Schuldeingeständnis getan.

Die veröffentlichte Aufregung über das Fehlverhalten der Bischöfin übersteigt nach aller Erfahrung der vergangenen Jahre bei Weitem den in vergleichbaren Situationen auf männliche Funktionsträger ausgeübten Druck. EFiD würdigt ausdrücklich die Haltung des Rates der EKD, seiner Vorsitzenden das uneingeschränkte Vertrauen auszusprechen und ihr „die Entscheidung über den Weg, der dann gemeinsam eingeschlagen werden soll“, zu überlassen.

EFiD würdigt darüber hinaus die Haltung von Dr. Margot Käßmann, auch wenn der Rücktritt zutiefst bedauerlich ist. Diese Entscheidung ist zugleich ein eindrückliches Zeichen von Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit angesichts weit verbreiteter Praxis in unserer Gesellschaft, durch persönliches Fehlverhalten verursachte Probleme auszusitzen.

Unabhängig von allen kirchen- und gesellschaftspolitischen Erwägungen aber dankt EFiD Dr. Margot Käßmann für ihre über Jahrzehnte durchgehaltene, Kräfte zehrende Rolle als Vorreiterin für die kirchliche Frauenbewegung. Wir wünschen ihr zutiefst, dass die Entscheidung, alle kirchlichen Leitungsämter aufzugeben, sich als die für sie persönlich richtige erweisen wird. Dr. Margot Käßmann bleibt für EFiD als Theologin und als Mensch prägend und wichtig.


Brunhilde Raiser
Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V.

Kerstin Möller
Stv. Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V.

Dr. Beate Blatz
Leiterin des Verbandes


Evangelische Frauen in Deutschland e. V.
Berliner Allee 9-11
30175 Hannover
Telefon: (0511) 89768-120
Telefax: (0511) 89768-399
E-Mail: josuweit@evangelischefrauen-deutschland.de
www.evangelischefrauen-deutschland.de


Der Verband Evangelische Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) mit Sitz in Hannover
st als Dachverband die Stimme evangelischer Frauen in Kirche und Gesellschaft.
Die EFiD fördert und unterstützt die Arbeit von und mit Frauen in kirchlichen Bezügen
und ermutigt Frauen, in der heutigen Welt als Christinnen zu leben.
Mit frauenspezifischer Kompetenz und Sicht setzt der Verband theologische, spirituelle,
sozialdiakonische und politische Impulse.
Zur EFiD gehören 41 Mitgliedsorganisationen mit insgesamt rund 3 Millionen Mitgliedern.

Silke Schneider-Flaig hat gesagt…

Höchst verwunderlich ist, wie viele Politiker in den vergangenen Jahren wegen "Alkohol am Steuer" Punkte sammelten. Allerdings nicht bei den Wählern, sondern in Flensburg.

Angelika Knop hat gesagt…

Ich finde es schade, dass sich diese Frau - zumindest für einige Zeit - aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Aber es ist eine verantwortliche Entscheidung. Alkohol am Steuer ist kein Kavaliersdelikt und der Führerschein kein Grundrecht. Wer sich betrunken ans Steuer setzt, gefährdet Menschenleben. 2008 starben bei Unfällen unter Alkoholeinfluss in Deutschland über 500 Menschen, knapp 20.000 wurden verletzt (Quelle: Auto Club Europa). Glücklicherweise sinken die Zahlen seit Jahren. Der Rücktritt Margot Käßmanns kann dazu weiter beitragen. Jede/r, die/der betrunken fährt, muss erstmal erklären, warum er/sie an anderer Stelle denn Verantwortung und Vertrauen beansprucht. Sicher, möglicherweise hätte einen Mann das öffentliche Urteil nicht so hart getroffen. Aber frau muss sich ja nicht den falschen Standards anpassen sondern kann eigene setzen. Der nächste Politiker, Funktionär etc., der betrunken am Steuer erwischt wird, hat es nun schwer, einfach so weiter zu machen. Und das ist vielleicht gut so.

Heidrun Wulf-Frick hat gesagt…

http://www.swr.de/nachrichten/-/id=396/nid=396/did=6046378/19ojxit/index.html - Auf diesen lesenswerten Kommentar von Jörg Vins im SWR möchte ich kurz hinweisen! Im Interview in der heutigen Mittagssendung auf SWR 1 zeigte sich übrigens der badische Landesbischof Ulrich Fischer tief betroffen vom Rücktritt Käßmanns. Die innerkirchlichen Widerstände seien marginal gewesen, die große Mehrheit habe sie gebeten im Amt zu bleiben. Übrigens wird Fischer bereits als ihr Nachfolger bei der Wahl in einigen Monaten gehandelt. Er beteiligt sich nicht an Spekulationen darüber, leidet aber seinen Worten nach sehr unter der Situation. Denn er habe sich auf sechs erfolgreiche Jahre Ratsvorsitz unter Käßmann gefreut.

Sibylle Plogstedt hat gesagt…

Mich hat der Rücktritt von Margot Kässmann traurig gemacht.Jetzt haben wir keine Bischöfin mehr und keine EKD Vorsitzende. Jetzt haben wir eine Heilige. Wollten wir das?

Ich finde die Frage falsch: Passiert das nur Frauen, den Männern aber nicht. Bislang waren es Feministinnen und Engagierte der Frauenbewegung, die aus Ämtern gekippt worden. Nicht mehr generell "die" Frauen. Ich denke da an Heide Pfarr in Hessen, der von Ministeriumsseite die falsche Information gegeben wurden, dass sie ein Bad in eine private Wohnung einbauen darf, wenn sie die ihr zustehende Dienstwohnung nicht in Anspruch nimmt. Carola von Braun FDP-Vorsitzende in Berlin scheiterte an täglichen Friseurrechnungen, die sie im Wahlkampf als berufliche Ausgaben erstattet haben wollte, weil sie ständig vor Kameras sprechen musste. Und Rita Süssmuth hatte keine Chance mehr, Bundespräsidentin zu werden, wegen der sogenannte Dienstwagenaffäre, die darin bestand, dass ihr Mann am Steuer saß.

Repression nach Geschlecht. Bei der Linkspartei gibt es gerade eine interessante Parallele. Dort werden ein Mann und eine Frau nicht eingebürgert, weil sie bei der Linken organisiert sind.

Ypsilanti ist dagegen ein interessanter Vergleich. Die Vorwürfe gegen sie hörten nicht auf. Genau das befürchtete wohl auch Kässmann. Ypsilanti hat ja auch noch in jüngster Zeit noch Gespräche mit der Linkspartei geführt. Insofern bleibt sie potentiell "gefährlich". Erst wenn sie „ungefährlich“ wird, werden die Vorwürfe gegen sie verstummen.
Bei Ypsilanti habe ich damals nur gedacht: Wenn sie das wirklich gewollt hätte, hätte sie gleich am Anfang los rennen müssen wie ein Baseballspieler, ehe sich die Abwehr aufbaute. Kässmann ist dagegen los gerannt. Wenn auch erst einmal offensiv in die Deckung.

Bei Kässmann entstehen schon jetzt Legenden: Hat ihr jemand reinen Alkohol in den Wein gekippt? Dass sie also nicht abschätzen konnte, wie viel sie trank? Sie hatte doch gesagt, dass sie nur ein Glas getrunken hatte. Warum war die Polizei just da, wo sie sonst nur selten am rechten Ort ist? Wer saß mit ihr im Auto? Wen wollte sie schützen? Diese Fragen stellen nicht die Medien. Aber in privaten Gesprächen hört man nichts anderes. Das spricht für eine Heiligsprechung.