Dienstag, 15. März 2011

Gefahr für JournalistInnen - Franzosen fühlen sich weiter sicher mit AKWs

Ursula und Michael Sladek haben nach Tschernobyl umgedacht. Als die "Stromrebellen" sind sie in die deutsche Geschichte eingegangen. Sie haben die Energiewerke Schönau mit anderen BürgerInnen aufgekauft und speisen heute Strom ohne Atom ins Netz ein  Foto: Wulf-Frick (2006)

So schlimm es für sie auch persönlich kommen mag, Journalistinnen und Journalisten sind - und fühlen sich - verpflichtet, vor Ort über die Ereignisse in Japan zu berichten. China-Korrespondent Bernhard Bartsch schreibt heute morgen in der Badischen Zeitung, dass er gestern nach Japan geflogen ist, um näher an den Geschehnissen dran zu sein. Natürlich mit dem Bewusstsein und der Angst im Nacken, sich in eine Strahlenhölle zu begeben.

Und diese Sorge ist nicht unbegründet: Vor wenigen Minuten erst kam die Nachricht, dass die Betreiber des schwer beschädigten Kernkraftwerks Fukushima I den Kontrollraum aufgegeben haben. Nur noch 50 Beschäftige befinden sich derzeit auf dem Gelände. Ministerpräsident Naoto Kan warnt die Bevölkerung vor der Strahlenbelastung, niemand solle in der Nähe der Kraftwerke mehr das Haus verlassen.

Viele von uns wissen noch, wie es war, als vor knapp 25 Jahren der GAU in Tschernobyl passierte. Mütter, die vor Rathäusern protestieren aus Sorge vor kontaminierten Lebensmitteln. Damals wie heute waren wir als Journalistinnen gefragt, die besorgten Stimmen aus der Bevölkerung aufzunehmen.
Während wir uns hier in Deutschland aus diesen traumatischen Erlebnissen heraus fast unmittelbar von der Atomkatastrophe im fernen Japan bedroht fühlen und die Regierung sieben vor 1980 erbaute Kraftwerke für drei Monate ausschalten lässt, herrscht bei unseren französischen Nachbarn mal wieder Grabesruhe. Auch bei den journalistischen Kolleginnen und Kollegen gibt es wenig Sensibilität für eine Bedrohung durch Kernkraftwerke. In Frankreich fühlt außer einigen Umweltschützern kaum jemand von der Katastrophe persönlich betroffen. Dabei steht mindestens ein marodes AKW an der Grenze: In Fessenheim, 25 Kilometer entfernt von Freiburg und im oberrheinischen Graben. Einem gefährdeten Erdbebengebiet! Die Haltung der Franzosen erinnert makaber an Tschernobyl, dessen radioaktive Wolken vor 25 Jahren an der französischen Grenze Halt zu machen schienen. Dabei sagte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar gestern abend in der ARD, dass die trüffelsuchenden süddeutschen Wildschweine noch heute hoch belastet sind - wenige Kilometer von Frankreich entfernt. Aber vielleicht bringen die französischen KollegInnen, die von Japan aus über die Katatstrophe berichten, einige neue Erkenntnisse in unser Nachbarland, das sich unbeirrt sicher fühlt.

Kommentare

  1. Liebe Heidrun, mit Grauen erinnere ich mich an den GAU von Tschernobyl, den ich als junge Journalistin mit Schwerpunkt Wissenschaft in meiner damaligen Lokalzeitung nahezu im Alleingang in seinen lokalen Auswirkungen journalistisch bewältigen musste - eine echte Feuertaufe. Bild der Wissenschaft hat eine gute Lösung gefunden, aktuell zu reagieren: Ute Kehse, eine geophysikalisch beschlagene Kollegin trägt in Form eines Blogs von nun an täglich Antworten zu den brennendsten Fragen zusammen.

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