Sonntag, 17. Juli 2011

Kann Hartz IV Kult sein?

Buchcover, Eichborn Verlag 

Katja Kullmann und ich, wir haben drei Dinge gemeinsam: den Jahrgang, den Beruf und die Hartz IV-Erfahrung. Sie hat all das in ihrem Buch "Echtleben - Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben" verarbeitet. Ich habe es gelesen und mich gefragt: Finde ich mich da wieder?
Die Antwort lautet: "Ja und Nein".

Doch zuerst zum "Echtleben". Was ist das überhaupt?
"Ich will jetzt ganz im Hier und Heute leben. Wie man so sagt. Echtleben heißt das,"
erklärt die Autorin gegen Ende des Buches. Aha, wieder ein neues Wort gelernt! Überhaupt verwendet Kullman in ihrem flott geschriebenen und flüssig zu lesenden Sachbuch des öfteren Begriffe, die ich unter germanistisches Neu-Sprech (Wortschöpfung Erlemann) einordnen würde. Doch das nur am Rande. Es ist eines dieser Bücher, in die ich eingetaucht bin, ein Stück mitgelebt habe und am Ende diese Leere fühlte, als ich es ausgelesen hatte. Nein, Echtleben ist kein Gute-Laune-Buch. Es zeigt viel mehr die Tragik einer ganzen Generation - Kullmann nennt sie Neu-Erwachsene - nämlich meiner, der der Über-30- und Um-die-40-Jährigen in einem irrsinnigen Wirtschaftssystem. Hartz IV ist ein Teil davon. Die Autorin erzählt Geschichten von Begegnungen, mixt sie mit soziologischen und aktuellen Hintergrundinformationen, kritischen Stellungnahmen. Ihren eigenen und denen von ZeitgenossInnen. Ein intelligentes, (wie mir scheint) gut recherchiertes und auch persönliches Buch, das trotz seiner grundlegenden Tragik die Atmosphäre von Kult verbreitet.

Und die Frage nach der Haltung im Titel? Die Ich-Erzählerin beweist sie am Ende (mehr sei hier nicht verraten). Warum genau darf die Leserin/der Leser jedoch selber folgern. Das kommuniziert die Autorin nämlich nicht explizit. Ansonsten zeigt sie beispielsweise an anderer Stelle die Unmöglichkeit des "bürgerlichen" Seins auf in Gestalt der widersprüchlichen Erwartungen, die von Wirtschaft und Staat an die BürgerInnen herangetragen werden. Etwa "die Umwelt schützen und gleichzeitig möglichst viel Zeugs kaufen" (Kullmann). Oder auch die Frage: Wie offen sollte ein/e Hartz IV-BezieherIn mit seinem/ihrem Status umgehen - stigmatisiert wie der ist? Ja, Haltung zeigen ist heutzutage nicht leicht. Die Autorin dieses Posts (also ich) meint jedoch: Es ist möglich! Alles in allem hat sich mir jedoch nicht durchweg erschlossen, warum Kullmann diesen Untertitel gewählt hat.

Wie authentisch ist das Ganze nun? All jene, die aufmerksam die Danksagung am Schluss lesen, finden Folgendes:
"Mein Dank geht an all die Gefährten, Bekannten, Kollegen und Passanten, die ich belauscht habe - und deren kluge, verwirrte, ängstliche, alberne, widerspenstige und zweifelnde Geister dieses Buch ausmachen. Keine der hier erzählten Personen, auch nicht das "Ich", gibt es wirklich - und doch existieren sie alle."
Und was ist nun mit meiner Frage vom Anfang dieses Posts? Mit Hartz IV wurschtelt sich jedeR wohl auf seine/ihre Weise irgendwie durch. Die Rahmenbedingungen sind für alle gleich - gleich schlimm, gleich entwürdigend. Insofern: Ja, Katja Kullmann (oder Ich-Erzählerin), so oder ähnlich haben wir gelebt - wir zwei selbstständigen Journalistinnen mit Hartz IV. Und das Lebensgefühl der "Neu-Erwachsenen"? Hat mich fasziniert, wie die Autorin das auf den Punkt gebracht hat. Und doch fühle ich mich mit meiner persönlichen Geschichte da eher an der Peripherie dessen verortet, was Kullmann so an Charakteren, Schicksalen und Lebenswegen beschreibt. Insofern: "Nein!", ich finde mich da nicht, bzw. nur begrenzt wieder. Aber muss ja auch nicht. In jedem Fall hat das Buch meines Erachtens verdient, ein Bestseller zu werden. - Soweit dies angesichts des insolvent gegangenen Eichborn Verlages noch möglich ist...

Katja Kullmann, Echtleben - Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011, 256 Seiten


Weiter lesen: Mehr zu Katja Kullmann im Watchsalon.

1 Kommentar:

Britta Erlemann hat gesagt…

Journalistin Tatjana Kimmel schrieb übrigens am 16. Juni 2011:

"Allein in Berlin leben 1500 freie Journalisten von Hartz IV. Grund sind miese Honorare." auf Twitter

Da haben wir´s mal wieder...