Freitag, 28. Oktober 2011

Scharia in Libyen?


Libyer mit Kopfbedeckung im Akakusgebirge
Foto: Silke Schneider-Flaig

Eigentlich freut sich die ganze Welt, dass Tyrann Gaddafi tot ist. Sein Rechtssystem räumte Frauen aber
mehr Rechte ein als andere arabische. Kein Schleierzwang, keine Kopftuchpflicht, freie Studienplatzwahl und keine Zwangsheirat.

Auch wenn der „Nationale Übergangsrat“ international anerkannt wurde, sendete dessen Vorsitzender Mustafa Abd al-Dschalil am 25. Oktober 2011 erschreckende Signale aus Bengasi, denn er kündigte an, dass künftig die Scharia Grundlage aller Gesetze sein solle. Männer dürften wieder vier Frauen heiraten und nicht, wie unter dem zu Lebzeiten rechtskräftig geschiedenen Gaddafi, nur eine.
Das islamische Recht Scharia gilt als dehnbarer Begriff. Dies macht sich an der unterschiedlichen Auslegung diverser Rechtsschulen der islamischen Welt bemerkbar. Interpretationsfreiheit und religiöser Fanatismus gehen oft Hand in Hand. Extrem in Saudi-Arabien und im Iran. Etwas moderater im Libanon und Syrien, da zum Beispiel für die katholischen Christen der „Codex Juris Canonici“ (katholisches Kirchenrecht) gilt. Und für die Muslime die Scharia in Sachen Familien- oder Erbrecht. Hinzu kommen allgemein gültige Gesetze.

ARD-Korrespondent Björn Blaschke kommentierte am 24.10.2011 das Wort Scharia in der Tageschau mit den Worten:
„So viele Meinungen, wie der Prophet Barthaare hatte.“
Der Journalist, der in Bonn Politik-, Islam- und Vergleichende Literaturwissenschaft studierte, gab zudem zu bedenken, dass das islamische Erbschaftsrecht aus westlicher Sicht gegen die Grundrechte von Frauen verstoße:
"...sie werden in der Scharia als dem Mann nicht gleichwertig betrachtet."
Für fundamentalistische Muslime stehe das göttliche islamische Recht über allen von Menschen geschriebenen Gesetzen. Doch was folgt nach „Codex Gaddafi“? Sind die Empfehlungen des grünen Buches, das landesweit als Pflichtlektüre in Schulen galt und selbst für ausländische Besucher in vielen europäischen Sprachen zur Verfügung stand, gegenstandslos? Schließlich galt Libyen bislang, also in den vergangenen 41 Jahren, als liberal in Sachen Gleichberechtigung in der arabischen Welt. Ein Thema, das bereits in dem Watch-Salon-Beitrag Rücktrittsforderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel an Gaddafi unterschiedlich kommentiert wurde. Aber al-Dschalil verkündete ausgerechnet im liberalen Bengasi, dass das islamische Recht Scharia die Grundlage aller Gesetze sein solle und bestehende Gesetze, die im Widerspruch zum Islam stünden, annulliert würden. Außerdem kündigte er laut Spiegel online die Gründung neuer Banken an, die islamischem Recht entsprechen müssen. Damit dürften sie keine Zinsen mehr verlangen. Er verkündete:
"Gott hat über die Revolution und ihren Sieg gewacht!"
Doch wer wacht über al-Dschalil? Für Übergangsratsvorsitzende, die solche Signale senden, sollte die Übergangszeit unverzüglich enden. Frauenfeindlichkeit ist kein Fort-, sondern ein Rückschritt.

Kommentare:

Judith Rauch hat gesagt…

Liebe Silke, vielen Dank, dass Du das Thema aufgreifst! Und - was für ein schönes Foto!
Zum Übergangsrat: Nicht nur Gott hat über die libysche Revolution und ihren Sieg gewacht, sondern auch die Nato. Die Nato-Staaten müssen sich jetzt daran messen lassen, was sie zur Rettung der Frauenrechte in Libyen unternehmen. Für welche Werte steht das westliche Militärbündnis - wenn nicht für die universellen Menschenrechte?

Magdalena Köster hat gesagt…

Persönliche Gespräche mit arabischen Bekannten haben den Tenor: Der Wahlsieg ließ sich nicht vermeiden. Die Bevölkerung traut den islamistischen Bewegungen die Lösung der sozialen Frage am ehesten zu. Tröstlich auch dieser Kommentar: Die Araber haben jetzt so viel Erfahrung mit Revolutionen, dass sie, wenn es schlecht läuft,erneut auf die Straße gehen.

Angelika Knop hat gesagt…

Seit gestern gibt es dazu ein Manifest, unterzeichnet von namhaften Frauenrechtlerinnen aus aller Welt. Weltbürger: Verteidigt einen freien und Säkularen Nahen Osten und ein ebensolches Nordafrika! Sie fordern: die völlige Trennung von Kirche und Staat, die Abschaffung religiösen Rechts, die Trennung von Religion und Bildungssystem, Glaubensfreiheit und Freiheit zum Atheismus sowie das Verbot von Geschlaechterapartheid und Verschleierungszwang.
Besonders gut gefällt mir die Aussage: Hier wie überall wollen die Menschen Leben des 21. Jahrhunderts führen.

Angelika Knop hat gesagt…

Die Mädchenmannschaft listet einige traurige Ereignisse auf, die dafür sprechen, dass der arabische Frühling leider auch schon im Herbst angekommen sein könnte.