Montag, 1. Dezember 2014

Sexismus gegen Gamerinnen? "Ein Ventil für Loser"

Anita Sarkeesian kritisierte sexistische Spiele - und wurde dafür massiv bedroht
CC BY SA Susanne Nilsson
Was ist eigentlich los in der Gamer-Community? Seit Jahren beklagen Gamerinnen das ablehnende Verhalten männlicher Mitspieler. In den letzten Wochen haben mehrere weibliche und sogar ein männlicher Spieleentwickler in Reaktion auf die andauernden Belästigungen ihren Job aufgegeben. In manchen Internetforen bilden sich regelrechte Anti-Frauen-Bewegungen, die in ihrer reaktionären Rhetorik stark an die so genannte „Männerrechtsbewegung“ erinnern. Grundtenor: Gaming ist für Jungs, und Mädchen sind doof. (Gaming Teil 3)

Trotz dieser kindischen Weltsicht sind die Bedrohungen durchaus ernst zu nehmen: Die Waffen der „Gamebros“, wie GegnerInnen der misogynen Gamer diese getauft haben, sind Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sowie  Hacking und Veröffentlichung der privaten Dokumente der Opfer. Sie generieren sich gern als „schweigende Mehrheit“ der Gamer, die ihr geliebtes Hobby durch feministische Kritik, weibliche Gamer und gendergerechtere Spiele bedroht sehen. Eines der prominentesten Opfer war die Kritikerin Anita Sarkeesian, die in einer erfolgreichen Webserie die sexistischen Auswüchse vieler Videospiele anprangerte - für manche Gamer Grund genug, sie und ihre Familie so massiv zu bedrohen, dass sie ihre Wohnung verlassen musste. Das Problem wird inzwischen auch außerhalb der Szene diskutiert. Die Frage stellt sich: Sind Gamer eine besonders frauenfeindliche Gruppierung?

Julia Hiltscher, langjährige Gamerin und Mitarbeiterin bei einer großen Kölner eSports-Firma, glaubt, dass es sich bei vielen dieser Angriffe um Trolling handelt: „Es gibt Menschen, häufig mit einer narzisstischen Veranlagung, andere zu dominieren, die das Internet als Ventil benutzen, um sich von ihren eigenen Problemen abzulenken. Da spielt auch Neid eine große Rolle. Es ist mir schon passiert, dass bei ernsthaften Diskussionen über Frauen im Gaming jemand über mich schreibt, und jemand anderes antwortet darauf so etwas wie: ‚Warum steht die denn nicht hinterm Herd?‘“ 

Dass Frauen überproportional häufig angegriffen werden, erklärt sich Julia Hiltscher damit, dass sexistische Stereotypen in der Gesellschaft verankert sind und Beleidigungen viel einfacher abzurufen sind: „Bei einem Mann würde ihm bestimmt auch was Beleidigendes einfallen, aber da müsste er länger nachdenken. Bei einer Frau kann man ganz einfach irgendwelche sexistischen Beleidigungen aus der Trickkiste ziehen.“  Wenn Männer getrollt werden, werden häufig körperliche Unzulänglichkeiten oder sonstige Alleinstellungsmerkmale angegriffen. „Statt an der Person etwas zu kritisieren, wofür sie etwas kann, kritisiert man eben, dass die Person schwul ist oder eine Frau oder etwas kleiner oder eine Glatze hat, dafür braucht man nicht das eigene Gehirn einzuschalten.“

Hiltschers Strategie für Trolle ist, dem Angreifer im persönlichen Gespräch den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Wenn man das Gespräch sucht, stellt sich oft heraus, dass das eigentlich nette Jungs sind, die sich normal unterhalten können, und in dem Moment einfach aus Eifersucht oder ähnlichen Gründen Frust ablassen wollten.“ Sie hat festgestellt, dass die meisten Angriffe und Beleidigungen von schlechten Verlierern kommen, besonders gegen erfolgreiche Frauen. Was passieren kann, wenn das Spiel zu ernst genommen wird, zeigt ein extremer Fall aus Amerika, bei dem ein besonders schlechter Verlierer durch einen anonymen Anruf die Polizei alarmierte und zum Haus seines Gegenspielers rief. 

Eine schweigende Mehrheit sind die Frauenhasser der Gaming-Welt wohl kaum, wie auch an anderer Stelle schon diskutiert wurde. Viel eher scheint es sich bei ihnen um ein bösartiges Grüppchen schlechter Verlierer zu handeln. Julia Hiltschers Ansicht, die Gamer-Community sei nur so sexistisch wie die Gesellschaft, aus der sie kommt, bedeutet aber auch, dass hier ein größeres Problem herrscht. Sowohl die Gaming-Community als auch der Rest der Menschheit haben wohl noch ein ganzes Stück weit zu gehen.

Mehr von Julia Hiltscher und über Frauen in der Gaming-Szene gab es in Teil 1 ("Ein Traumjob") und Teil 2 ("Männerdomäne - eine Erziehungsfrage!") unserer Miniserie.

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