Dienstag, 12. Mai 2020

Stimme der Pressefreiheit in Mexiko - der Dokumentarfilm "Silence Radio" über die Journalistin Carmen Aristegui

Carmen Aristegui: "Optimismus ist fast eine moralische Pflicht" / Foto: Silence Radio DOK.fest München

"Pass auf dich auf! Wir brauchen dich!" Das ruft eine Hörerin der Radiomoderatorin Carmen Aristegui bei einer Versammlung zu. Und es ist keine Floskel, sondern ein ganz ernst gemeinter Wunsch. Die Journalistin hat gerade eine Rede für einen Kollegen gehalten. Auf der Straße, wo ihn die tödlichen Schüsse trafen. Mehr als 100 Journalist*innen haben in den vergangenen Jahren in Mexiko ihre Recherchen mit dem Tod bezahlt. Carmen Aristegui lässt sich davon nicht einschüchtern, deckt weiter Korruptionsskandale und Verbrechen auf - und verliert zwar nicht ihr Leben, aber ihren Job. Trotz traumhafter Einschaltquoten und großer Beliebtheit will sie kein Sender mehr einstellen. Da gründet sie ihren eigenen im Internet: Aristegui Noticias.


"Das mexikanische Volk muss seine Realität selbst in die Hand nehmen und anfangen, seine Geschichte anders zu erzählen", sagt die investigative Journalistin. Sie liefert diese neuen Narrative, indem sie vom "Weißen Haus" des Präsidenten Peña Nieto erzählt, einem Luxusbau, den ihm das Konsortium hingestellt hat, an das ein Staatsauftrag für einen Schlnellzugstrecke ging. Und sie lässt die Eltern, Geschwistern und Freund*innen der 43 Studierenden zu Wort kommen, die 2014 in der Stadt Iguala verschwanden. An ihrer Entführung und Ermordung sind Polizei und organisiertes Verbrechen beteiligt. Restlos aufgeklärt ist die Tat trotz massiver, öffentlicher Proteste bis heute nicht. Wegen ihrer Berichte wird die Moderatorin ausgespäht, mit Prozessen und Kampagnen überzogen. In die Redaktion wird eingebrochen.


"Aufgeben wäre die Alternative, aber das kommt mir momentan überhaupt nicht in den Sinn" / Fot: DOK.fest

Juliana Fanjul nähert sich mit ihrem Dokumentarfilm "der Stimme an, die seit meiner Jugend mein politisches Bewusstsein geweckt hat". Die Regisseurin  lebt seit einigen Jahren in der Schweiz und reiste in ihre Heimat zurück, um "Silence Radio", ihren ersten Langfilm, zu drehen. Es hat eine Weile gebraucht, bis sie das Vertrauen ihrer Protagonistin gewann und sie durfte sie nur unter Auflagen begleiten. Privates musste weitgehend außen vor bleiben, um Carmens Familie und Freunde nicht zu gefährden.

So entsteht das Porträt einer scheinbar unermüdlichen Kämpferin, die viel unterwegs ist, mit eigenem Geld ein Medium aufbaut und zwischendrin mit ihren Mitarbeitenden scherzt. Nur einmal erzählt sie, dass sie ihren minderjährigen Sohn zu seinem Schutz in die USA geschickt hat - wo der mexikanische Geheimdienst offenbar sein Handy abhört. Mit Kommentaren aus dem Off erklärt die Regisseurin den politischen Hintergrund, zitiert lateinamerikanische Literatur. Trotz der unverhohlenen Bewunderung bleibt der Film ein wenig distanziert, die Person Carmen Aristegui ebenso - aber dadurch nicht weniger eindrucksvoll.


SILENCE RADIO
Schweiz 2019 – Regie: Juliana Fanjul – Originalfassung: Spanisch – Untertitel: Englisch, Deutsch
Länge: 79 min.
Deutschlandpremiere beim DOK.fest München 2020 @home
Autorin: Juliana Fanjul. Kamera: Jérôme Colin. Ton: Carlos Ibanez Diaz. Schnitt: Yael Bitton. Musik: Marc Parazon. Produktion: AKKA FILMS. Produzent: Philippe Coeytaux.
Vertrieb: Sweet Spot Docs Verleih: Jip Films and Verleih.

Der Film ist noch bis 24. Mai im Programm des DOK.fest @Home zu sehen. Er kann jederzeit abgerufen werden, das Kartenkontingent ist aber auf 400 Stück begrenzt. Einmal gestartet, lässt sich die Dokumentation 24 Stunden lang ansehen. Tickets zu 4,50/5,50 Euro fürs Streaming auf dem TV oder Computer sind hier erhältlich: https://www.dokfest-muenchen.de/films/view/20209

Am Freitag, 15. Mai, gibt es eine kostenlose Filmvorführung (um 20 Uhr) im Online-Programm der Münchner Kammerspiele und anschließend (21:20 Uhr) ein Publikumsgespräch mit der Regisseurin Juliana Fanjul und der Münchner Dramaturgin Julia Salzmann. Zuschauer*innen sind eingeladen, Fragen zu stellen und mit der Regisseurin ins Gespräch zu kommen. Der Live-Stream findet sich auf der Website der Münchner Kammerspiele.

Die Aristegui Noticias finden sich im Web und auf YouTube 
Ebenfalls bei YouTube gibt es ein Interview mit Juliana Fanjul und Carmen Aristegui.

***
Mehr Filmtipps vom DOK.fest 2020:
Von der Euphorie des Daseins - das DOK.fest München zeigt Filme @Home

Rückblick auf Filme vom DOK.fest 2019:
Kampf um Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit - Dokumentarfilme über Mädchen und Frauen

Biographischer Spielfilm - im Watch-Salon besprochen:
Kampf um die Pressefreiheit - Meryl Streep als "Die Verlegerin" der Washington Post

Anregungen, Meinungen, Kritik

Wir freuen uns über Kommentare.
Sie sollten aber fair sein. Beleidigungen haben bei uns keinen Platz.
Da die Kommentare erst geprüft werden, kann es mit der Veröffentlichung einen Moment dauern.
Aufgrund unserer berechtigten Interessen (Spam-Erkennung und und Verfolgung von Rechtsverstößen) können beim Hinterlassen von Kommentaren persönliche Daten wie die IP-Adresse vorübergehend gespeichert werden. Siehe dazu unsere Datenschutzerklärung.

Wer mit eingeloggtem Google-Konto oder unter Angabe des Namens oder einer Website kommentiert, hinterlässt diese Daten dauerhaft. Wer das nicht möchte, kann jederzeit anonym kommentieren.

Bei erhöhten Sicherheitseinstellungen und/oder der Deaktivierung von Cookies im Browser kann das Kommentieren eventuell nicht funktionieren. Dann ist es nötig, dies vorübergehend zu aktivieren bzw. Cookies zuzulassen.