Mittwoch, 20. Mai 2020

Journalistin unter Terrorismusverdacht. Über Ingrid Strobls Erinnerung: "Vermessene Zeit"

von Gastautorin Inge von Boenninghausen

Strafverfolgung wegen Weckerkauf - die Frauenszene war empört  / Foto: Ausschnitt Buchcover, Edition Nautilus

Zum ersten Mal habe ich ein Buch nach dem Lesen der letzten Seite sofort wieder von vorne angefangen. Diesmal mit einem Stift zur Seite. Ingrid Strobl beschreibt in "Vermessene Zeit - Der Wecker, der Knast und ich" ihre Untersuchungshaft von Dezember 1987 bis Juni 1989, dann das Verfahren, die Verurteilung zu fünf Jahren Haft, die Revision und schließlich zu drei Jahren unter Anrechnung der U-Haft und Bewährung für die Reststrafe. Der Grund: Beihilfe zu einem Sprengstoffattentat.



Die Journalistin Ingrid Strobl stand für die Bundesanwaltschaft aufgrund des zu Zeiten der Roten Armee Fraktion (RAF) eingeführten §129a StGB unter dem Verdacht des Terrorismus. Nach diesem Paragraphen wird „die Mitgliedschaft, Unterstützung und Werbung für eine terroristische Vereinigung“ strafrechtlich verfolgt. Nachweisbar hatte sie einen Wecker gekauft, der für einen Anschlag auf das Lufthansagebäude in Köln genutzt wurde. Eine Verbindung Strobls zu den verantwortlichen Revolutionären Zellen konnte ihr nur unterstellt werden. Dazu zog man ihre Artikel über „anschlagsrelevante Themen“ heran, also beispielsweise über Fremdenfeindlichkeit in der BRD, die verlogenen Gedächtnisfeiern zum 8. Mai oder das Portrait der Revolutionärin Rosa Luxemburg (alle in EMMA). Soweit die Vorgeschichte in groben Zügen.

Der Wecker, der Knast und ich


Das Buch beginnt mit der detaillierten Beschreibung der Ankunft Strobls in der JVA München-Neudeck. Der Autokonvoi, der kreisende Hubschrauber. Isolationshaft. Und schon hier eine erste Irritation. Die Schließerinnen, „draußen“ zur Armee des Feindes gezählt, sind die ersten freundlichen Menschen seit der Festnahme. Eine Geste, ein Lächeln, ein Wort werden noch öfter der linken Doktrin vom Staat als Feind widersprechen. Auch die Wahrnehmung mitgefangener Frauen verändert sich: Von der Drogenabhängigen zu Lisa, von der Mörderin zu Elsa. Aus Klischees werden Individuen.

Den Tagesablauf, ihre Lektüre und die intensive Arbeit am neuen Buch über Frauen im Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung beschreibt die Autorin sehr anschaulich. So, als geschehe es jetzt eben. Dann wieder tritt sie neben die Szene und reflektiert ihren Umgang mit der Zeit vor 30 Jahren. „Wie weit vermische ich jetzt, beim Schreiben, meine heutige Haltung mit dem, was ich damals gefühlt und gedacht habe? Ich finde es schwierig, damals und heute auseinanderzuhalten. Oder genauer gesagt: Das Heute aus dem Gestern herauszuhalten.“ Das gilt auch für ihre Wiederbegegnung mit der linksradikalen Ingrid.

„Es gab so viele Ingrids damals. Warum ist die Linksradikale so dominant geworden?“ Ein Grund scheint ihr heute die tiefe Enttäuschung als Feministin gewesen zu sein. „Ich hatte gedacht, wenn wir klarmachen, dass Frauen gleich viel wert sind wie Männer, dass Frauen das Recht haben, sich gegen Unrecht, Ausbeutung und Unterdrückung zur Wehr zu setzen und über ihr Leben selbst zu bestimmen, dann würde sich alles ändern. Aber das tat es nicht.“ Diese Enttäuschung teilten viele Feministinnen mit ihr. Von einer Alles-oder-Nichts-und-zwar-jetzt-Haltung weg zu kommen, war nicht einfach und schmerzte auch. Die Wege führten in andere Bewegungen (Umwelt, Anti AKW, Frieden), in autonome Frauenprojekte oder in politische Parteiarbeit. Auf jeden Fall mussten sie sich auf kleine Schritte und Kompromisse einlassen.

Ingrid Strobl / Foto: Malin Kundi
Ingrid Strobl hat Geduld im Gefängnis gelernt, hat gelernt Widersprüche zu akzeptieren anstatt Prinzipien zu folgen. Viele dieser Passagen habe ich beim zweiten Lesen unterstrichen, so wie ich damals Vieles unterstrichen habe in der Sammlung von Artikeln Ingrid Strobls (Frausein allein ist kein Programm, Kore Verlag, 1989), die noch während ihrer Haft herauskam.

Zum Beispiel: „Frausein heißt noch nicht Feministin sein. Feminismus ist Politik. Wer Feministin ist, trifft eine Entscheidung, und diese Entscheidung ist bei all ihren schönen Aspekten sehr unbequem.“ Wie wahr!

Das Buch „Vermessene Zeit“ ist lesenswert nicht nur, weil Ingrid Strobl nach 30 Jahren bekennt, dass sie tatsächlich beim Kauf des Weckers wusste, wozu er gebraucht wurde. Wichtiger scheint mir die kritische Aufarbeitung jener Zeit. Sie kann dazu anregen, einmal die eigenen Lebensstationen und Entwicklungen kritisch anzusehen. Welche Glaubenssätze erwiesen sich als engstirnig, welche Versprechen als Sackgasse, welche Erfahrung als Markstein? Auch das kann unbequem sein.


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Ingrid Strobl, Österreicherin mit Wohnsitz Köln, war in den 1980er Jahren eine weithin bekannte feministische Journalistin und Buchautorin. Zu jener Zeit als Inge von Bönninghausen die erste feministische Frauensendung im deutschen Fernsehen etablieren konnte: Frauen-Fragen im WDR. Mehr als 30 Jahre später erinnert sie sich an eine Sendung, in der sie die Verurteilung Ingrid Strobls zum Thema gemacht hat: "Hörfunkkollegin Helga Kirchner brachte in einem Kommentar auf den Punkt, was frauenbewegte Frauen bundesweit empörte: Die Journalistin war verurteilt worden für ihre Gesinnung, und die war linksfeministisch."

Weiterlesen: "Erst mal wegschließen", Der Spiegel vom 21.5.1990 über das rigorose Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden gegen vermeintliche "Terrorismusanhänger".

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Ingrid Strobl: Vermessene Zeit. Der Wecker, der Knast und ich
Edition Nautilus, Hamburg 2020, 978-3-96054-228-5, 192 Seiten, 18 EUR


Unsere Gastautorin

Portrait Inge von Bönninghausen
Inge von Bönninghausen / Foto: Malin Kundi
Inge von Bönninghausen ist Journalistin in Köln. Sie war viele Jahre Leiterin und Moderatorin der WDR-Sendung „Frauen-Fragen“, gab ihr später den Namen „Frau-TV“.

Nach dem Bildschirm kamen die Lobbyarbeit für Frauen in Berlin und das Schreiben über Frauenbewegungen, Menschenrechte, Altersdiskriminierung. Weitgereist hat sie ein großes Faible fürs Internationale, vor allem die Vereinten Nationen.

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