Sonntag, 16. Oktober 2011

"Genosse Butterweich" - warum es Männern besser geht, wenn Frauen gleichberechtigt sind

Heldendämmerung mit Ute Scheub     Fotos:Wulf-Frick

Bastian Schweinsteiger verdient 13 Millionen Euro im Jahr, Kim Kulig 60.000 Euro. Was verbindet die beiden? Sie spielen in ihren Vereinen als Vollprofi auf dem Fußballplatz, im Mittelfeld. Kleiner Unterschied: Er bekommt das 216fache an Gehalt und verdient in zwei Tagen mehr als sie in 365 Tagen! Ist ihre Leistung damit weniger wert? Wie die so vieler Frauen, die noch immer ein Viertel weniger verdienen als Männer? Das zeigen uns jährlich die Zahlen am Equal Pay Day.

Mit diesen kleinem Rechenbeispiel begann Ute Scheub am Samstag (15.10.11) auf der Freiburger Frauenkonferenz anlässlich des 100. Frauentags ihre Rede zu "100 Jahre E-Mann?-zipation?". Scheub führte die Frauen im vollbesetzten großen Saal des Konzerthauses Freiburg sofort auf die Spur, wie Geschlechterdiffamierung und Frauenmarganalisierung besonders in Deutschland Jahrhunderte auf dem Boden schwülstiger männerbündlerischer Kameradschaft gedeihen konnte. Da habe so mancher sein eigenes Denken vor lauter Militarismus ausgeschaltet (siehe Foto unten). Und wir alle - Männer wie Frauen - leiden noch heute unter dieser Prägung.


„Die Stelen der Männlichkeit werden weiterhin angebetet,
aber sie bröckeln, stürzen ein und begraben ihre Anhänger schließlich unter sich.“

Spannend, spannend, was Kollegin Scheub in ihren Vortrag packte. In dem Thema ist sie bestens bewandert. Ihr Buch "Heldendämmerung" (Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist) stieß 2010 auf großes Interesse. 
Der militaristische Männerbund versprach den Männern früherer Zeiten Stärke und Wehrhaftigkeit. Im Privaten wurde die Treue zur Nation sozusagen ins Innere gewendet. Der Mann durfte, sollte und wollte kein "Genosse Butterweich" sein, sondern auch im häuslichen Umfeld wie "ein Hosentaschenstaat" funktionieren. Im tragischen Umkehrschluss für die Gesellschaft bedeutete das, so Ute Scheub, dass ein Mann "lieber ein Mörder als unmännlich" war. Nach dem zweiten Weltkrieg krachte der Krieger vom Sockel. In den 1950er-Jahren kam es zum Bruch mit dem deutschen Militarismus. Doch der "innere Vorfahr", so Scheub, ließ sich nicht so einfach ausschalten. Während in angelsächsischen Ländern das Wort "Gender" längst anerkannt ist, verbirgt sich für den deutschen Mann noch heute "irgendwas mit Weichei" dahinter - anstatt eine Charakterstärke daraus zu machen.

Doch es gibt auch Gutes zu vermelden: Den "starken Herkules" sieht Ute Scheub heute ins Fitnessstudio verbannt. Auch "Mann ernährt Frau und Kinder" ist für sie ein Auslaufmodell. Immerhin gebe es Männer, die nach der "un-herkulanischen" Vaterrolle suchten. Deren einziges Manko: Sie würden ihr selbst (noch) keine echte gesellschaftliche Chance geben! Außerdem stehen laut einer von Scheub zitierten Studie 25 Prozent traditioneller Männer 13 Prozent traditioneller Frauen gegenüber. Dass es da kracht, ist klar. Leider äußert sich das wie so oft darin, dass die Männer körperliche Gewalt anwenden.
Auch der Sonderstellung der "deutschen Mutti" nahm sich Ute Scheub in ihrem Vortrag an. Eben jener Rabenmuter, die es nur im unserem Sprachgebrauch gibt und deren Stellung im "typisch deutschen Neurosenkomplex", dem Ehegattensplitting, pervertiert werde. [Gelächter der Anwesenden].

Zahlen folgten, zum Beispiel von den 51 Prozent Frauen, die ein Studium abschließen und den 18 Prozent Professorinnen, die davon übrig bleiben. Nicht gefehlt hat auch das Aufzeigen der paradoxen Situation, dass Frauen gut ausgebildet sind, sie aber massiv im Beruf behindert werden. Dabei, so Ute Scheubs Überzeugung, führe die Statusgleichheit zu großer Zufriedenheit bei beiden Geschlechtern. Schweden zum Beispiel, das durch seinen politischen Visionär, den ermordeten Ministerpräsidenten Olof Palme, vorbildliche Eltern-Kind-Gesetze und finanzielle Anreize habe, nimmt den Spitzenplatz bei der Erwerbstätigkeit von Frauen ein - dabei hat es trotzdem eine höhere Geburtenrate als Deutschland!!!
Die gute Balance zwischen Familie und Arbeit, stärke auch die Männer und Söhne, sich zu öffnen, sagt Ute Scheub: "Sie gewinnen Liebes- und Lebenszeit."Denn erlebte Ungleichheit mache wütend, wo dagegen  Frauen gestärkt würden, sei auch das Leben der Männer besser und mache die Gesellschaft kraftvoller.

Was also tun, fragt Ute Scheub und antwortet so: Überall für Gleichheit kämpfen, mit Quoten und einem besseren Diskussionsstil Frauen stärken. Das gilt auch für Frauen untereinander. Sie sollten sich mehr aufeinander beziehen, sich mehr gegenseitig zitieren oder (da war Ute Scheub schon weg) - sich auch mal gegenseitig besingen...


...so wie es diese Frau nach dem Vortrag auf der Freiburger Frauenkonferenz in spanischer Sprache getan hat.

1 Kommentar:

Magdalena Köster hat gesagt…

Hübsch formuliert, die "Stelen der Männlichkeit bröckeln".
Ein Sprichwort aus Ghana deutet darauf hin, dass Menschen dieses Gepränge schon lange durchschauen:
"Das Huhn weiß, dass der Tag anbricht, lässt jedoch den Hahn krähen."