Dienstag, 26. Mai 2020

Filme, die die Seele knacken - Frauen, die sich stark machen

von Angelika Knop

"Oma, du entschwindest mir" - in "Walchensee forever" hält Janna Ji Wonders (rechts) ihre Familiengeschichte fest
Foto: Walchensee forever DOK.fest München

Frauen führen ein Café am Walchensee, eine Segelyacht durch die Weltmeere, den Kampf gegen das Vergessen, ein Leben mit Höhen und Tiefen - und natürlich Regie. Und das Publikum sieht begeistert zu, wenn sie all das tun. Das DOK.fest München, das am Sonntag zu Ende ging, hat in seiner ersten Online-Edition mit 75.000 Filmabrufen nicht nur Rekord-Besuchszahlen verzeichnet, sondern auch gezeigt, wie spannend, vielfältig, schöpferisch und erfolgreich Frauen miteinander agieren. So landeten beim "kinokino Publikumspreis" Filme mit mehreren weiblichen Protagonistinnen auf den ersten drei Plätzen - alle ohne männliche Hauptrolle.


Den Eröffnungsfilm, "The Euphoria of Being", der die Abstimmung gewann, haben wir hier im Watch-Salon bereits ausführlich gewürdigt. Die ungarischen Choreographin und Autorin Réka Szabó inszeniert darin einfühlsam die Tanzperformance der Holocaust-Überlebenden Éva Fahid. Im Filmgespräch erzählt sie, dass die intime Atmosphäre im Frauenteam - einschließlich Kamerafrau Claudia Kovács - entscheidend dazu beigetragen hat.

Ebenfalls ganz nah dran an ihren Protagonistinnen ist Janna Ji Wonders. Denn die Doku "Walchensee forever" ist ihre eigene Familiengeschichte - über fünf Generationen, von ihrer Urgroßmutter bis zur eigenen, neugeborenen Tochter. Produzentin Katharina Bergfeld nannte das zweistündige Werk im Interview einen "Film, der die Seele knackt". Er beginnt bodenständig im familieneigenen Café am oberbayrischen See, führt nach Mexiko, Kalifornien und Indien, in den angeblichen "Harem" von Rainer Langhans in München, aber immer wieder zurück in die Heimat. Der mysteriöse Tod der Tante, die Sehnsucht und die Verbundenheit der Frauen, ebenso wie der Fundus an professionellen Fotos von Wonders Mutter, Radiointerviews und privaten Videoaufnahmen ergeben eine fesselnde Geschichte, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Filmpreis 2020 - und ab 17. September hoffentlich im Kino zu sehen. Janna Ji Wonders erhielt übrigens schon 2004 beim Marlies-Hesse-Nachwuchspreis des Journalistinnenbundes eine lobende Erwähnung.




Der drittplatzierte Dokumentarfilm lebt ebenfalls von der Fülle von Archivmaterial. "Maiden" erzählt aus dem Abstand von 30 Jahren die Geschichte des ersten reinen Frauenteams beim Whitbread Segelrennen 1989/90 rund um die Welt. Skipperin Tracy Edwards berichtet in einem Interview zum Film, dass sie eines der wenigen Teams waren, die Kameras an Bord hatten, weil die "Jungs" auf den anderen Booten das Angebot der Veranstalter abgelehnt hatten. Sie meinten, das störe beim "ernsthaften Segeln". "Außerdem", so Tracy, "waren wir die einzigen, die das Filmen geübt hatten. Wir hatten unsere Köchin sogar auf einen Kurs geschickt." Die zweite Kamera war am Mast - in brenzligen Situationen drückten sie den "Panikknopf" - und der Film lief, auch wenn keine eine Hand frei hatte, weil die See zu schwer war und Wasser ins Schiff lief.

Skipperin Tracy Edwards (links): "Wir dachten, wenn wir es nicht schaffen, dann wird es das nächste Frauenboot noch schwerer haben" / Foto: Maiden DOK.fest München 

Die Yacht "Maiden", die ein Journalist abschätzig "a tin full of tarts" - etwa "eine Büchse voller Nutten" genannt hatte, gewann die härteste Etappe und landete in ihrer Klasse auf Platz zwei. Die Doku zeigt eindrucksvoll, was Tracy Edwards und einige Crewmitglieder bewegte, den Kampf - auch gegen Vorurteile - aufzunehmen. Besonders schön die Erkenntnis:" Ich habe anfangs gesagt, ich bin keine Feministin - aber dann erkannte ich, dass ich genau das war."Auf der Maiden-Homepage ist zu lesen, wo sich der Film nach dem DOK.fest sehen lässt. Regisseur Alex Holmes bekam die Idee zur Doku, als Edwards an der Schule seiner Tochter einen Vortrag hielt.




Ohne Auszeichnung aber ebenfalls aus dem Blickwinkel von Frauen erzählt "After Munich" über ein bekanntes Ereignis aus unbekannter Perspektive. "The games musst go on", hieß es nach dem tödlichen palästinensischen Olympia-Attentat 1972 in München auf das israelische Team. Doch für vier Frauen hörte der Terror niemals auf.

Ankie Spitzer kämpfte Jahrzehnte für ein Mahnmal im Olympischen Dorf
 Foto: After Munich DOK.fest München
Ankie Spitzer, Witwe des ermordeten Fechttrainers André Spitzer, widmet ihr Leben dem Kampf gegen das Vergessen, ähnlich die überlebende Hürdenläuferin Esther Roth-Shahamorov. Erst 45 Jahre später eröffnen die Stadt München und der Bayerische Staat einen Erinnerungsort, obwohl Sicherheitslücken und der missglückte Befreiungsversuch maßgeblich zur Katastrophe beigetragen hatten. Zwei Mossad-Agentinnen töteten als Vergeltung einen Unschuldigen, weil er mit einem der Drahtzieher des Attentats verwechselt wurde. Autorin Francine Zuckerman stellt meist Frauen in den Mittelpunkt ihrer Filme, weil sie genau deren - oft übergangene - Seite der Geschichte interessiert. Glücklicherweise gibt es immer mehr Filmemacher*innen, die das tun. Und das DOK.fest wählt gerne solche Filme aus. Der Erfolg gibt den Festivalmachenden Recht.



Wer die Dokus gerne sehen möchte, sobald sie irgendwo gezeigt werden, kann sich einen Film-Wecker stellen, zum Beispiel hier für "After Munich".

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