Mittwoch, 31. Mai 2017

Die präzise TV-Journalistin – Fünf Fragen an Inge von Bönninghausen

von Mareice Kaiser


Der Journalistinnenbund feiert sein 30jähriges Jubiläum, vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin stellt der Watch-Salon mit der Interviewserie "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen des jb vor, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen.

"Meine politische Heimat ist der Feminismus." Inge von Bönninghausen.  / Foto: Malin G. Kundi


„Wer war denn diese schicke Frau mit den kurzen Haaren?“ fragte ich nach einer Session beim Journalistinnenbund BarCamp 2016 eine andere Teilnehmerin. Die Antwort lautete: Inge von Bönninghausen. Ich war nachhaltig beeindruckt von der stilvollen Frau mit den präzisen Sätzen. Nach und nach erfuhr ich mehr über ihr Wirken im Journalistinnenbund, ihre beruflichen Stationen und habe mich sehr gefreut, im Gespräch für den Watch-Salon mit Inge von Bönninghausen über journalistische Entwicklungen, persönliche Motivation und Wünsche für den Journalistinnenbund zu sprechen – und zu lachen.



Inge, das erste Mal begegnet sind wir uns beim BarCamp des Journalistinnenbundes. Ich war adhoc beeindruckt von Dir. Von deinem Stil und davon, wie sehr du am Puls der Zeit bist, was Online-Medien angeht.


Erstmal freue ich mich, dass dir das Bild von mir gefallen hat – auch, weil es für mich nicht unwichtig ist. Mode macht mir einfach Spaß. Interessant finde ich deine Einschätzung bezüglich der Online-Medien. Ich lese hin und wieder Blogs, ich recherchiere enorm viel im Internet – was man ja auch erstmal lernen muss. Aber in den Sozialen Medien bin ich nicht aktiv. Für meine eigenen Interessen und meine politisches Informationsbedürfnis taugen Facebook und Twitter eher nicht, da lese ich lieber ganz traditionell Zeitung. Als Pensionärin kann ich tagsüber viel Radio hören, was ich sehr gern mache.


War es für dich eine bewusste Entscheidung, Journalistin zu werden?


Oh ja, das war es! Eine klare Entscheidung und eine sehr frühe. Mit 18 Jahren kam ich von einem einjährigen Amerikaaufenthalt zurück und schrieb in die Schülerzeitung: „Ich werde Journalistin“. Keine Ahnung, wie ich mir das damals eigentlich vorgestellt habe. Es hat sich dann darin niedergeschlagen, dass ich mein Studium – Germanistik und Geschichte – ganz bewusst nicht mit Staatsexamen abgeschlossen habe. Ich wollte das Ausweichen in den Lehrerinnenberuf mir selbst verstellen. (lacht) Und das habe ich auch niemals bereut. Was mich immer angetrieben hat war, dass ich gerne beobachtet und gerne erzählt habe. Was um mich herum ist, aufzunehmen, darüber nachzudenken und dann ein manchmal nicht zu bremsendes Mitteilungsbedürfnis.


Das kenne ich alles gut. (lacht)
Hast du einen Tipp für junge Journalistinnen?


In wenigen Berufen hat sich das Umfeld so stark verändert in den letzten 30 bis 40 Jahren. Mein Rat ist eine gute Ausbildung bis in die Tiefe. Das kann von mir aus ein Studium der Archäologie sein. Unser Beruf ist so gefährdet durch Oberflächlichkeit. Wichtig ist: Ich weiß, wie ich einer Sache auf den Grund gehe. Und was die Objektivität anbelangt, die ist ja gerade ein großes Thema. Ich bin mit einem Objektivitätsanspruch groß geworden und hatte beim WDR eine Kollegin, die als erste in einem Kommentar "ich" gesagt hat. Das war revolutionär. Ich glaube, dass objektivste, was Journalistinnen machen können, ist in dem Moment, in dem sie bewerten, „ich“ zu sagen. Dazu zu stehen, dass selbst die Auswahl von Themen oder Interviewpartnerinnen meine Entscheidung ist. Je klarer ich andere das wissen lasse, desto weniger manipuliere ich. Ich kann sagen: Ich sehe, draußen regnet es. Aber alles, was darüber hinausgeht...


... beobachtest ja du. Es ist immer deine Perspektive.


Genau. Das ist nicht einfach. Die Gefahr liegt darin, alles so zu subjektivieren, dass überhaupt keine Aussage mehr bleibt. Das ist eine richtige Gratwanderung.


Inge von Bönninghausen


ehemals Redaktionsleiterin Frau tv

Branche: Fernsehen
Beruf: Journalistin
Standort: Regionalgruppe Köln
jb-Engagement:
Mitgründerin des Journalistinnenbundes
Vorsitzende 1991 bis 1999


„Feministisch sein ist die Theorie, lesbisch sein die Praxis“ – diesen Spruch hast du bei einer Podiumsdiskussion zitiert. Anfang der 1990er Jahre hast du deine sexuelle Identität öffentlich gemacht*. Wie hat das deine berufliche Laufbahn beeinflusst?


In meiner Wahrnehmung gar nicht. Eine Kollegin sagte zu mir am nächsten Tag: „Oh, wie werden das Ihre Zuschauerinnen finden?“ Ich habe von ihnen nichts gehört oder gelesen. Von den Kolleginnen und den Kollegen kam überhaupt kein Kommentar, das ist mir aufgefallen. Es hätte ja viele Möglichkeiten gegeben, zu reagieren.


Bezeichnest du dich als feministische Journalistin?


Nein, das klingt für mich falsch. Ich bin von Beruf Journalistin. Mit diesem Beruf war ich viele Jahre Redakteurin. Meine politische Heimat ist der Feminismus. Er prägt meine Auseinandersetzung mit dem, was mich umgibt. Wenn ich zum Beispiel auf die Sozialen Medien schaue mit meinem feministisch geprägten Blick, stelle ich fest, dass die Frauen, die dort aktiv sind, genauso darum kämpfen, wahrgenommen zu werden und mitreden zu können wie im analogen Medien-Leben. Das Feministische ist meine politische Haltung, der Journalismus mein Beruf.


Du warst acht Jahre Vorsitzende des Journalistinnenbundes und hast ihn auch mit gegründet.
Warum eigentlich?


(lacht) Gute Frage. Ich fand von Anfang an einen Berufsverband für Journalistinnen wichtig. So wie es lange vor uns die Ärztinnen, die Juristinnen und auch die Sozialarbeiterinnen gemacht haben. Die vielfältigen beruflichen Wege von Frauen in diesem Berufsfeld haben mich immer interessiert. Ich hatte von so einem Verband erhofft, dass er sich im Medienumfeld sehr klar positioniert zu der Frage, was wir selbst als Journalistinnen dazu beitragen, um Geschlechterstereotype tagtäglich neu zu beleben. Also eine medienpolitische Frage auch kritisch an sich selbst zu stellen. Diese Hoffnung ist nur selten in Erfüllung gegangen. Das wäre einer der Wünsche für die nächsten Jahre Journalistinnenbund. Viel mehr politische Sichtbarkeit, die wünsche ich mir.


Danke für dein Engagement für den jb, Inge!

***

* Das WDR-Magazin Frau tv hieß bis 1997 "Frauenfragen". 1991 antwortete die Zeit-Autorin Viola Roggenkamp in der Sendung "Ich kenne eine Lesbe - und Sie?" auf die Frage von Moderatorin Inge von Bönninghausen: "Ja ich kenne auch eine Lesbe. Ich kenne Sie und noch viele andere."

***

In dieser Serie erschien bereits:


Die vielseitige aus dem Osten - Fünf Fragen an Gislinde Schwarz
Die feministische Filmlöwin - Fünf Fragen an Sophie Rieger
Die interkulturell Kompetente - Fünf Fragen an Kerstin Kilanowski
Die historisch bewanderte Autorin - Fünf Fragen an Maren Gottschalk
Die medienkritische Beobachterin - Fünf Fragen an Sissi Pitzer
Die multimediale Preisträgerin - Fünf Fragen an Katharina Thoms
The flying Journalist - Fünf Fragen an Christa Roth
Die vielgereiste Dozentin - Fünf Fragen an Cornelia Gerlach
Die flexible Vermittlerin - Fünf Fragen an Jasmin Lakatos
Die vielseitige Freie - Tina Srowig
Die forschende Blattmacherin - Fünf Fragen an Barbara Nazarewska
Die schreibende Psychologin - Fünf Fragen an Nele Langosch
Die Neue im Team - Fünf Fragen an Eva Hehemann
Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt

Weitere interessante Kolleginnen im Journalistinnenbund finden sich in der Expertinnendatenbank.

Kommentare

  1. Die Reihe ist wirklich interessant. Dieses Nebeneinander an journalistischem und feministischem Selbsverständnis - diese Vielfalt ist es, die mich fasziniert und die der Journalistinnenbund sich hoffentlich auch in Zukunft bewahrt.Und die Zukunft wird politisch(er) - da bin ich mir ganz sicher.

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