Mittwoch, 7. Juni 2017

Die Jury-erfahrene Kritikerin - Fünf Fragen an Diemut Roether

von Tina Stadlmayer


Der Journalistinnenbund feiert sein 30jähriges Jubiläum, vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin stellt der Watch-Salon mit der Interviewserie "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen des jb vor, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen. 

Jurorin für den Grimmepreis: Diemut Roether, Chefredakteurin des Fachdienstes epd medien. / Foto: Guido Schiefer

Diemut Roether habe ich bei den Vorbereitungen zum ersten Medienlabor des Journalistinnenbundes kennen gelernt. 2013 organisierten wir im Medienlabor-Team in Hamburg die Veranstaltung "Die Macht der Konzern- und Verlagserbinnen". Seitdem weiß ich, dass Diemut Roether eine kritische und kenntnisreiche Medienexpertin ist. Genau die richtige Frau also für unsere Interviewserie.



Journalismus ist nicht nur dein Beruf, sondern auch das Thema, mit dem du dich seit Jahren beschäftigst. Welche aktuellen Entwicklungen interessieren dich als Chefredakteurin des Fachdienstes epd medien des Evangelischen Pressedienstes zur Zeit besonders?


Ich bin für das wöchentlich erscheinende Heft des Fachdienstes epd medien verantwortlich und für den täglich erscheinenden Newsletter. Wir informieren über Trends und Hintergründe in Sendern und Verlagen und liefern Analysen zu den Inhalten und Programmen. Zurzeit beschäftigen wir uns unter anderem mit der neuen Konkurrenzsituation zwischen Rundfunk und Zeitungen im Internet. Die Verleger klagen zum Beispiel gegen die Tagesschau-App, weil sie "presseähnlich" sein soll. Das wird demnächst noch einmal vor dem Bundesgerichtshof und möglicherweise vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt werden. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Verleger damit durchkommen, denn das Verfassungsgericht hat den öffentlich-rechtlichen Medien immer eine Entwicklungsfreiheit zugesagt.


Bei  Vorträgen auf dem 4. Medienforum der bayerischen Landeskirche und dem Frankfurter Tag des Onlinejournalismus hast du vor Kurzem das Wort "Emotionsfalle" geprägt und kritisiert, dass anstelle von Fakten immer häufiger Gefühle treten. Was bedeutet dieser Trend für uns Journalistinnen?


Ich habe beobachtet, wie die Öffentlich-Rechtlichen zum Beispiel über die Eurokrise in Griechenland berichtet haben. Da war ständig die Rede davon, wie die Stimmung auf der Straße ist. Dann hieß es, die Stimmung in der EU sei auch schlecht. Oft wurde über Gefühle berichtet anstatt über die Inhalte der Abstimmung. Ich habe ja auch mal bei der "Tagesschau" gearbeitet und damals gelernt, dass Fernsehen ein Emotionsmedium ist. Emotionen zu wecken ist durchaus in Ordnung, aber das Problem ist, dass man Stimmungen auch hinterfragen muss, auch die eigenen. Und das geschieht viel zu selten. Das andere Problem ist, dass wir durch die emotionsgeladene Berichterstattung Gefühle wecken, die nicht mehr kontrollierbar sind. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über Flüchtlinge. Die Bilder von den vielen Flüchtlingen an den Grenzen haben ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Überforderung und der Angst ausgelöst. Mein Appell an die Medien lautet: Reproduziert weniger Stimmungen, hinterfragt was passiert, bedient nicht das Geschäft der Populisten. Wichtig ist auch, wie wir die Sachen benennen, dass wir nicht "Fake-News" sagen, sondern "Lügen".


Wie hat sich deine eigene Arbeit als Journalistin im Laufe der Jahre verändert? 


Früher haben wir anders recherchiert. Wir haben Leute angerufen und Fragen gestellt. Vieles kann man heute mit einer schnellen Google-Recherche abklären. Das ist ein Erleichterung, birgt aber auch Gefahren. Viele Geschichten im Netz gehen ja auf ein und dieselbe -  möglicherweise falsche -  Quelle zurück. Viele junge Kollegen greifen nur selten zum Telefon. Aber ich denke, dass man vieles nur im Gespräch herausfinden kann. Auch der Anspruch, über alles sofort berichten zu müssen, ist problematisch. Auch wir hier haben den Druck, sehr schnell sein zu müssen, weil wir auch für die Nachrichtenagentur epd arbeiten.


Diemut Roether


Chefredakteurin FACHDIENST EPD MEDIEN
Medienjournalistin, Jurorin

Branche: Agentur, Online und Print
Beruf: Journalistin
Standort: Frankfurt
jb-Engagement: Medienlabor, aktiv in der Regionalgruppe Frankfurt


Du bist Mitglied einiger Jurys, zum Beispiel des Grimme-Preises, des Robert Geisendörfer Preises, der Hörbuchbestenliste von HR2-Kultur. Über welche Preisvergabe hast du dich besonders gefreut?


Die junge Autorin Katrin Rothe hat 2006 den Grimme-Preis für ihre ZDF-Doku-Soap "Stell mich ein!" bekommen. Sie hat Leute begleitet, die sich beworben haben. Weil sie während der Bewerbungsgespräche nicht drehen konnte, hat sie die Situation als Trickfilm nachgestellt und nachgesprochen. Seither verfolge ich mit Vergnügen, dass sie immer wieder tolle Filme macht, die für Grimme-Preise nominiert werden.


Was bedeutet der Journalistinnenbund für dich?


Ich bin nach wie vor beim Medienlabor des jb dabei. Wir haben im vergangenen Jahr unsere fünfte Veranstaltung organisiert und zwar zum Thema "Frauen im Wirtschaftsjournalismus". Jetzt bereiten wir gerade die Podiumsdiskussion am 1. Juli auf der Jahrestagung des jb in Frankfurt vor. Das Thema wird sein: "Europa driftet auseinander! Scheitern damit Gleichberechtigung und Pressefreiheit?" Es geht um Frauenrechte und Menschenrechte. Helga Kirchner vom Medienlabor wird das Podium moderieren.

Für mich ist es sehr schön, dass ich meine Kompetenzen im Medienlabor einbringen kann. Das macht wirklich Spaß.



Schön, dich im jb dabei zu haben, Diemut!

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In dieser Serie erschienen bereits:

Die präzise TV-Journalistin - Fünf Fragen an Inge von Bönninghausen
Die Vielseitige aus dem Osten - Fünf Fragen an Gislinde Schwarz
Die feministische Filmlöwin - Fünf Fragen an Sophie Rieger
Die interkulturell Kompetente - Fünf Fragen an Kerstin Kilanowski
Die historisch bewanderte Autorin - Fünf Fragen an Maren Gottschalk
Die medienkritische Beobachterin - Fünf Fragen an Sissi Pitzer
Die multimediale Preisträgerin - Fünf Fragen an Katharina Thoms
The flying Journalist - Fünf Fragen an Christa Roth
Die vielgereiste Dozentin - Fünf Fragen an Cornelia Gerlach
Die flexible Vermittlerin - Fünf Fragen an Jasmin Lakatos
Die vielseitige Freie - Tina Srowig
Die forschende Blattmacherin - Fünf Fragen an Barbara Nazarewska
Die schreibende Psychologin - Fünf Fragen an Nele Langosch
Die Neue im Team - Fünf Fragen an Eva Hehemann
Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt

Weitere interessante Kolleginnen im Journalistinnenbund finden sich in der Expertinnendatenbank.
 


Kommentare

  1. Liebe Diemut,du sprichst mir aus dem kühlsten Teil meines Herzens mit der "Emotionsfalle". Sogar Fußballer werden nicht mehr gefragt, wie sie den Verfolger abgeschüttelt und den Ball ins Tor gebracht, sondern wie sie sich dabei und davor und danach gefühlt hätten. Dabei sollte für uns JournalistInnen gelten: Erst die Fakten, dann die Gefühle. Und kein Spielraum für Fake, Lügen und "alternative Fakten".
    Margit Schlesinger-Stoll

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