Mittwoch, 27. November 2013

Hannah Hollinger: Grenzgang - im Film und als Autorin


Drehbuch-Autorin Hannah Hollinger (rechts) im Gespräch
mit Angelika Knop. Foto: Ingrid Arnold

Das Leben droht Kerstin zu verschlingen wie ein Salatblatt im Sandwich - zwischen der Erziehung des pubertierenden Sohnes und der Sorge um die demenzkranke Mutter. Die Ehe ist geschieden, den Beruf hat sie längst aufgegeben - ein traditionelles Frauenschicksal in einer hessischen Kleinstadt. Doch ausgerechnet beim Grenzgang, dem jahrhundertealten Volksfest, bietet sich ihr eine Chance auf Veränderung. Die Autorin Hannah Hollinger hat Stephan Thomes erfolgreichen Roman "Grenzgang" für das Fernsehen adaptiert. Und auch sie ist gerade dabei, als Autorin Grenzen zu überschreiten, wie sie im Interview erzählt.


"Grenzgang" ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei enttäuschten Menschen, aber - anders als in der Romanvorlage - steht dabei die Frau eindeutig im Mittelpunkt. Warum?

Im Film ist man eher geneigt, eine eindeutige Hauptfigur zu schaffen. Ich habe mich für Kerstin entschieden, weil ich sie als leitende Figur interessanter fand und auch vom Motiv - der Einsamkeit. In der Mitte des Lebens ist sie konfrontiert mit der Frage: Ich habe nicht genug erreicht. Ziehe ich mich jetzt in die Isolation zurück oder versuche ich noch mal etwas aus meinem Leben zu machen?

Was hat Sie denn an an Kerstin fasziniert?

Fasziniert hat sie mich eigentlich nicht, eher enttäuscht. Sie wählt die Sorge für Sohn und Mutter ja auch ein wenig als Ersatz für das nicht mehr vorhandene Eheleben. Es hat mich aber interessiert, wie sie sich aus dieser selbstgewählten Verantwortungslast befreit.

Zu dieser Befreiung gehört auch ein nicht ganz überzeugter Besuch im Swingerclub. Wie haben Sie das angelegt, damit das nicht bloß peinlich wirkt?

Bei der Szene im Roman dachte ich mir auch: "Muss das sein? Das ist ja das Klischee!" - wusste aber, da wird die Redaktion drauf bestehen und so war es dann auch. In "Grenzgang" entwickeln sich die Figuren langsam, durch Lebenswellen, die sich verdichten. Das hätte auch langweilig werden können - da ist etwas Sex ein Highlight. Solche Ängste muss man dem Sender zugestehen, damit komme ich gut klar. Der Swingerclub ist zwar nicht das Einzige für einsame Männer und Frauen in der Provinz, aber es gibt ihn halt. Außerdem ist er eine Metapher. Brigitte Bertele, die Regisseurin, hat das dann noch weiter ins Exzentrische gedreht.

"Grenzgang" ist ein Zusammenarbeit von drei Frauen: Sie haben das Drehbuch geschrieben, Brigitte Maria Bertele hat Regie geführt, Ariane Krampe produziert. Wie lief das?

Sehr harmonisch. Ich wollte vor allem schon lange mal etwas mit Brigitte machen. Ich kannte sie als Regisseurin von "Brand", einen Film über eine Vergewaltigung, den ich sehr intensiv fand. Und sie hat das auch diesmal sehr gut umgesetzt - in nur 21 Drehtagen, was für so einen 90Minüter relativ gnadenlos ist. Noch dazu soll die Handlung im Hochsommer spielen, gedreht wurde aber im Herbst und es regnete pausenlos.

Wie steht es überhaupt mit den Frauen unter den Drehbuchautorinnen und in der Filmbranche? 

Es kommen viele Autorinnen nach, aber sie halten sich oft nicht lange. Von den Frauen, die mit mir begonnen haben, sind vielleicht fünf auf diesem Level geblieben. Das ist ein hartes Brot: Wer Kinder bekommt, Familie hat, schafft es oft nicht mehr, diesen Arbeitskampf zu leben. Da habe ich es als geschiedene, kinderlose Frau einfacher. Außerdem war ich immer schon sehr kämpferisch unterwegs und dachte auch immer, das Selbstbewusstsein von Frauen kann man nicht durch Quoten fördern. Mittlerweile denke ich, dass es wahrscheinlich nicht anders geht. In den Redaktion sitzen fast nur Frauen, aber das sind eben nicht die Entscheiderinnen.

Sie haben Drehbücher für rund 25 Fernsehspiele geschrieben, darunter preisgekrönte - mit der Goldenen Kamera und dem Bayerischen Fernsehpreis. Sie haben erfolgreiche Serien entwickelt: "Stolberg", "Himmel und Erde", "Aus heiterem Himmel".  Haben Sie dadurch mehr Auswahl, mehr Mitsprache als andere AutorInnen?

Ja, das ist ein Vorteil des Alters, dass man viel Erfahrung gesammelt und viel vorzuweisen hat. Trotzdem trifft auch mich wie alle Autoren ein Wandel in Ansehen und Bezahlung. Die Honorare sinken, wir werden nur noch im Vor- nicht mehr im Abspann genannt und kaum jemals in der Ankündigung. Drehbücher sind eine austauschbare Ware geworden: Wenn du es nicht schreibst, schreibt es der nächste. Und wenn der nicht, dann ein anderer. Wir leisten viel unbezahlte Vorarbeit. Auf einen Auftrag kommen in der Regel zehn Exposés, von denen neun nichts werden. Dadurch sinkt die Qualität, wofür man uns wieder angreift: Der deutsche Film gilt dann als gesichtslos, als uninspiriert.

Was hat das Drehbuchschreiben abgewertet?

Ich komme aus der Goldgräberzeit, den Anfängen des Privatfernsehens, als es noch viel Arbeit und wenig Autoren gab. Wir konnten damals auswählen und ausprobieren. Jetzt haben wir von den Filmhochschulen oder Akademien ein Heer von gut ausgebildeten Leuten, die alle dankbar sind, wenn sie arbeiten dürfen. Viele können keine eigene Handschrift mehr entwickeln, weil sie nehmen müssen, was sich ihnen bietet.  Die Konkurrenz könnte positiv sein, aber wir sind dadurch eher austauschbar geworden.

Könnte da Solidarität helfen? Ein Streik wie bei der Writers Guild in Hollywood?

Wir haben hier keine starke Gewerkschaft wie in den USA, die den Honorarausfall finanziert. Das funktioniert also nicht. Außerdem sind Autoren in der Regel Einzelkämpfer. Mir ist selber erst letztes Jahr klar geworden, dass wir mehr Solidarität brauchen. Ich war nie Mitglied im Verband der Drehbuchautoren VDD, hatte mich sicher gefühlt, auf meinen Agenten verlassen, der ein "harter Hund" in der Branche ist. Aber jetzt weiß ich, dass wir rausgehen und kämpfen müssen und ich habe mich der Initiative Norau angeschlossen, um den Verband - mit viel Wohlwollen - zu entern. Die Rolle der Autoren muss eine Neue und andere werden, wir wollen kein Kanonenfutter sein, sondern wichtige, kreative und ernst genommene Autoren.

Anmerkung d. Red.: 100 Norau-Mitglieder sind gesammelt in den VDD eingetreten, um das sogenannte ZDF-Eckpunkte-Papier zu kündigen, das u.a. die Wiederholungshonorare für Autoren verringert hat. Am 6.12.2013 findet nun dazu eine außerordentliche Mitgliederversammlung statt.

Und was ist Ihr persönlicher Traum? Ein Stoff, den Sie noch verfilmen wollen?

Ich will das Leben wach und offen wahrnehmen und immer mehr die Themen finden, die mit mir selber zu tun haben.


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"Grenzgang" lief am 2711.13 als Premiere im Ersten (ARD) und ist zeitweilig auch in der Mediathek abrufbar. Das Interview mit der Drehbuchautorin Hannah Hollinger führte Watch-Salon-Autorin Angelika Knop anlässlich der Kinopremiere auf dem Filmfest München am 28. Juni 2013 bei einer Veranstaltung von WIFTG - der Women in Film and Television Germany.

Mehr über Hannah Hollinger:
Filmographie
Porträt

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