Montag, 2. Mai 2016

Was tun gegen Online-Hetze?

                                                                                                                                                 Foto: Christine Olderdissen

Rechtzeitig zur re:publica|TEN ist ein Buch herausgekommen, das Erlösung verspricht: „Hass im Netz - Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können“ betitelt Ingrid Brodnig ihr rund 200 Seiten dickes Buch. Als Medienredakteurin beim österreichischen Politmagazin Profil ist sie Expertin für digitale Themen. Seit Jahren beschäftigt sich die 32-jährige fast schon zwangsläufig mit virtuellem Hate Speech, auch in ihrem Blog. Doch zur Abwehr des eklatanten Frauenhasses im Netz liefert sie uns keine griffige Antwort.


Journalistinnen bekommen mehr Hasskommentare


The Guardian, die große britische Tageszeitung, hat gerade eine interessante Untersuchung veröffentlicht: In den vergangenen zehn Jahren wurden 1,4 Millionen Kommentare vor der Veröffentlichung geblockt. Nun wurden sie eingehend analysiert. Das Ergebnis: vor allem die Artikel von Autorinnen werden mit Häme überschüttet. Schreiben sie über Feminismus, Frauenrechte oder Vergewaltigung, explodiert die Rate der Hasskommentare.

Ingrid Brodnig kennt als Medienredakteurin dieses Blockieren von übergriffigen Kommentaren. Sie hat sich aufgemacht, deren Verfasser kennenzulernen. Die Hardcore-Hater verweigern jeden Kontakt, was kaum überrascht. Dann aber gelingt ihr mit zweien das Vieraugen-Gespräch und siehe, es sind ruhige, freundliche Männer, durchaus bürgerlich etabliert, die Wut und Aggression an der Tastatur ausleben und ungebremst ihre Häme ins Netz posaunen. Was sie damit bewirken bei denen, die das zu lesen kriegen, ist ihnen nicht bewusst.

Solchen Leuten sei mit einem nüchternen Zurückknurren im Sinne von „Sie verwenden einen unangebrachten Diskussionsstil“ vielfach beizukommen, sagt Ingrid Brodnig. Das mag bei Menschen funktionieren, die ihre Empörung spontan in eine Kommentarspalte tippen oder sich zwischendurch auf Facebook Luft verschaffen – und sich hinterher schämen. Bei organisierten Hatern erscheint das zwecklos.

Sachlich bleiben, auch wenn es schwer fällt

 

Die Autorin empfiehlt mit „ruppigen Online-Rüpeln“ das Gespräch zu suchen. Ja richtig, das Gespräch. Sie wünscht sich die Deeskalation und betont immer wieder die Notwendigkeit, die Dinge nicht stehen zu lassen sondern einzuschreiten. Und, wenn der Verfasser bekannt ist, besser eine persönliche Email zu schreiben statt auf Facebook öffentlich zurückzupfeffern. Wenn es zu krass wird, dann natürlich juristisch vorgehen – was nicht immer geht.

Was aber tun bei jenen, die das Netz systematisch mit Verdrehungen, Lügen und Unwahrheiten überfluten? Ingrid Brodnig nennt sie Glaubenskrieger. Von ihren Ideen überzeugt, wollen sie anderen ihre Meinung überstülpen. Drei Gruppen macht sie aus: Die Islamfeinde, die Antifeministen und die Impfgegner. Davon unterscheidet sie die Trolle, die kalkuliert und nur zu ihrem Vergnügen Onlinedebatten ad absurdum führen.

„Don´t feed the trolls“ ist eine der bekanntesten Handlungsanweisungen, also: ignoriere das dumme Gesabbel. Nicht gerade einfach, wenn ein Hashtag gekapert wird und verbaler Müll über ernsthafte Twitter-Diskussionen gekippt wird.


Geht das Ignorieren nicht, rät Brodnig dazu, sachlich zu bleiben, den Glaubenskriegern keine Gelegenheit zu geben, sich als Opfer zu stilisieren, à la „mit mir redet ja keiner“.

Und sie appelliert an alle, die Online-Diskussionsräume öffnen,  Verantwortung dafür zu tragen. Zu allererst das Unternehmen Facebook. Nun ja, da liegt noch einiges im Argen.

Webseiten- und Foreninhaber sollten stets moderieren und Kommentare blockieren, wenn sie die Regeln des fairen Diskutierens verletzen, am besten, sagt Brodnig, mit nüchternen Hinweisen auf die Grenzüberschreitung. Bei nahezu allen Online-Medien, die den Dialog mit ihren Usern suchen, hat das zu neuen Arbeitsplätzen geführt. Zeit-Online beispielsweise bearbeitet mit zwei Community-Redakteuren und zehn Moderatoren pro Woche 50 000 Leser-Kommentare. Kein Job für Zartbesaitete.



Bleibt die Frage, was tun mit dem Hass, der Frauen im Netz trifft? Er ist, besonders perfide, meist mit Androhung sexualisierter Gewalt durchsetzt.

Ingrid Brodnig zeigt das zwar klar auf und betont auch seine zerstörerische Wirkmächtigkeit. Aber sie räumt dem Geschehen wenig Raum ein, obwohl es bereits ausführlich dokumentiert ist. So bleibt beim Lesen Ihrer Vorschläge zu Handlungsmöglichkeiten immer die Frage – funktionieren die auch dann, wenn sich Hater in feministische Diskussionen drängeln? Wenn sie Journalistinnen bedrohen?

Organisierte Liebe 

 

Bei der re:publica |TEN werden Netzaktivistinnen einen neuen Vorschlag wider den organisierten Hass diskutieren: Organisierte Liebe. Die Journalistin Kübra Gümusay appelliert, das Gute im Netz zu zelebrieren: Artikel, die begeistern, die sich gegen Sexismus und Rassismus aussprechen, vielfach zu teilen, Tweets zu formulieren und zu retweeten und die Kommentarspalten mit positiven Äußerungen "zu fluten". Das Ganze hat ein klares Ziel: Die Autorinnen unterstützen, mit Liebe.


Schau mir in die Augen

 

Ingrid Brodnigs Buch ist dennoch lesenswert. Mit unaufgeregten Worten bringt die Autorin Struktur ins Phänomen der Online-Hetze, erklärt wer die Akteure sind und wie sie ticken, berichtet von Vorfällen, die mittels der Virilität irgendwann in den Irrsinn entglitten sind, sogar zum Suizid der Betroffenen geführt haben, und wo es zum Verständnis wichtig ist, an den Ausgangspunkt zurückzugehen. Und sie warnt vor den Gefahren für die Demokratie durch die Entgleisung der Debattenkultur. Vor allem aber stellt sie die eine oder andere Studie vor und trägt damit zur Versachlichung bei.

So beobachtet und analysiert die Medienwissenschaft seit langem schon die Entgleisung der Kommunikation im Netz. Interessant ist die Theorie der Unsichtbarkeit, die der us-amerikanische Psychologe John Suler entwickelt hat – und der sich Ingrid Brodnig in ihrem ersten Buch "Der unsichtbare Mensch" ausführlich gewidmet hat.

Bei einem Gespräch schauen sich Menschen üblicherweise in die Augen. Die Mimik des Adressaten mäßigt die Argumentation – harte Worte ins Gesicht zu sagen, das muss man sich erst mal trauen. In der virtuellen Einsamkeit aber fehlt das nonverbale Verhalten des Gegenübers. Ganz wie es Autisten nicht gegeben ist, in Gesichtern Gefühle zu lesen, verhalten sich viele User im Internet – wer nicht sieht, was er dem anderen antut, haut verbal doppelt drauf.

Im realen Leben allerdings haben manche Männer keinerlei Schlaghemmung, obwohl sie Frauen dabei ins Gesicht schauen. Warum also sollten sie sich im Netz zurückhalten?


Ingrid Brodnig: Hass im Netz - Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können
Verlag Brandstätter, April 2016, 17,90 Euro

weiterlesen:
Hier im Watch-Salon: Wessen Internet - Genderhass statt Debattenkultur
Buchbesprechung im Blog von Pinkstinks: Hass im Netz ist Hass gegen Menschen
Spiegel Online: Hass auf Frauen im Netz: Mit Liebe gegen den Mob
Bento: Sechs Tipps für bessere Diskussionen im Netz 

Nachtrag, 4.5.2016:
Kübra Gümüsay bekam bei der re:publica | TEN standing ovations für ihren Appell: "Organisiert die Liebe gegen den Hass im Internet". Zum Mitschnitt der Session und zu den Inhalten der Aktion geht es hier entlang.

Nachtrag, 17.6.2016
Ingrid Brodnig und die österreichischen Printmedien Profil und Kurier haben eine Medienkampagne #GegenHassimNetz gestartet. Dazu ihr Videoclip.

Kommentare

  1. "Wie fühlen Sie sich?"
    Vielen Dank für den interessanten Buchtipp! Es gibt eine wissenschaftliche Untersuchung der Linguistiker,(leider weiß ich gerade die Quelle nicht), die belegt, dass das Wiederholen, Weiterverbreiten von abwertenden oder verschleiernden Begriffen, wie beispielswies "Gutmensch" oder "Kollateralschaden" oder "Sex-Täter" leider zu der Etablierung des Meinungsbildes führt, auch wenn sie kritisch benutzt werden. Dazu tragen Journalistinnen und Journalisten im Alltagsgeschäft leider bei.Überhaupt fällt mir auf, dass die Debatten im Netz oft gar keine sind. Es geht nicht um Austausch von Argumenten, sondern um Meinungen. "Luft machen" - davon lassen sich auch manche klassischen Berichterstattungen tragen, wenn das Einholen von O-Tönen zu irgendeinem Vorfall wichtiger ist, als der Vorfall selbst.Das Emotionalisieren und Skandalisieren, das Schüren von Hass, hat in der analogen Welt eine lange Tradition, im Netz findet es nur seinen freien, anonymisierten Widerhall.Wir brauchen analog wie digital eine bewußtere Debatten-und Medienkultur.

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