Mittwoch, 3. März 2021

Abschiedspost #4: Alle redeten davon, radioeins tat es: Hundert Prozent Frauen am Mikrofon

von Christine Olderdissen

Blick zurück: Wenn dann richtig Frauen, Frauen, Frauen bei radioeins / Foto: Screenshot rbb

Für meinen Blick zurück habe ich einen meiner ersten Blogposts für den Watch-Salon ausgewählt. Ziemlich genau vor acht Jahren kommentierte ich begeistert die fulminante Aktion von radioeins: 100 Prozent Quote - und manN hört zu. In der Woche vor dem Internationalen Frauentag am 8. März 2013 waren in dem rbb-Sender ausschließlich Frauen als Radiomacherinnen zu hören – und Frauenstimmen in allen Musikstücken. Im Watch-Salon stellte ich damals die Frage:

„Was bleibt nach der 100-Prozent-Aktion hängen? Werden mehr Frauen prominente Moderationsplätze erhalten? Werden bald mehr Frauen in den Führungsetagen des rbb und in anderen Sendern die Strippen ziehen?“

Über die Jahre habe ich meinem Lieblingssender dabei zugehört, wie genau dies eingetreten ist: Weg vom Männerfunk hin zu deutlich mehr Frauen am Mikrofon. Mehr weibliche Führungskräfte wurden berufen und mit Patricia Schlesinger eine Intendantin an die rbb-Spitze.

Nun zum Finale des Watch-Salon – und zum kommenden Frauentag am 8. März – habe ich endlich bei radioeins nachgefragt. Im Interview berichtet mir Diane Arapovic
von den Nachwirkungen der Quotenaktion. Sie ist eine der Jüngeren aus der Leitungsrunde der Redaktion, wie sie mir am Telefon erzählt. 2013 war sie noch freie Mitarbeiterin und eine der Treiberinnen der Quotenwoche. Die entstand als launige Idee beim radioeins-Parkfest, als mal nur Frauen mit Senderchef Robert Skuppin am Biertisch saßen.

Diane Arapovic, als Hörerin habe ich den Eindruck: „100 Prozent Quote“ hat zu mehr Frauenstimmen bei radioeins geführt.

Nachdem die Quotenwoche vorbei war, saß die uns im Nacken. Das war ganz klar ein Motivationsschub: Das kriegen wir auch im regulären Programm besser hin. Das ging natürlich nicht sofort, aber so nach und nach.

Gerade für ein Frauenteam am Morgen brauchten wir einen Schubser. Das konnte doch nicht sein, dass wir nur Männer am Morgen haben, in der wichtigsten Sendestrecke. Nach längerem Suchen haben wir 2017 das jetzige Team gefunden. Kerstin Hermes und Julia Menger sind gute Journalistinnen. Die haben einen Superdraht zueinander, sie mögen sich und können sich auch ein bisschen kabbeln.

Frauen am Morgen, da gab es aber einen gewissen Protest?

Klar am Anfang gab es Leute, die fanden Frauenstimmen am Morgen gar nicht gut. Die beiden Männerteams waren ja Kult, die hatten ihre Fangemeinde und als sich dann eines auflöste, konnte einige nicht verstehen, dass an ihrer Stelle Frauen kamen. Sarah Bossetti, unsere Slampoetin, hat da neulich beim radioeinstalk "Was darf Satire heute?" nochmal darauf hingewiesen, dass wir viel zu sehr gewöhnt sind, uns die Welt von Männern erklären zu lassen.

Radioeins tun die vielen Frauen gut. Es würde heute auch gar nicht mehr anders gehen. Nach dem Frauen- bzw. dem Männerteam beim "Schönen Morgen" ist der weitere Morgen zur Zeit fest in weiblicher Hand; der Nachmittag wird in gemischten Teams moderiert. Das kommt auch bei den Hörerinnen und Hörern gut an.

Ihr zeigt: auch Frauen können Comedy. Habt Ihr Sarah Bossetti durch die Quotenaktion entdeckt?

Sarah Bossetti war vorher schon durch Lesebühnen bekannt. Bei radioeins bekam sie die ersten regelmäßigen Radiokolumnen: "Eintagssiege". Sie ist eine starke feministische Stimme und wir sind total froh darüber. Sie ist eine deutliche Bereicherung auf dem Sender, aber auch für unsere redaktionsinternen Diskussionen.

In den Männerdomänen Fußball und Auto macht radioeins Doppelmoderationen.

Andreas Ulrich hat den Fußball früher alleine moderiert. Jetzt hat er in unserer Bundesligashow "Arena Liga Live" abwechselnd eine Kollegin an seiner Seite: Jessy Wellmer, Mareile Scheidemann oder Kerstin Hermes. Mit ihr haben wir eine absolute Fußballexpertin. Kerstin hat schon vor ihrer Zeit bei radioeins über Europa- und Weltmeisterschaften berichtet. Da begegnen sich zwei auf Augenhöhe.

Patricia Pantel hat immer schon mit dem Autopapst Andreas Keßler die Mobiliätssendung am Sonntag moderiert. Und auch in der Kommentatorenriege haben wir weibliche, und inzwischen auch viele jüngere Stimmen, die das politische Geschehen täglich kommentieren. Und klar, wir achten darauf, mehr Frauen als Gesprächspartnerinnen und Expertinnen für Interviews zu holen. Wir haben seither einen besseren Blick darauf: Gibt es nicht auch eine Frau, die uns was zum Thema sagen kann? Überhaupt ist uns Diversität ein Anliegen.

Wie sieht es hinter den Kulissen aus?

Sehr gut: Die Social Media Chefin ist eine Frau, auch die Wortchefin und die Musikchefin. Nur bei den festangestellten CvDs bin ich von den vieren, die sich regelmäßig abwechseln, die einzige Frau. Bei den Freien und festen Freien haben wir auch viele Frauen. Ein höherer Frauenanteil ist einfach besser fürs Programm. Damit erweitern sich die Perspektiven.

Als Projektleiterin von Genderleicht.de und als Zuhörerin fand ich es immer schon sehr inspirierend, dass die radioeins-Moderatorinnen und -Moderatoren offensichtlich großen Spaß daran haben, mit Sprache zu spielen und so völlig ungezwungen Geschlechtervielfalt benennen.

Ich wollte durchsetzen, dass wir alle das Gendersternchen, also die Lücke sprechen. Andere haben das generische Maskulinum verteidigt. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass das generische Maskulinum für uns kein Standard mehr ist, sondern jeder Moderator, jede Moderatorin soll so sprechen, wie er oder sie sich damit wohlfühlt: Beidnennnung, Lücke oder bei beruflichen Positionen abwechselnd die Geschlechter nennen. Auch wenn mal ein generisches Maskulinum durchrutscht: Wir achten auf Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache.
 

Diane Arapovic, ich danke für das Gespräch!


Traditionell am 8. März, der seit 2019 Feiertag in Berlin ist, sendet radioeins von morgens bis abends den Radioday zum Thema Geschlechtergerechtigkeit. Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie geht es in diesem Jahr um „Mütter: zwischen Ideal und Wirklichkeit“.

Radioeins ist in Berlin und Potsdam auf der Frequenz 95,8 zu hören. Viele Fans weltweit verfolgen das Programm auch über Internet.
 

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Es schlägt 13 für den Watch-Salon

Nach mehr als zwölfeinhalb Jahren schließen wir unsere Pforten. Ehrenamtlich, engagiert, journalistisch und feministisch haben wir für den Journalistinnenbund gebloggt. Zu einer Abschiedsrunde schauen (Ex-)Autorinnen noch einmal auf einen Drink und einen Plausch vorbei, erinnern sich an ihre liebsten Posts und was daraus geworden ist. Immer mittwochs, immer (noch) hier.


Aktuelles Redaktionsteam 2021

Angelika Knop · Luise Loges · Christine Olderdissen · Tina Stadlmayer

Frühere Watch-Salon-Redakteurinnen seit 2008

Ingrid Arnold · Britta Erlemann · Tina Groll · Eva Hehemann · Laura Hennemann · Marlies Hesse · Mareice Kaiser ·  Magdalena Köster  ·  Judith Rauch · Isabel Rohner · Alexandra Ruths · Silke Schneider-Flaig · Waltraud Schwab · Heidrun Wulf-Frick

... und viele Gastautorinnen aus dem jb, unter anderem

Rebecca Beerheide · Inge von Bönninghausen · Sissi Pitzer


Christine Olderdissen ist seit 1998 Mitglied im journalistinnenbund.

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