Montag, 12. März 2018

Bitte weiter so! Presseschau zum Internationalen Frauentag 2018

von Luise Loges, Magdalena Köster und Christine Olderdissen
Bitte nicht nur Blumen zum Weltfrauentag! / Karikatur von Agnes Avagyan CC BY SA 4.0 international


Der 8. März 2018: Ein Jahrhundert nachdem sich Frauen in Deutschland das Wahlrecht erkämpft haben - und immer noch keine Lohngerechtigkeit, keine Gleichbehandlung im Beruf und Privatleben, weder in Deutschland, noch im Rest der Welt. Die Salonistas und jb-Kolleginnen hatten natürlich Augen und Ohren offen, und präsentieren hier Highlights in der Berichterstattung aus Print, TV, Radio und Social Media.

Der Internationale Frauentag: Gibt es was zu feiern?


Heute und im Westen wird mit Blumenbouquets eher Muttertag oder Valentinstag verbunden - in der DDR war das anders.

Salonista Christine Olderdissen erinnert sich:


An einem 8. März irgendwann in den Nachwendejahren sollte ich über den Internationalen Frauentag berichten. Ich fand das bizarr, dass die Männer in der ehemaligen DDR nach wie vor die Blumenläden stürmten, in der hektischen Sorge nur ja nicht den Dank zum Frauentag für ihre Frauen zu vergessen. Ich habe mir für den Dreh dann doch lieber eine politische Aktion gesucht. In irgendeiner Kleinstadt südlich von Berlin gab es ein paar Gewerkschafterinnen, die fahnenschwingend auf die Straße gingen. Wir West-Frauen konnten mit diesem DDR-„Frauentag“ absolut nichts anfangen.

Das ist heute anders, denn es ist der Tag, an dem die Medien einen klaren Fokus haben und das ist auch gut so. Am 8. März haben viele aktuelle Sendungen Rückblicke, Einblicke und Ausblicke auf die Situation von Frauen und Mädchen gebracht. Noch jetzt, Tage danach, finden sich in den Mediatheken von Arte und ARD großartige Dokus mit Frauenthemen. Arte weist auf sein neues feministisches Magazin Kreatur hin.

Die ZDF-Mediathek geht einen Schritt weiter und bietet die Rubrik „Filme von Regisseurinnen“ und „Starke Frauen der Geschichte“. Die bleiben hoffentlich noch eine Weile drin, denn wer kann schon den ganzen Tag fernsehen. Am Frauentag selbst sah ich im Mittagsmagazin vom ZDF ein Interview mit Anke Domscheit-Berg, wie immer mit klugen Antworten. Damit hatte sie dann wohl auch eine ganz neue Zielgruppe erreicht:


Abends in der 3Sat-Kulturzeit fragte Moderatorin Vivian Perkovic zum Ausklang: "Haben Sie es gemerkt, es ging bei uns heute sehr viel um Frauen". Und dann versprach sie, dass sich die Redaktion künftig mehr darum bemühen wolle, die kulturellen Leistungen von Frauen in ihrer Berichterstattung zu würdigen. Es ist aber auch an der Zeit.

Auch im Radio gab es einiges zu hören - zumindest in Berlin:
Vor fünf Jahren hatte radioeins vom rbb den Überhammer gebracht: eine ganze Woche lang wurde das Radioprogramm mit einer 100 Prozent Frauenquote gestaltet. Das war Radio mit Wow-Effekt – und Langzeitwirkung. In meiner Wahrnehmung kommen heute da mehr Frauen zu Wort. Die wichtige Kommentarstrecke am Morgen ist jedenfalls pari-pari besetzt.

Zurück zum Frauentag 2018. Den ganzen Tag lang wurde auf radioeins Musik von Frauen gespielt, was sonst viel zu wenig passiert, weil es eine Regel gibt, wie Musikchefin Anja Caspari eingesteht: Normalerweise dürfen nicht zwei Titel hintereinander mit dem Gesang von Frauen gebracht werden.

Außerdem im Ohr geblieben ist mir die Tagesumfrage zum Thema Alltagssexismus: „Was“, fragte radioeins seine Zuhörerinnen, "wollt Ihr künftig nicht mehr hören?“. Zwei Radiojournalistinnen berichteten aus ihrer Zeit als Berufsanfängerinnen. Die eine erinnerte sich an ungebetene Nackenmassagen durch ihren Chef in der morgendlichen Redaktionskonferenz. Die andere hatte eine Begegnung mit ihrem Vorgesetzten im Bademantel in Harvey-Weinstein-Manie. Nach Protesten von mehreren Kolleginnen musste der Redaktionsleiter gehen. Aber, bittere Note, ergänzte sie, er ist Journalist geblieben und hat sich eifrig an der #MeToo-Berichterstattung beteiligt.

In Print- und Onlinemedien wurde natürlich auch Einiges zum Frauentag geschrieben.

Magdalena Köster hat diese Perlen entdeckt:


Vor einem Jahr wurde in New York die Statue des "Fearless Girl" eingeweiht. Zum ersten Geburtstag bekam die kleine Heldin ein Cape aus Blumen:



Auch diese Vorkämpferinnen wurden zum Weltfrauentag mit Blumen bedacht - immerhin:


Späte Einsicht bei der New York Times: Die Zeitung fügt ihrer Nachruf-Datenbank die Lebensgeschichten 15 bemerkenswerter Frauen hinzu. 15 Frauen, die von der NYT bisher nicht gewürdigt wurden, nicht zu Lebzeiten und nicht nach ihrem Tod. Das holt die Zeitung am 8. März 2018 nach, u.a. mit Sylvia Plath, Ida B. Wells, Diane Arbus, Madhubala und Ada Lovelace. Und das Gute: LeserInnen werden aufgefordert, weitere Namen zu nennen, um die Leistung ganz unterschiedlicher Frauen weiterhin regelmäßig zu würdigen.

Und apropos Ostdeutschland - daran, wann Ehemänner Blumen schenken, wird es nicht liegen, aber etwas mehr Gleichberechtigung gibt es in den neuen Bundesländern schon immer noch: "Im Osten Deutschlands ist Erwerbstätigkeit von Frauen höher, Gender Pay Gap geringer und Kinderlosigkeit niedriger"



Aus Wirtschaft und Gesellschaft: Vorwärts, ihr Frauen!


Ansonsten fällt der Blick in die Wirtschaft eher traurig aus: Frauen sind weiterhin massiv unterrepräsentiert:

Warum bloß? Sobald der Frauenanteil in einer Firma steigt, steigt auch die Rendite. 
Wir brauchen einen viel tiefer gehenden Kulturwandel in deutschen Unternehmen, um dort mehr Frauen und ihre Art zu führen durchzusetzen, meint die Organisationswissenschaftlerin Philine Erfurt Sandhu in einem Gastbeitrag für die "ZEIT". Bemerkenswert auch wieder einmal das vielstimmige mimimi der Männer bei den Kommentaren zum Text.

Henrike Rossbach erinnert im Wirtschaftsteil der "Süddeutschen Zeitung" an "60 Jahre Ehegattensplitting":
[...] davon profitiert kein Modell so sehr wie die Alleinverdienerehe. Sobald der Partner mitverdient, schmilzt der Steuervorteil. Wenn beide gleich viel verdienen, ist er dahin. "Die Anreize für Frauen zu arbeiten sind dadurch gering", sagt Katharina Wrohlich, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Grünen-Abgeordnete Lisa Paus nennt das Ehegattensplittung gar "Sinnbild für eine rückwärtsgewandte Gesellschaftspolitik".

Quelle: AFP, via Süddeutsche Zeitung
Woanders wird schon am Wandel gearbeitet: In Spanien sind am 8. März mehr als 300 Fernzüge ausgefallen. Die Gewerkschaften hatten zu einer Arbeitsniederlegung aufgerufen, um die Gleichstellung von Frauen und Männern vor allem bei der Entlohnung zu unterstützen. Das öffentliche Chaos war entsprechend groß.

Auch in der "SZ": Berit Uhlmann macht auf der Wissenschafts-Seite darauf aufmerksam, dass die Weltgesundheit in den Händen von Männern ruht:
Die Initiative Gobal Health 50/50 am Centre for Gender and Global Health des University College London berichtet, dass 70% der einflussreichen Gesundheitsorganisationen von Männern geführt werden. Und das, obwohl zwei Drittel der Angestellten in diesem Sektor Frauen sind. In 140 internationalen Organisationen stellte sich heraus ... dass Frauen genau dort unterrepräsentiert sind, wo über die strategische Ausrichtung der Programme und die Verteilung der Ressourcen  entschieden wird.

Carolin Kebekus, Komikerin und Schauspielerin, schreibt in der "Außenansicht":
In Afrika kämpfen Mädchen und Frauen mit Problemen, die Männer oft nicht einmal wahrnehmen [...] Nach Angaben der Unesco gibt es dort zur Zeit 700 Millionen Frauen, die als Kinder verheiratet wurden [...] die sehr früh viele Kinder bekommen und keine Bildung [...] wenn sich der Trend fortsetzt, wird ihre Zahl in etwa 15 Jahren auf knapp eine Milliarde steigen [...] aus Geldmangel schicken die Eltern eher die Jungen in die Schule [...] eine andere Hürde für Mädchen liegt in der Angst vor Gewalt, sowohl in der Schule wie auf dem Weg dorthin [...] Dennoch zahlt Deutschland mit 27 Millionen Euro für die Jahre 2018 bis 2020 wesentlich weniger in die globale Bildungspartnerschaft ein als etwa Frankreich und Großbritannien [...] Wenn die Bundesregierung das Thema ernst nimmt, dann muss sie auf jeden Fall noch nachlegen.

Die KorrespondentInnen der "Neuen Züricher Zeitung" berichten am 8. März, wie sich die #metoo Bewegung in Japan, der arabischen Welt, in Indien, Russland, Australien, Südamerika und China auswirkt.

Der "Freitag" erscheint mit einer Fülle von Beiträgen zum Weltfrauentag und einem witzigen Cover, der Anziehpuppe für verschiedene Rollenmodelle. Chefredakteurin Simone Schmollack macht in ihrem Einführungstext noch mal klar, dass Frauen es sowieso nie jemanden recht machen und sich ihre Persönlichkeit daher am besten selbst stricken. Heft Nr. 10/2018 gibt es noch die ganze Woche am Kiosk oder über den Verlag.

Zum Abschluss: No more Bullshit please!


Wo Highlights sind, da sind natürlich immer auch Lowlights:

Quelle: Kurier.at
"Never mind Brexit, who won Legs-it?", dämliche Wortspiele wie dieses, das sich den Beinen der führenden britischen und schottischen Politikerinnen widmet, sollen endlich auf den Müllhaufen der Geschichte. Die Bullshit-Initiative diskutierte dazu das Thema "Journalismus und Sexismus" in Wien.


Frauen auf ihr Aussehen reduzieren und die Verantwortung für sexualisierte Gewalt beim potenziellen Opfer suchen: Gibt es einen Fehltritt, der an diesem Weltfrauentag noch nicht bedient wurde? Ach ja: Frauen mit Rabatten auf Botox-Behandlungen, Süßigkeiten und Putzmittel daran erinnern, dass ihre Ungleichbehandlung immer noch einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren ist. Empörend! Link entdeckt von jb-Kollegin Anke Ernst.


In den Kommentaren freuen wir uns über weitere Tipps, Links und Meinungen.


2 Kommentare

  1. Glücklicherweise können wir ja gemeinsam mit den Männern lachen, auch wenn WIR nur einen Tag im Jahr unser eigen nennen dürfen. Hier ist etwas Lustiges aus dem Jahre 2015 zum Weltmännertag, kredenzt von extra 3, leider immer noch aktuell. Passt auch super zum nahenden Equal Pay Day :–(
    https://www.youtube.com/watch?v=c3b1-HfMuGA

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  2. Perspektivwechsel zum Frauentag beim rbb

    „Berlinerinnen, Lehrerinnen und Vormundinnen*
    -
    Das haben wir aus dem Perspektivwechsel am Frauentag gelernt
    *
    09.03.18 | 19:57 Uhr
    Berlinerinnen statt Berliner, Polizistinnen statt Polizisten - am Frauentag haben wir die männliche Dominanz bei der Beschreibung von Gruppen mal umgedreht - und einiges dabei gelernt.“

    https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2018/03/frauentag-fazit-perspektivwechsel.html

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