zusammengestellt von Magdalena Köster
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Nach acht Monaten Sommer endlich mal wieder in Büchern versinken. / Foto: Joao Silas unsplash |
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Foto: Verlagscover |
Nachdem ich "Stilleben" von Antonia Baum gelesen hatte, brauchte ich erstmal eine Massage. Ich hatte eine Nackenverspannung vom vielen Kopfnicken. Baum beschreibt das Leben als junge Mutter, wie man Mutterschaft und ein eigenes Leben verbindet und warum es Mütter eigentlich niemandem recht machen können. Oft nicht mal sich selbst. "Stilleben" ist ein wichtiger Beitrag im öffentlichen Diskurs um Mutterschaft – schonungslos ehrlich und oft mit poetischem Blick. Ein Ton, der mich sehr beeindruckt hat und ein Buch, das mich inspiriert hat zu meinem Essay "Das Unwohlsein der modernen Mutter".
Mein Wunsch für 2019: Mehr Texte über Mutterschaft. Mehr Stimmen, mehr Perspektiven, mehr Empörung, mehr Visionen, mehr Mut. (mck)
Antonia Baum, "Stillleben", Piper Verlag, 2018, 224 Seiten
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Es gibt noch einiges zu tun. Zu viel Bereitschaft zur Anpassung überall. / Foto: Eva Hehemann |
Tuba Sarica, von BILD als Zoff-Bloggerin tituliert, hat ein streitbares Buch über die deutschtürkische Community geschrieben, der sie selbst entstammt und die sie sehr bewusst und rebellisch hinter sich gelassen hat. Es ist eine an manchen Stellen schmerzhaft zu lesende Abrechnung auch mit der eigenen Mutter geworden, die nach dem frühen Tod des Vaters ihre beiden Töchter alleine großgezogen und mit ihrer Arbeit erhalten hat. Um in ihrer großen Familie geborgen zu bleiben und Anerkennung zu finden, passt sie sich den Regeln einer verdeckt agierenden Parallelgesellschaft an und unterwirft sich und ihre Töchter deren rückständigen muslimischen Geschlechterrollen. Kompromisslos deckt Tuba Sarica auf, wie scheinheilig streng religiöse Deutschtürken ihren Einfluss in den Gemeinden nutzen, um die Jugendlichen daran zu hindern, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und ihre individuellen Vorstellungen und Ziele zu verfolgen. Wie die jungen Menschen in den Netzen der deutschtürkischen Gemeinden eingesponnen und vor allem die Mädchen daran gehindert werden, sich zu selbstbestimmten Erwachsenen zu entwickeln, sollte all jene interessieren, die sich für mehr Toleranz im Umgang mit unseren türkischstämmigen Mitbürgern einsetzen. Tuba Sarica jedenfalls wünscht sich von den Deutschen mehr Unterstützung für all die kritischen Muslime, die in der deutschen Gesellschaft ihren Platz finden und sich aus den altmodischen, patriarchalisch geprägten Welten der islamischen Communities befreien wollen. Ihre schonungslose Analyse der Probleme kann Grundlage für eine Begegnung auf Augenhöhe sein. (eh)
Tuba Sarica „Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz – die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“, Heyne Verlag, 2018, 224 Seiten
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Sandra Konrad / Foto: Kirsten Nijhof |
In vielen Gesprächen, die Sandra Konrad vor allem mit jüngeren Frauen geführt hat, offenbaren sich die Schranken im Denken, die meist völlig unbewusst dafür sorgen, dass Frau meint, selbst zu wollen, was eigentlich Mann will. Wie sehr Frauen in ihrem Wunsch zu gefallen, auch heute noch in überkommenen Verhaltensmustern und Wunschvorstellungen verharren, wird hier – so manches Mal auf erschreckende Weise – offenbar.
Der männliche Blick scheint immer noch wichtiger zu sein als der weibliche Wille. Vielen von uns gelingt es oftmals nicht, die eigenen Grenzen zu erkennen und uns daran zu halten.
Wenn wir Frauen uns gegen aktuelle, gesellschaftspolitische Tendenzen wehren wollen, die uns zu den Geschlechterrollen der 50er Jahre zurückführen, sollten wir wissen, wie dick das Brett vor dem eigenen Kopf immer noch ist. Deshalb ist diese kenntnisreiche Streitschrift eine sehr empfehlenswerte Lektüre. (eh)
Sandra Konrad, „Das beherrschte Geschlecht – warum sie will was er will“,
Piper Verlag, 2017, 384 Seiten
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Meinungsstark: Dunja Hayali schreibt über ihren Kampf gegen den Hass. / Foto: Luise Loges |
Wie wurde die "Heimat" zum Kampfbegriff? Warum braucht Heimat einen Minister und wie definiert sich eigentlich, was Heimat ist? Dunja Hayali, ZDF-Moderatorin und häufige Zielscheibe für rechte Hetze, hat darüber ein sehr persönliches und gleichzeitig sehr politisches Buch geschrieben. Für sie bedeutet Heimat vor allem Datteln in Nordrheinwestfalen, ihr Geburtsort, auch wenn ihre Eltern aus Mossul kamen. Dass eine Frau mit arabischen Wurzeln im deutschen Fernsehen ihre Meinung sagt und ihr Gesicht zeigt, passt manchen Menschen in diesem Land nicht. Sie lassen ihrem Hass seit Jahren in Briefen, Postkarten, in sozialen - oder (a)sozialen, wie die Autorin schreibt - Medien und in einschlägigen Kommentarspalten freien Lauf. Doch Hayali lässt sich davon nicht unterkriegen.
Sie beantwortet Hasskommentare, stellt sich, bietet Dialog, wo andere nur ein Ventil für eine unbestimmte Wut suchen. Eine Wut, wohl oft genährt aus Furcht vor dem Fremden, den so häufig beschworenen "Flüchtlingsströmen", dem Verlust der eigenen Heimat. Dabei ist Migration nicht zwangsweise ein Grund zur Sorge - weltweit ist dieses menschliche Phänomen stets eine treibende Kraft der Geschichte gewesen. Auch Deutschland verdankt Migrant*innen viel.
Darüber, aber auch über ihren eigenen Kampf gegen den Hass, schreibt Hayali, mal in Ruhrpott-typischer Trockenheit, mal voller Leidenschaft und stets mit der Überzeugung, dass ein besseres Zusammenleben in Deutschland möglich ist. Ein schönes politisches Buch für Menschen, die in dunklen Tagen einen Hoffnungsschimmer brauchen. (log)
Dunja Hayali: "Haymatland", Ullstein Verlag, 2018, 160 Seiten
Gibt es auch als Hörbuch
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Verlagscover |
„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen.“ Sein Text "Ganz am Ende" wurde 2016 als Beste Wissensreportage beim Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet.
Das Buch ist eine Fortführung dieses furiosen Textes, mit dem er zeigt, wie wenig wir über unser Sterben wissen.
Es geht um die körperlichen Veränderungen beim Sterben, aber auch um die zwischenmenschlichen. So beschreibt er, wie der Umgang mit Sterbenden aussehen könnte. "Oberste Regel für deine Freunde und Angehörigen: Trost rein, Klagen raus."
Roland Schulz schreibt über die großen Fragen des Lebens, die zwangsläufig mit dem Tod verwoben sind. Die Antworten gibt er detailliert und sanft – und genau darin liegt die Stärke dieses Buchs. (mck)
Roland Schulz "So sterben wir – Unser Ende und was wir darüber wissen sollten",
Piper Verlag 2018, 240 Seiten
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Letzte Woche haben wir fünf Bücher aus der Belletristik vorgestellt.
"Das Jahr der Töchter- Mütter und Familiendramen"
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