Montag, 21. September 2015

Überall nur Männer - Werner Herzogs Blick auf Gertrude Bell


Gertrude Bell (1868-1926), britische Archäologin, Spionin und Abenteurerin hat als erste westliche Frau allein die syrische Wüste durchquert und wird gerne der "weibliche Lawrence von Arabien" genannt - obwohl ihr Einfluss auf die arabische Welt weitaus nachhaltiger war als der ihres 20 Jahre jüngeren Landsmannes Thomas Edward Lawrence. Ihr Lineal war es, das die heutigen Grenzen des Iraks, Syriens, Saudi-Arabiens und Jordaniens in den Sand der arabischen Wüste zog.

Über fünfzig Jahre nach Lawrence wurde nun endlich auch der Bell ein Film gewidmet: Werner Herzogs neuestes Werk „Queen of the Desert“, das bei der letzten Berlinale Premiere hatte. Oh, was hätte man nicht alles aus diesem Stoff machen können! Dem Macher von „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“ die Geschichte einer ebenso einflussreichen wie ungewöhnlichen Persönlichkeit in die Hände zu geben, die zu ihrer Zeit von vielen für verrückt erklärt wurde und bis heute zu Recht umstritten ist, hätte ein wahres Epos werden können.


Selbstporträt Gertrude Bells 1909 in Babylon. (Public Domain)
Geworden ist daraus eine wunderschön fotografierte, den Kolonialismus romantisierende und auch sonst weitestgehend ahistorische Hollywoodschnulze, die ihrer Hauptperson nicht annähernd gerecht wird, sondern sie auf Liebesgeschichten und Wüstenromantik reduziert. Immerhin: Knapp zweieinhalb Stunden vergehen sehr kurzweilig, während man einer wahrhaft königlichen Nicole Kidman beim Teetrinken mit allerlei Scheichs, Emiren, Archäologen und Kolonialisten zuschaut.

Überhaupt bestimmen Männer Herzogs Vision von Bells Leben. Schon ihre erste Reise in den Orient interpretiert Herzog als Flucht der blitzgescheiten "Gerty" vor den ihr zu kleingeistigen britischen Verehrern.
Bells Beinahe-Heirat mit Henry Cadogan, britischer Botschaftsmitarbeiter in Teheran, wird zum ersten, eher unfreiwillig komischen Wendepunkt der Geschichte. Dackeläugig und unbeschwert von jeglichem schauspielerischen Können mimt James Franco den kurzerhand zu Bells großer Liebe erklärten Cadogan.  
Nach seinem Tod – Herzog deutet Selbstmord an, in Wahrheit starb Cadogan an einer Lungenentzündung, nachdem er bei einem Ausritt in einen Fluss gestürzt war – lenkt sich die Hinterbliebene mit dem Studium des Orients von ihrem gebrochenen Herzen ab.   

Was dann folgt, schaut sich wie ein Reisebericht. Mit drei Beduinen und doppelt so vielen Dromedaren durchreitet Gerty die Wüste, macht Fotos, schreibt Tagebuch und wird oft zum Tee eingeladen – manchmal auch mit vorgehaltenem Gewehr. Politische Verwicklungen werden maximal am Rande angedeutet. Im Angesicht einer alterslosen Kidman im stets fleckenfreien wallenden Gewand mit passendem Kopftuch, schnurren zwei Jahrzehnte kolonialer Unterdrückung und innerer Konflikte im Vorfeld des Großen Krieges auf eine Instagram-Fotoserie mit Karl-May-Appeal zusammen. 

Wenigstens schafft es Herzog, seinen Orient mit allerlei schrägen Typen zu bevölkern. Robert Pattinson als T. E. Lawrence ist ein wahrer Lichtblick des Films, sowohl zu Beginn seiner Karriere als nörgelnder Archäologe* wie später als Lawrence von Arabien, der im Dienste des britischen Empires auch schon mal ein paar Löwenbabys durchs Bild trägt. Frauen sprechen selten in diesem Film. Dabei war es gerade ihr Zugang zu den Ehefrauen der Scheichs, der Bell im Weltkrieg zu einer so wertvollen Spionin für die Briten machte.
Der Film endet, wie er begann - mit einer Liebesgeschichte. Charles Doughty-Wylie (routiniert in der Rolle des Berufssoldaten: Damian Lewis), britischer Generalkonsul in Damaskus, schreibt der Abenteurerin Liebesbriefe in die Wüste. Die Affäre bleibt unausgelebt, da Gertrude die Avancen des verheirateten Mannes zunächst ablehnt und dieser dann 1915 in der Schlacht von Gallipoli fällt. Ominös wird auch hier ein Selbstmord impliziert.

Gertrude Bell hat als eine der ersten Frauen einen Abschluss in Oxford mit höchsten Ehren gemacht, sie hat die syrische Wüste kartiert, die Gedichte des persischen Poeten Hafiz ins Englische übersetzt, die Grenzen des heutigen Irak mitentworfen und das archäologische Museum von Bagdad gegründet. Bis heute wird sie im Vorderen Orient bewundert, aber wegen ihrer Verwicklungen in die britische Kolonialpolitik auch kritisch gesehen. Zeit ihres Lebens einsam, und unglücklich mit ihrem Status als "alte Jungfer", starb sie 1926 in Bagdad an einer Überdosis Schlaftabletten. Anders als bei ihren verschiedenen Liebhabern, ist in ihrem Fall ein Selbstmord nicht unwahrscheinlich. Einem solchen Leben gerecht zu werden, kann wohl kein Film schaffen. Aber man hätte es auch nicht gleich auf ein paar halbgare Liebesgeschichten einkochen müssen!


*Fußnote: Dass sein Wirkungsbereich aus nicht näher geklärten Gründen von Karkemisch in Anatolien nach Petra in Jordanien verlegt wurde, wird nur die Altorientalist*innen unter uns stören.
 

Kommentare:

Magdalena Köster hat gesagt…

Ich habe noch in meinen Unterlagen zu unserer vor Jahren herausgebenen Anthologie "Die Reisen der Frauen" eine nette Einschätzung Gertrude Bells durch die großartige Vita Sackville-West gefunden, die Bell 1926 in ihrem Haus in Bagdad besuchte.
"Ihr Leben war so beseelt, so vital, in jedem Detail so von Energie durchdrungen, dass es auf alle anderen Menschen einfach Eindruck machen musste."
Hätte sich Werner Herzog nicht ein bisschen an diese Charakterisierung halten können?

Silja von Rauchhaupt hat gesagt…

Danke für die gut geschriebene Rezension! Im Kino habe ich nur den Trailer gesehen und sofort beschlossen, diese kitschige Geschichte nicht sehen zu wollen. Sogar in der kurzen Zeit kam die unfreiwillige Komik heraus, es war irgendwie auch ein wenig peinlich. Es ist schon staunenswert, wie aus einer auch politisch so interessanten Frauengestalt eine Boticelli-Figur samt goldenen Locken im Wüstenwind werden kann...war hier wohl eine der ältesten Männerphantasien die Leitidee oder wollte man das weibliche Pilcher-Publikum für sich gewinnen? Ich kann mich der Rezension nur anschließen und sagen: Schade!

Marion Trutter hat gesagt…

Da hat Werner Herzog wirklich völlig daneben gegriffen: Thema verfehlt (was hätte man aus der Lebensgeschichte von Gertrude Bell machen können!!), Hauptrollen grandios fehlbesetzt (der Gipfel: Nicole Kidman als geradezu leblose Puppe, ein Fremd-Körper in der Wüste...). Nur die Landschaftsbilder haben mich begeistert, auch wenn sie extrem inszeniert wirken. Das kann er halt, der Herzog.