Donnerstag, 3. März 2016

Filmkritik: Das Tagebuch der Anne Frank

Abgeführt: Anne Frank (Lea van Acken) tritt aus dem Hinterhaus ins Tageslicht, zurück bleibt das Tagebuch.  Foto: UPI Media

Mit 13 beginnt Anne Frank Tagebuch zu schreiben. Mit 15 stirbt sie an Kälte, Hunger und Krankheit im KZ Bergen-Belsen. Dazwischen liegen 25 Monate Leben im Versteck bis zur Entdeckung, sowie knapp acht Monate Deportation und Lager. So grausam die Fakten, so bekannt die Geschichte - aus Buch, Theater und Film. Nun kommt ein weiterer Spielfilm hinzu, erstmals ein deutscher. Regisseur Hans Steinbichler berichtet, seine Kollegin Caroline Link habe zu ihm gesagt, "diese Anne-Frank-Geschichte sei doch schon erzählt, man müsse einen neuen Aspekt finden." Also hat er einen Film gemacht über ein Mädchen, dem "ein ganz normales Leben gestohlen" wurde.

Anne als Kind im Urlaub in der Schweiz, in Amsterdam auf dem Heimweg von der Schule, beim Geburtstag und beim Baden am Strand. Die ZuschauerInnen erleben sie nicht nur im Versteck sondern auch in ihrem Alltag davor. Szenen wechseln mit Tagebucheinträgen. Manchmal sieht sie dabei in die Kamera, als blicke sie in die Augen ihrer imaginären Freundin Kitty, an die sie ihre Worte richtet. Kamerafrau Bella Halben lässt Anne dem Publikum auf Augenhöhe begegnen. Aus dem Schreiben wird ein Sprechen, Anne kommentiert aus dem Off. Einer der ersten Einträge lautet:
"Ich denke, dass sich später keiner - weder ich noch ein anderer - für die Herzensergüsse eines 13jährigen Schulmädchens interessieren wird."
Und schon dieser einfache Gedanke, ein Irrtum, wie wir heute wissen, wäre eine Einladung zum gemeinsamen Kinobesuch und zur Diskussion zwischen Oma, Mutter, Tochter, Enkelin: Was an diesen "Herzensergüssen" spricht heute noch 13-jährige Mädchen an, die vielleicht ihre Outfits oder ihr Essen auf Instagram posten und über ihr Leben bloggen? Denn neben einer Lehrstunde in Geschichte, Menschlichkeit und Toleranz ist der Film ja auch ein klassisches Pubertätsdrama. Wo Teenager und Erwachsene unter einem Dach leben, mag man sich gar nicht vorstellen, wie dies auf engstem Raum, Tag und Nacht, ohne Ausweichen und unter ständiger Angst funktionieren sollte.

Schwierige Heldinnen


Anne ist klug, aufmerksam, selbstkritisch und rebellisch, aber manchmal eben auch altersgerecht verwirrt, launisch, hart im Urteil über andere. Sie idealisiert den Vater, lehnt die Mutter ab. Und sie verliebt sich in einen Jungen, den sie unter anderen Umständen vermutlich nicht beachtet hätte und anfangs nicht besonders mag.

Solche Storys verschlingen Jugendliche noch heute - siehe Katniss Everdeen in den Büchern und Filmen von "Die Tribute von Panem", ebenfalls ein Mädchen in einer Diktatur, nur mit Pfeil und Bogen. Anne Franks Tagebuch kann genauso fesseln, weil es eben diese Mischung aus Zeitgeschichte und intimen Details ist - so wirklich neue Aspekte braucht es da eigentlich nicht. Die Themen Verfolgung, Versteck und der Hass auf Minderheiten sind ja ohnehin gerade wieder traurige Aktualität. Auch deshalb kann man zweigeteilter Meinung darüber sein, ob Anne wirklich noch über den Transport ins KZ weiter aus dem Off berichten sollte - obwohl sie ihr Tagebuch schon zurückgelassen hat. Die Fakten sind sicher gut recherchiert, der Wortlaut ihrem Stil nachempfunden, aber eben doch erfunden.

Doch das sind kleine Irritationen. Der Film berührt - auch wegen der großartigen Hauptdarstellerin Lea van Acken. Die Maske hätte sie nach Monaten im Hinterhaus allerdings ab und zu ein bisschen weniger rosig, makellos und gefällig aussehen lassen können - insbesondere neben der bebrillten Schwester mit Aknehaut. Dann würde sich gar nicht erst der Gedanke einschleichen, ob Schönheit hier die Sympathie verstärken soll. Denn das hat weder die reale Figur noch die Schauspielerin nötig. Auch das übrige Ensemble (Martina Gedeck, Ulrich Noethen), sowie Ausstattung und Kameraführung machen den Film sehenswert.

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Das Tagebuch der Anne Frank
Kinostart 3. März 2016
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
SchauspielerInnen: Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat u.a.

Weitere Filme über starke Mädchen: Mustang

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