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Mittwoch, 7. April 2021

Abschiedspost #9: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

von unserer ehemaligen Autorin Isabel Rohner 

Blick zurück: Blogpost von Isabel Rohner zum Sexismus / Foto: Isabel Rohner

Unsere Gesellschaft verändert sich rasant, ist überall zu hören. Digitalisierung, Technisierung, Individualisierung ... Eines scheint dann doch erstaunlich konstant zu bleiben: Das sexistische Frauenbild in der Werbung. Das Foto, das Anlass für meinen Kommentar im Oktober 2008 war, es könnte genauso gut heute entstanden sein. Hier hat sich in den vergangenen 12 Jahren nichts, aber auch gar nichts verändert. 

Mittwoch, 31. März 2021

Abschiedspost #8: Lasst das Licht an - wünschen sich Nicola Sturgeon und der Watch-Salon

von Tina Stadlmayer

Screenshot des Blogposts im Watch-Salon
Blick zurück: Blogpost von Tina Stadlmayer über Nicola Sturgeon

"Völlig absurd, du spinnst wohl" hätte ich 2015 allen entgegnet, die einen Austritt Großbritanniens aus der EU für möglich gehalten hätten. Aber das war damals auch kein Thema. 2015 beschrieb ich in meinem Artikel "Nicola Sturgeon: Gute Königin oder gefährlichste Frau Britanniens?" wie die britischen Zeitungen die schottische Ministerpräsidentin hochjubelten, nachdem sie sich jahrelang über sie lustig gemacht hatten. Ein halbes Jahr vor dem Erscheinen meines Artikels hatten die Schott*innen bei einem Referendum knapp gegen die Unabhängigkeit von Großbritannien gestimmt. 

Mittwoch, 24. März 2021

Abschiedspost #7: "Da sollten wir dringend was drüber schreiben"

von unserer ehemaligen Autorin Magdalena Köster 

Blick zurück: Blogpost von Magdalena Köster zum Internationalen Frauentag 2017 
Foto: ©Stephan Bachenheimer/World Bank SB-NP03 CC BY-NC-ND 2.0

Wir schließen den Watch-Salon, aber verschließen ihn nicht. Jede/r kann sich weiterhin bei uns durchklicken. Und echt, ich war wirklich positiv überrascht, über was unsere Journalistinnen-Runde in all den Jahren berichtet hat. So viele Beiträge zur Medienszene, zum Equal Pay Day, zur Politik. So viele Porträts (von Elizabeth Warren bis Marina Weisband), so viele Film- und Buchbesprechungen. Und all die gesellschaftlichen Themen, oft weiterhin aktuell und nicht gelöst. 

Mittwoch, 17. März 2021

Abschiedspost #6: Allein nach Libyen, gemeinsam für Frauenrechte

von unserer ehemaligen Autorin Silke Schneider-Flaig 

Blick zurück: Fotodokument einer Libyenreise im Watch-Salon veröffentlicht / Foto: Silke Schneider-Flaig

Schon als Jugendliche nahm ich mir vor, dass ich irgendwann nach Libyen gehe. „Auf jeden Fall, bevor ich 40 bin“, sagte ich mir. Hintergrund war der Anschlag auf die Disko La Belle in Berlin, in der ich kurz zuvor war. Ab da interessierte ich mich plötzlich für Politik. Statt „Hanni und Nanni“ las ich Günther Wallraffs „Der Aufmacher“ über die Methoden der Bildzeitung und „Das grüne Buch“ von Muammar Al Quaddafi mit seiner dritten Universaltheorie. 

Mittwoch, 10. März 2021

Abschiedspost #5: Gleichwertige Arbeit, gleiche Rechte, gleiches Gehalt

von Angelika Knop

Blick zurück: Noch lange nicht ausgelutscht ist das Thema Equal Pay / Foto: Angelika Knop

Der Equal Pay Day, der heute begangen wird, ist in Deutschland so alt wie unser Blog. Entsprechend oft habe ich darüber berichtet. Natürlich auch, weil es gerade in Medienbetrieben häufig undurchsichtige Gehaltsstrukturen gibt. Und weil es eine Journalistin ist, die in dieser Sache bis vor das Bundesverfassungsgericht gezogen ist. Die Klage der ZDF-Redakteurin Birte Meier ist jedoch noch nicht entschieden. Insgesamt hat sich in der Rückschau zwar viel getan in 13 Jahren, aber wenig verbessert. Abgesehen davon, dass zumindest das Thema so langsam in den Köpfen der Menschen präsent wurde auch derer, die Politik machen. Trotzdem ist und war das Entgelttransparenzgesetz, das seit 2018 gilt, seinen Namen nicht wert. Doch in diesem Jahr zeigt sich ein Silberstreifen am Horizont. 

Mittwoch, 3. März 2021

Abschiedspost #4: Alle redeten davon, radioeins tat es: Hundert Prozent Frauen am Mikrofon

von Christine Olderdissen

Blick zurück: Wenn dann richtig Frauen, Frauen, Frauen bei radioeins / Foto: Screenshot rbb

Für meinen Blick zurück habe ich einen meiner ersten Blogposts für den Watch-Salon ausgewählt. Ziemlich genau vor acht Jahren kommentierte ich begeistert die fulminante Aktion von radioeins: 100 Prozent Quote - und manN hört zu. In der Woche vor dem Internationalen Frauentag am 8. März 2013 waren in dem rbb-Sender ausschließlich Frauen als Radiomacherinnen zu hören – und Frauenstimmen in allen Musikstücken. Im Watch-Salon stellte ich damals die Frage:

„Was bleibt nach der 100-Prozent-Aktion hängen? Werden mehr Frauen prominente Moderationsplätze erhalten? Werden bald mehr Frauen in den Führungsetagen des rbb und in anderen Sendern die Strippen ziehen?“

Mittwoch, 24. Februar 2021

Abschiedspost #3: Was, schon sieben Jahre? Ein Rückblick

von Luise Loges

Screenshot des Blogposts im Watch-Salon
Blick zurück: Düzen Tekkal - Interview von Luise Loges im Watch-Salon / Portrait: Markus Tedeskino

2014 wurde Düzen Tekkal Augenzeugin des Genozids an ihrem eigenen Volk, der Religionsgemeinschaft der Jesiden. Die deutsche Journalistin reagierte instinktiv auf das Leid, das sie sah, obwohl sie keinerlei Krisentraining hatte: sie interviewte, dokumentierte, berichtete. 2016 wurde ihre Dokumentation "Hawar - meine Reise in den Genozid" veröffentlicht und im Couragepreis für aktuelle Berichterstattung des Journalistinnenbundes lobend erwähnt. Ich wusste sofort, dass ich diese spannende Frau für den Watch-Salon interviewen und ihre Erfahrungen hören wollte.

Mittwoch, 17. Februar 2021

Abschiedspost #2: Was die jungen Journalistinnen gegenwärtig bewegt

von unserer ehemaligen Autorin Marlies Hesse 

Blick zurück: Blogpost von Marlies Hesse zu prämierten Nachwuchsjournalistinnen
Foto: Eva Hehemann

Wie jede Generation vor ihnen vertreten auch die jungen Journalist*innen heute ihre eigenen Werte, Wahrnehmungen und Lebensstile und kombinieren sie in ihren Beiträgen mit traditionellen und neuen Befunden und Erkenntnissen. Ihre Einsendungen zum Marlies-Hesse-Nachwuchspreis spiegeln jährlich ein breites Themenspektrum wider. Eine intensive Beschäftigung mit dem, was sie in ihrer gendersensiblen Berichterstattung bewegt, erweist sich immer wieder als überaus lohnend. 

Mittwoch, 10. Februar 2021

Abschiedspost #1: Von Herzblut und Herzstücken

von unserer ehemaligen Autorin Heidrun Wulf-Frick

Blick zurück: Blogpost von Heidrun Wulf-Frick über Marlies Hesse / Foto: Heidrun Wulf-Frick

„Nicht rückfällig werden“ – das hat sich Marlies Hesse beim Abschied selbst versprochen. Und sie hat ihr Versprechen gehalten. Nun ist sie seit zehn Jahren nicht mehr als „Geschäftsführerin unseres Herzens“ (Zitat Eva Kohlrusch, damalige jb-Vorsitzende) tätig, aber eine ganz Große und Größe im jb geblieben. Damals durfte ich für den Watch-Salon über ihren Abschied  schreiben.

Donnerstag, 25. September 2008

Männer und ihre Gefühle

VON BRITTA ERLEMANN

Wenn Männer doch reden könnten...

So hieß ein Beitrag eines Mannes über den mangelhaften Kontakt vieler Männer zu ihren Gefühlen gestern Abend in frautv (WDR, 22 Uhr). Folge laut Autor, beziehungsweise Männerexperte Björn Süfke: Vereinsamung, psychosomatische Krankheiten und Depressionen. „Männer sterben im Durchschnitt früher als Frauen und haben eine höhere Selbstmordrate“, so der WDR-Text im Internet dazu. Warum? „Gefühle werden unbewusst als gefährlich erachtet, als etwas, was schmerzhaft ist, was nicht Teil von Männlichkeit sein darf“, sagt Süfke. Deshalb reden viele Männer auch so wenig darüber, was sie fühlen...

Text hier.

Das ganze männliche Dilemma ist mir überhaupt nicht neu. Wer Mannsein mit Stärke definiert und die wiederum als den Mangel an Gefühlen – denn die werden traditionell den Frauen zugeschrieben – kann wohl kaum ausführlichen Kontakt zu seinem Seelenleben haben. Diese Verknüpfung ist einer der ältesten Kniffe des Patriarchats, um Frauen für minderwertig zu erklären. Dass das allerdings rein „unbewusst“ geschieht, wie es der Männerexperte zu verstehen gibt, sehe ich nicht. Denn Männer- und Frauenbilder sind – wenn auch sich verändernde – offizielle, in der Mehrheit immer noch von Männern gemachte Politik (im weiten Sinne). Einzig bei Männern prinzipiell immer erlaubtes Gefühl - so mein Eindruck - ist die Aggression. Auch sie ist m. E. in weiten Teilen der Gesellschaft mit Stärke gleichgesetzt.

Tatsache ist jedoch: Wer fühlt lebt! Fühlen erweitert die Wahrnehmung – sowohl die von sich selbst als auch die von anderen. Fühlen intensiviert Interaktion. Und Gefühle wahrnehmen, bedeutet Stärke, denn auf diese Weise spaltet frau/man sich nicht von sich selbst ab. Auch wenn´s manchmal weh tut!

Männer in Frauenräumen

Schön, dass es jetzt anscheinend zunehmend Männer gibt, die sich mehr mit ihrer Seele auseinandersetzen. Das kann dem Zusammenspiel von Männern und Frauen langfristig nur gut tun, beziehungsweise auch den Frauen zu Gute kommen (hoffe ich). Nur: Muss das ausgerechnet in einer der ohnehin im deutschen Fernsehen so raren Frauen-Sendungen sein? Im Zuge der Ver-Genderung (statt um Frauen dreht sich der öffentliche Diskurs zunehmend um Geschlechter) müssen gegenwärtig Frauen Budgets, Raum, Zeit an Männer abgeben, die die Frauenbewegung einst so hart als kleinen Ausgleich zur fehlenden Gleichberechtigung erkämpft hat. Manchmal geben sie auch freiwillig ab, wie es mir hier der Fall mit der frautv-Redaktion scheint.

„Schade“, kann ich da nur sagen. Als regelmäßige Zuschauerin dieser Sendung hätte ich mir da zumindest einen (durchgängigen) frauenspezifischen Blickwinkel auf das Thema gewünscht!

Samstag, 13. September 2008

Das Hausweib und der Beschützer

Die Frau, die ihm den Haushalt schmeißt - nach männlichen Vorstellungen noch immer kein Auslaufmodell. FOTO: FLICKR


VON BRITTA ERLEMANN

Gut 26 Prozent mehr Frauen als Männer schätzen an ihrem(/r) Lebensgefährten(/in) vor allem, dass er (sie) gute finanzielle Ressourcen erwirtschaftet. Fast 19 Prozent mehr Frauen als Männer schätzen an dem (/der) Lebensgefährten (/in), dass er (/sie) sie umsorgt und beschützt.
Dagegen stellen beinahe 33 Prozent der Männer mehr als Frauen positiv heraus, dass die Partnerin (der Partner) gut kochen könne sowie über 16 Prozent der Männer mehr als Frauen, dass die Partnerin im Beruf oder im Haushalt so tüchtig sei.

Das und mehr ergab eine repräsentative Befragung der GfK-Marktforschung im Auftrag der Apotheken-Umschau im vergangenen April zum Thema Paarbeziehungen. Zugrunde liegen 2014 Interviews netto mit Menschen ab 14 in Deutschland. Die Ergebnisse sind nach Auskunft der Pressesprecherin des Wort & Bild Verlages (Herausgeber der Apotheken Umschau), Katharina Neff, bislang nur in einem kurzen Auszug veröffentlicht, mehr dazu folgt in der Oktober-Ausgabe. Befragt wurden rund 2.000 Personen, darunter Männer und Frauen. "Wie bei der durchschnittlichen Verteilung in der Bevölkerung dürfte es sich dabei mehrheitlich um Heterosexuelle handeln, getrennt abgefragt wurde dieser Punkt jedoch nicht“, erklärt sie auf Nachfragen. Bei beiden Geschlechtern ganz vorne rangierte übrigens die Treue als wichtige Eigenschaft (bei Frauen an erster Stelle). Männer favorisierten Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bei der Partnerin.

Klassische Rollenverteilung
Die klassische Rollenverteilung – sie das bekochende Hausweib, er der beschützende Ernährer geistert also auch heute stark in den Köpfen der Menschen in Deutschland herum. Doch was steckt dahinter? Ich könnte jetzt natürlich die letzten 2000 und mehr Jahre Patriarchat rückwärts analysieren. Aber ich möchte einen Blick auf die Gegenwart werfen. Der Mann als Beschützer? 90 Prozent aller Vergewaltigungen an Frauen begehen Männer aus deren sozialen Nahbereich. Also Ehemänner/Partner, Freunde, Väter, Onkel, Chefs und dergleichen. Jede fünfte Frau ist Opfer häuslicher Gewalt[1] durch den Ehemann/Lebensgefährten. Da ist es mit dem männlichen Schützen wohl nicht weit her. Doch der hetero-patriarchale Mythos vom starken Mann, der – natürlich seine – schwache Frau beschützt vor der bösen Welt – ich konkretisiere: bösen Männern - da draußen hält sich hartnäckig. Dass sich Frauen Schutz vor der ganzen Frauenverachtung und Gewalt an Frauen in der Welt wünschen, finde ich bis zu einem gewissen Punkt sogar verständlich. Abgesehen davon, dass jedoch Frauen ihre eigenen Stärken haben, stabilisiert sich dieses vermeintlich Beschützersystem gegenseitig: Weil Männer Gewalt an Frauen ausüben, braucht es andere Männer, die die Frauen beschützen. Mit der Konsequenz, dass sie in beiden Fällen, das (vermeintlich) schwache, unterlegene und von ihm und seinem Wohlwollen abhängige Mäuslein ist. Die Alternative: Männer hinterfragen ihre Rollen und befrieden sich! Nach den Worten einer langjährigen Mitarbeiterin des Kasseler Notrufs für vergewaltigte Frauen wissen andererseits Frauen oft (ich ergänze: sozialisationsbedingt) nicht um ihre Stärken und stehen unter dem gesellschaftlichen Druck, einen Mann an ihrer Seite zu brauchen.

Was den Mann als Ernährer anbetrifft: Angesichts der Tatsache, dass Frauen bereits für die gleiche Arbeit 24 Prozent weniger Lohn erhalten, nimmt es m. E. nicht Wunder, dass Frauen sich wünschen, dass wenigstens er einigermaßen Geld nach Hause bringt. So zementiert sich ökonomische Abhängigkeit! Und zum bekochenden Hausweib, dass im gemeinsamen Heim so tüchtig ist: Anscheinend oder offensichtlich haben auch im 21. Jahrhundert und trotz 50 Jahre Gleichberechtigung im Grundgesetz viele Männer immer noch keine Lust dazu, diese Arbeiten selbst zu verrichten. Nur 50 Prozent der Männer helfen überhaupt im Haushalt. Wobei helfen nicht einmal heißt, dass sie auch die Hälfte der anfallenden Aufgaben verrichten. Sehr bequem, wenn das dann die tüchtige (siehe oben) Ehefrau erledigt.

Es gibt also noch viel zu tun in der Geschlechterwelt!

Sonntag, 17. August 2008

Unrealistische (Hetero-) Sexualität in den Medien

VON BRITTA ERLEMANN

„Die Sexualität muß also keineswegs ein Ort der Geborgenheit in der Paarbeziehung sein, es ist ein Ort, der vielfältige Ängste hervorrufen kann. Mit diesem Satz schließt die Professorin und Psychotherapeutin Verena Kast das Kapitel Sexualität – zwischen Geborgenheit und Angst in ihrem Buch Vom Sinn der Angst. Und sie spricht dabei nicht etwa ausdrücklich von sexueller Gewalt in Beziehungen. Kast geht es um die Kluft zwischen dem Bild von Sexualität in den Medien und der real erlebten und gelebten. Und das verunsichert: „Aus den Medien und den Illustrierten gewinnt man die Botschaft, dass fast jeder und fast jede – außer man selbst – ständig ein aufregendes, reiches Sexualleben hat“, beruft sie sich auf das Buch Sexwende. Liebe in den 90ern. „Zudem erhärtet sich der Eindruck, dass das auch das Allerwichtigste ist im Leben“, schreibt sie weiter. Demgegenüber stellt sie Umfrageergebnisse, nach denen sich sexuelle Lustlosigkeit breit macht. So hätten siebzig Prozent der Frauen, die länger als fünf Jahre verheiratet sind, außerehelichen Geschlechtsverkehr (Männer 75 Prozent). 76 Prozent dieser Frauen gaben als Grund die Entfremdung von ihren Ehemännern an, 21 Prozent, dass sie zuhause nicht genügend oder nur unbefriedigenden Sex bekommen (Quelle: Frauen und Liebe. Der neue Hite-Report, 1988).

leere (seelische und beziehungsmäßige ?) Innenwelt

Der Mythos von Sexualität, den die Medien entwerfen, suggerieren nach Kast „Wenn ich mich diesen Bildern gemäß verhalte, bekomme ich das gewünschte, dann habe ich die Lebensgefühle, die die Medien vermitteln.“ Es fände dabei eine Entleerung der Innenwelt in die Außenwelt statt. „Symbol wäre die Sexualität für lustvolle, angeregte, interessierte gegenseitige Durchdringung von zwei Welten, für Prozesse des Sich-Kennens und Erkanntwerdens, verbunden mit der Erfahrung und der Sehnsucht von Lebendigkeit, geglücktem Leben, Ganzheit, Identität und Entgrenzung, also letztlich einer Verbindung mit etwas, das über uns hinausgeht.“ Diese Fiktion von Sexualität in der Medienwelt ist nach den Worten der Professorin an der Universität Zürich fast ausschließlich heterosexueller Natur. Der normalerweise unternommene Versuch, Realität und Fantasie einander an zu nähern könne im Leiden enden in dem Moment, wo das nicht gelingt. Oder in Spaltung. Dann seien Fiktion und Realität eben unvereinbar. Sehnsucht hin oder her. (Heißt für manche/n auch Leiden oder?, d.A.) „Eine Kultur der Lust wird (in den Medien) kaum dargestellt, auch keine Dialoge der Liebe. Ein Gebiet also, das geradezu die Ängste herausfordert, schaut man genau hin, und das auch eine neue Beziehungskunst herausfordern würde.“ (Kast)

Frauen: Böses Erwachen

Zudem seien die sexuellen Bedürfnisse von Frauen und Männern nicht dieselben. „Es ist empirisch bewiesen, dass Frauen, die ökonomisch abhängig sind, sich sexuell anzupassen, sich selbst verleugnen“, schreibt sie, sich auf Sexwende beziehend. Mögliche Ziele nach Kast: Nähe, ein gutes Selbstwertgefühl, Geborgenheit, ein Zuhause. „Das Erwachen für die Frauen kommt nach Hagemann-White dann, wenn `Liebessehnsucht und Aufopferungsphantasien enttäuscht sind.´“ Es sei schwer zu sagen, ob der Grund für den (oben genannten) außerehelichen Sex darin liege, dass sich die Frauen in der Ehe emotional allein gelassen und wenig geachtet fühlen, dass sie also in einer Außenbeziehung einen Menschen fänden, der sie mehr beachtet, sie ernst nimmt und ihnen das Gefühl gibt, begehrenswert zu sein, oder ob es bei den Frauen um das Zurückgewinnen der eigenen Sexualität gehe, jenseits der sexuellen Anpassung an den Partner.

Konsequenz aus Kasts Betrachtungen der Sexualität in den Medien ist, dass aus dieser Fiktion Menschen nicht wirklich lernen können, wie sie Liebe und Sexualität leben können oder zumindest kaum. Fragt sich, welchen Zweck dieses Spiel mit den menschlichen Sehnsüchten, der menschliche Fantasie hat. Kommerz? Patriarchale Wert- und Machterhaltung? Gezielte Volksverdummung nach dem Motto Sex ist das (süchtigmachende!) Opium für´s Volk? Fakt ist: Wir brauchen (nicht nur) demnach eine neue Sexual- und Erotikkultur in den Medien. Basis: Respekt, Gleichberechtigung, Kommunikation, Einfühlung!

Verena Kast, Vom Sinn der Angst – Wie Ängste sich festsetzen und wie sie sich verwandeln lassen, Freiburg, 1996/2007

Sonntag, 3. August 2008

Where the green, green grass grows...

Von irischen Männerumarmungen



FOTO: FLICKR


VON BRITTA ERLEMANN


Ganz leidenschaftliche Journalistin und auch an nicht-deutschen Kulturen Interesssierte habe ich natürlich auch im Urlaub die Presse verfolgt - in diesem Fall die irische. Besonders in meinem Visier: The Irish Times. In Sachen Geschlechterfragen gab es da am letzten Samstag im Juli beispielsweise gleich Mehreres zu lesen: Von einer tibetischen Schriftstellerin und Aktivistin in China, die öffentlich Kritik übt und von einem Buch über die Ehefrauen der berühmten französischen Maler Cèzanne, Monet und Rodin, namentlich Hortense, Camille und Rose. Oder auch von dem einzigen offen schwul lebenden Bischof der anglikanischen Kirche aus den USA. Und endlich dann noch etwas original Irisches - ein Artikel über die öffentliche Männerumarmung. Um den soll es hier gehen. Schließlich wollte ich aus meinem Reiseland etwas mitbringen:

Da hatte doch der französische Staatspräsident Nicolas Sarcozy den irischen Ministerpräsidenten Brian Cowen bei seinem jüngsten Staatsbesuch in Dublin in große Verlegenheit gebracht. Nicht nur griff ersterer sich den Iren zum Abschied, um ihn zu umarmen, sondern auch gleich noch für einen Doppelwangenkuss. Auf die Umarmung ging Cowen nach der Beschreibung der irischen Journalistin Shane Hegarty noch vertrauensvoll ein. "Kulturell im Hintertreffen, zögerte Cowen und kompensierte dann, indem er ein bisschen überzog", berichtet sie. "Erst einmal zurück in seiner Staatskarosse, muss es Sarkozys erster Akt gewesen sein, die Spucke von seinem linken Ohr zu wischen." (...)



Andere Länder andere Sitten



"Öffentliches Zeigen von Zuneigung gegenüber anderen Männern bleiben den männlichen Iren größtenteils fremd. In Frankreich küssen sich Männer zwei mal zur Begrüßung und zum Abschied. In Italien untermalen sie das manchmal mit einer Bären-Umarmung. In manchen Kulturen halten männliche Gefährten Händchen", stellt die Kollegin unter anderem fest.
Abgesehen davon, dass sich die Autorin des Artikels fragt, inwieweit die französisch-irische Umarmungsgeselligkeit ein privater Kampf um Vorherrschaft zwischen den beiden Führern war: Der Soziologe Paul Anthony Ryan erklärt zum Beispiel im Text: "Als Blair Bush vor ein paar Jahren traf, wurde viel diskutiert, wer wen mit seinem Arm geführt hat. Es gibt ein Protokoll, nach dem Männer lieber der Führende als der Geführte sein wollen."

Derselbe Soziologe sieht jedoch, dass sich der körperliche Umgang unter Männern und auch mit Frauen in Irland verändert hat: So sei vieles in jüngerer Zeit zwangloser geworden, inklusive Kleidung, wie man spricht und interagiert. "Damit einhergehend ist es zu einer Veränderung der Etikette um das Begrüßen gekommen, besonders, was das Grüßen von Männern anderer Männer betrifft", schreibt Hegarty weiter. So geben in der englischsprachigen Welt diverse Medien Definitionen von der neuen (echten, d.A.) Männerumarmung. Die London Times etwa unterscheidet deutlich von der Umarmung per Klaps/leichtem Schlag (wohl auf den Rücken) und der streiche(l)nden (dann wohl weiblichen oder erotischen) Umarmung. Übrigens, so hält die Journalistin fest, sei öffentliche Intimität unter Männern nicht das Vorrecht von Gesellschaften mit aufgeklärten Einstellungen gegenüber Homosexualität, sonst müsste Saudi Arabien eine Bastion der Toleranz sein.

Bloß nicht weiblich sein



Pat Fitzpatrick, Soziologe an der Universität Limerick (Irland) erklärt das Zurückschrecken der irischen Männer vor dem herzlichen Körperkontakt mit ihresgleichen so: "Männer tendieren dazu, ihre Emotionalität zu überwachen und zu kontrollieren, damit sie nicht in irgendeiner Hinsicht feminin erscheint. Auf diese Weise distanzieren sie sich von allem, was Ausdruck von Weiblichkeit beinhaltet. Es gebe eine Übereinkunft darüber, was es heißt, ein Mann zu sein und wie sie Stärke ausdrücken, und das soll nicht aufgeweicht werden." Und er sieht trotzdessen, dass sich einige Aspekte von Männlichkeit in den letzten Jahren verändert haben, eine Verunsicherung und Ängste bei den Männern, wie sie sich korrekt verhalten (sollen). Einzige Ausnahme: Männerkörperkontakt im Sport.

Was sagt uns das jetzt für good old Germany? Und was hat das vor allem mit uns Frauen zu tun? Erstens: Wenn ich hierzulande Männer beim Umarmen sehe, beobachte ich oft den von der London Times als männlich definierten Klaps auf den Rücken (oder mehrere davon hintereinander). Sanftes Streichen ist mir noch nicht untergekommen. Küsschen links und rechts? Vor allem unter Männern und ähnlich wie in Irland - eher undeutsch! Da sind sich die beiden Länder also durchaus ähnlich. Auch darin, wie sie sich in Sachen Männerkörperlichkeit in den letzten Jahren entwickelt haben. Und wir Frauen? So lange ich das bewusst wahrnehmen kann (also etwas mehr als die letzten 30 Jahre), gehen Frauen in Deutschland untereinander phyisch herzlicher miteinander um als Männer. Die Angst der Männer vor der (eigenen) Weiblichkeit sehe ich auch hier. Und damit implizit vor dem vermeintlich Minderwertigen. Warum sonst ist schwul/Schwuchtel und damit auch der gefühlvoll körperliche Umgang unter Männern auf der Schimpfwortrangliste in diesem unserem Lande ganz oben? Weil Schwulsein mit Femininität assoziiert ist. Zum Beispiel rät der oben erwähnte schwule Bischof Gene Robinson in derselben Irish Times seinen schwulen Kollegen auch dazu, auf die öffentliche Einstellung der Gesellschaft gegenüber Homosexualität ein zu wirken, indem sie sich vorrangig um die Frauenfrage kümmern. Alles andere folge automatisch. So erscheint die Verweiblichung des Männlichen als möglicher Schritt, das Weibliche in Person, nämlich die Frau (die übrigens ja auch so genannte männliche Anteile hat) auf zu werten. Zwingend ist das nicht. In so manch patriarchaler Gesellschaft halten beispielsweise (auch Hetero-)Männer Händchen. Aber frau soll ja die Hoffnung nicht aufgeben...

Donnerstag, 10. Juli 2008

Lesben in Medien unterrepräsentiert

Das offizelle Logo zur Kampgane
Foto: L-mag


VON BRITTA ERLEMANN

Hurra! Es wird fünf! Nein, kein kleines Mädchen ist hier gemeint, sondern das L-mag. Deutschlands derzeit einzigstes bundesweites Magazin für Lesben. Eine fast hundertjährige Tradition lesbischer Zeitschriften fortsetzend, gibt es das Hochglanz-Heft im A4-Format seit geraumer Zeit im Zeitschriftenhandel. Mit einer Mischung aus Politik und Gesellschaft, Kultur, Sport, Szene und Stars, Liebe und Erotik deckt es unterhaltsam bis kritisch und manchmal auch etwas unkritisch lesbische Themen ab. Zum Fünfjährigen startet L-mag die Kampagne „Deutschland wird lesbisch“ und sagt damit lesbischer Unsichtbarkeit und Bedeutungslosigkeit den Kampf an – zusammen mit den Leserinnen. (Mehr im Heft)

Ich bin eine davon. Dass L-mag in dieser Art allein auf weiter Flur ist, spricht für sich. Aber nicht nur in kompletter Zeitschriftengestalt, auch in den konventionellen bis linksalternativen Medien sind Lesbenthemen selten. Seltener als Lesben in der Gesellschaft. Hier die Erfahrung einer lesbischen Kollegin aus dem Journalistinnenbund, die unter anderem hin und wieder versucht, lesbische Themen an zu bieten: Lesbenthemen gehen sehr schwer finde ich, ich bekomme oft zu hören, die Redaktion hätte schon oft was dazu gemacht. Dann stellt sich heraus, dass das höchstens alle zwei Jahre passierte... Aber es nutzt nichts, darauf hinzuweisen, dass dieses oft sehr relativ ist. Die Selbstherrlichkeit der Redaktionen in diesem Punkt ist grenzenlos.

20 Jahre lesbische Journalistin

Dass sich Medien wie Öffentlichkeitsarbeit und deren Umfelder manchmal oder auch öfter mit lesbischer und schwuler Lebensweise ganz gehörig beißen, habe ich schon früh erfahren müssen:
In der Schülerzeitung unseres Gymnasiums hatten wir einen Artikel eines schwulen Schülers über das Schwulsein veröffentlicht. Die Folge: Der Direktor hielt meiner Mitredakteurin und mir eine Moralpredigt, der Artikel sei jugendgefährdend. „Toll“, dachte ich als Jung-Lesbe damals sarkastisch, „ich bin jugendgefährdend!“ Und er erklärte uns, sollten wir Homosexualität noch mal zum Thema machen, werde er die Zeitung verbieten. Zusammengestaucht und angstvoll, aber auch trotzig verließ ich damals das Rektorzimmer. Das war Ende der 80er Jahre.
Zehn Jahre später regt sich die Chefredaktion einer Zeitung, für die ich als Freie arbeite, auf, weil ich zwei Artikel über die örtliche Lesbenwoche verfasst habe. Einen Veranstaltungsüberblick und ein Porträt über eine polnische Kulturwissenschaftlerin, natürlich lesbisch und als Referentin hier zu Besuch. Beide Texte hatte ich in Absprache mit der Redaktionsleitung produziert. Über so etwas schreibe man in diesem Medium nicht, kommt mir aus der Chefetage zu Ohren. Prompt bekomme ich Angst um meine gerade im Haus laufende Bewerbung für ein Volontariat. Tatsächlich wurde sie dann von der Chefredaktion abgelehnt. Und als ich nachhakte, ob es wegen der Artikel über die Lesbenwoche gewesen sei, die seien abgesegnet gewesen, hieß es: „Das spielt überhaupt keine Rolle, ob die abgesegnet waren!“ Heiß überlief es mich als ich zum Abschied nach diesem Gespräch notgedrungen und widerwillig dem Chefredakteur die Hand gab. So fühlt es sich an, wenn man gedemütigt worden und machtlos ist. Was ich aus seiner Aussage schließe, mag sich die geneigte Leserin/der geneigte Leser denken. Meine freie Mitarbeit bei diesem Medium habe ich dann in Folge schrittweise aufgegeben.

Angekommen im neuen Jahrtausend

2002. Vorstellungsgespräch für eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit in einem christlichen Krankenhaus. Ein Pfarrer, Leiter der Klinik, fragt mich, ob ich Lesbe sei (wahrscheinlich, weil in meinem Lebenslauf auch die „Krampfader-FrauenLesbenzeitschrift“ aufgelistet ist). Ich: „Ja, ich lebe so. Haben Sie damit ein Problem?“ Er: Nein, aber er wisse, dass das in seinem Umfeld durchaus auch anders gesehen werde. So werde auch die Homo-Ehe kontrovers diskutiert. „Aber nach dem christlichen Glauben soll doch jeder Mensch so angenommen werden, wie er ist, und also auch Lesben und Schwule“, entgegne ich. – Er gibt mir Recht. Mit gemischten Gefühlen gehe ich aus dem Gespräch: "Welche Hetera hätte dieser Pfarrer wohl jemals in einem Vorstellungsgespräch gefragt, ob sie Hetera ist?", denke ich verärgert. Und selbstbewusst-trotzig bis erleichtert: "Andererseits sind so die Karten auf dem Tisch. Wenn er mich deswegen nicht nimmt, bin ich in dem Krankenhaus verkehrt!" Angst habe ich auch - dass er mich nicht einstellt deswegen. Die Stelle bekomme ich schließlich nicht und auf mein Nachhaken keine klare Antwort. Immerhin wurde mir so klar, dass ich dort nicht gut aufgehoben gewesen wäre.
2008 Eine mir sehr nahe stehende (heterosexuelle) Person hat entdeckt, dass ich als Journalistin in einem lesbischen Online-Branchenbuch eingetragen bin. Klar nach zu lesen, wenn frau/man meinen Namen in die Google eingibt. Sie rät mir, meine Daten dort zu löschen. Das könne mich den einen oder anderen Job kosten. Klar! Das weiß ich. Nicht, dass ich keine Angst davor hätte. Aber ich habe das Versteckspiel und die in Schulzeiten so gut gelernte Rhetorik des Verschweigens satt. Und für homophobe ArbeitgeberInnen mag ich ohnehin nicht tätig werden. Den Stress möchte ich mir nämlich ersparen!
Was all diese Situationen eint? Das Gefühl, mit meinem Lesbischsein nicht wirklich erwünscht und sicher zu sein. Weder privat noch als Journalistin.

Kleiner Exkurs

Für all jene, die jetzt meinen: „Was müssen die Homos auch immer ihre Sexualität so vor sich hertragen. Das geht doch niemand was an, was die im Bett tun?!“, nur dies: Haben Sie am Arbeitsplatz schon mal Ihren Partner (natürlich anderen Geschlechts) erwähnt? Tragen Sie einen Ehering? Holt Sie Ihr Partner manchmal von der Arbeit ab? Haben Sie schon mal an der Arbeit gegenüber der guten Kollegin erzählt, dass sie gerade verliebt sind und von xy geschwärmt – oder Ihren Trennungsschmerz ausgedrückt? (Vom Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit ganz zu schweigen.) So offen und selbstverständlich möchte ich mit meiner Lebensweise auch umgehen dürfen, und zwar gefahrlos!

Out mit L-mag

Einstweilen erlaube ich mir, in aller Öffentlichkeit L-mag zu lesen, wie neulich im Zug. Was die Dame gegenüber sich gedacht hat – so sie denn einen Blick auf die aufgeschlagene Zeitschrift geworfen hat – weiß ich nicht. Aber eines ist mir klar: Ich oute mich bereits, wenn ich unter den Augen eines Publikums dieses Magazin auch nur lese. Ich bin also damit als Lesbe sichtbar, ganz wie sich die L-mag-Kampagne das wünscht. Und dieses Medium trägt ganz sicher auch dazu bei.

Sonntag, 6. Juli 2008

Den inneren Überzeugungen folgen

VON BRITTA ERLEMANN

Als ich einer Freundin von Malwida von Meysenbugs Roman "Florence" erzählte, und dass es weh tue, ihn zu lesen, fragte sie mich, ob ich mich mit der Protagonistin identifiziere. - Muss es nicht weh tun, einfühlend lesend mitzuerleben, wie eine junge Frau durch Erziehung so in ihrem Wesen beschnitten wird - wie ein Baum, der seine Äste dem Licht entgegenstreckt und immer wieder zurechtgestutzt wird? Denn die Hauptfigur Florence, die versucht, ihren inneren Überzeugungen, ihrem eigenen Wahrheits- und Gerechtigkeitsempfinden zu folgen, wird von der Elterngeneration ein ums andere Mal zurechtgewiesen. So erklärt etwa die Mutter ihr an einer Stelle, ein junges Mädchen müsse keinen eigenen Charakter haben. Verwirrungen bei der Protagonistin bleiben nicht aus. Das Ganze gipfelt in einer Art symbolischem Mord der Tochter durch den Vater.

In dem 1860 abgeschlossenen Bildungs- und Entwicklungsroman übt die Autorin Gesellschaftskritik, indem sie die bestehenden Beziehungen von Geschlechtern, Ständen, insbesondere der Eltern zu ihrer Tochter Florence und die Folgen mit scharfem Verstand zeichnet. "Trotz des englischen Milieus waren alle in diesem Roman aufgeworfenen Fragen auf deutsche Verhältnisse übertragbar und sind noch jetzt aktuell", heißt es auf den Internetseiten der Kasseler Malwida von Meysenbug-Gesellschaft. - Die Ausprägungen der behandelten Probleme sind sicherlich heute subtiler geworden, haben aber im Wesentlichen tatsächlich nach wie vor Relevanz.

Malwida von Meysenbug (1816-1903), geboren in Kassel, gestorben in Rom, ist vor allem durch ihre Autobiografie "Memoiren einer Idealistin" bekannt geworden. Sie gehört zu den Frauen, die sich durch Wort und Tat am demokratischen Aufbruch von 1848 beteiligten und sich für die Frauen in der Gesellschaft einsetzten. Sie wurde von der politischen Polizei überwacht und setzte sich deshalb nach England ab. Dort schlug sie sich in den Jahren 1852-62 als Privatlehrerin, Erzieherin und Übersetzerin durch, schrieb aber auch politische und kulturpolitische Beiträge für deutsche Blätter. Ihr im Nachlass als handschriftliches Manuskript überlieferter Roman "Florence" ist jetzt erstmals veröffentlicht worden.

Malwida von Meysenburg "Florence - Roman aus dem viktorianischen England", Herausgegeben von Ruth Stummann-Bowert im Auftrag der Malwida von Meysenbug-Gesellschaft, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, 104 Seiten, 16.80 Euro.
Der Roman ist zu beziehen über:
http://www.meysenbug.de/